Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an libri.de-Geschäftsführer Per Dalheimer.
Per Dalheimer, seit 2002 Geschäftsführer der Libri-Tochter libri.de, hatte am Mittwoch Grund zum Jubeln. Im Oktober 2011 sei es libri.de erstmals gelungen, E-Books beim Absatz an die vorderste Stelle unter den Verwertungsstufen zu setzen – vor Taschenbüchern und Hardcovern. libri.de betreibt neben der eigenen Website mit dem stationären Handel etwa 1.000 sogenannte Partner-, White-label- oder ASP-Shops.

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Per Dalheimer, Sie warten diese Woche mit einer Nachricht auf, wie man sie sonst nur von amazon.com kennt – ist das schon der Durchbruch für E-Books?
Per Dalheimer: Diese Zahlen lassen sich nicht ohne weiteres auf den Gesamtmarkt übertragen. Physische Bücher bleiben weiterhin die wichtigste Buchform und liegen auch im Zentrum unserer Aktivitäten. Die aktuellen Zahlen zeigen aber auch, dass Kunden das für alle Anbieter offene und inzwischen etablierte E-Book-Format EPUB positiv annehmen. Sie sind ein Frühindikator für das Kommende. Wichtig ist, dass Buchhändler dieses Potenzial früh für sich erobern. Dazu stellen zum Beispiel wir interessierten Buchhändlern mit Libri.Shopline eine umfassende Internetlösung zur Verfügung, die „P“ und „E“ gleichermaßen beherrscht.
Pressemitteilungen wie diese muss man ja sorgfältig lesen, vor allem wenn sie aus einem Unternehmen mit Ihren weit verzweigten Verbindungen kommen. Sie sagen, Sie haben unter www.libri.de im Oktober 2011 mehr E-Books als Taschenbücher verkauft. Heißt das, in diesem Ergebnis kommen die Absätze Ihrer etwa 1.000 Partner-Shops genauso wenig vor wie die Absätze von Internethändlern wie buecher.de?
Per Dalheimer: Die Zahlen beziehen sich auf www.libri.de allein.
Wie viele Null-Euro-Artikel kommen in diesem Ergebnis vor?
Per Dalheimer: Wir haben nur bezahlte Bücher in den Vergleich einbezogen. Grundsätzlich betrachte ich den Druck, den die Gratiskultur anderer Anbieter ausübt, mit Sorge, da sie ein falsches Marktsignal bezüglich des Wertes von digitalen Büchern setzen.
Sie haben einige wichtige Erfolgsfaktoren genannt: die hohe Zahl von 500.000 verfügbaren Titeln, den neuen, sehr funktionalen Shop, die nahtlose Integration von E-Content und P-Content. Wirken sich auch Einzeltitel-Konjunkturen auf die Zahlen aus? Und welche Titel sind das?
Per Dalheimer: Neben dem typischen E-Book-Genre Krimis ist das E-Book-Geschäft aktuell stark Bestseller-lastig, d.h. die vorn platzierten E-Books sind ein Abbild der belletristischen Spiegel-Bestsellerliste und auch Spiegelbild der aktuellen Titelverfügbarkeit. Wenn ich in den GfK-Zahlen lese, dass 72% der kleinen Verlage letztes Jahr noch kein E-Book verkauft haben, dann wird es jetzt höchste Zeit, dass sie ihre Inhalte als elektronische Bücher im Markt anbieten. Libri unterstützt da mit Rat und Tat.
Lassen Sie uns ein wenig Statistik treiben: wie viele Ihrer E-Books sind als EPUB lieferbar, wie viele als PDF?
Per Dalheimer: Es sind 75.000 EPUBs und über 300.000 PDFs, die Kunden auch in allen von uns bereitgestellten ASP-Internetshops der Buchhändler kaufen und sofort runterladen können.
Wie hoch war im Oktober der Durchschnittspreis bei E-Books, verglichen mit allen gedruckten Büchern?
Per Dalheimer: Lassen Sie es mich so sagen: E-Books und Taschenbücher liegen nicht zu weit auseinander und GfK spricht von einem durchschnittlichen Endverbraucherpreis von knapp 9 €.
Wie viel vom E-Book-Segen kommt im Netzwerk der ASP-Shop-Partner an?
Per Dalheimer: Das hängt allein vom Engagement der Buchhändler ab und variiert von Fall zu Fall. Einige unserer White-Label-Shops verzeichnen E-Book-Absätze in zweistelliger Prozenthöhe. Es ist also eine propagandistische Falschbehauptung, dass das E-Book-Geschäft am stationären Handel zwangsläufig vorbeigeht.
Haben Sie eine Empfehlung an die stationären Händler, wie diese den E-Book-Absatz ankurbeln können?
Per Dalheimer: Voraussetzung sind eine positive Grundeinstellung und ein beherztes in-Angriff-nehmen. Wenn mir als Buchhändler selbst die Affinität zu neuen Medien fehlt, dann sollte ich schauen, wen ich zum sogenannten „E-Book-Verantwortlichen“ in meinem Laden mache. Wir helfen dann gern mit Schulungen in Form von Webinaren oder auch Veranstaltungen und stellen die Shoplösung bereit, mit der Kunden von Buchhändlern nicht nur E-Books über den PC kaufen können, sondern diese schon heute mit der von uns bereitgestellten eBookS Reader-App auf allen wichtigen Tablets und Mobiltelefonen lesen können.
Haben Sie den nun schon fast vergangenen November bereits analog ausgewertet – setzt sich der Oktober-Trend ungebrochen fort?
Per Dalheimer: Der Trend setzt sich fort. Und Buchhändler können daran partizipieren, wenn sie ihren Kunden im Weihnachtsgeschäft Reader anbieten und so ihre Kunden früh an sich und an den offenen EPUB Standard binden. Zum Beispiel ist der neue Sony Reader, der über LIBRI bezogen werden kann, das Spitzengerät seiner Klasse, eine Top-Marke und mit einer unverbindlichen Preisempfehlung in Höhe von 149 € ein unvergleichbar gutes Angebot.
Ihr neuer Shop hat bereits viel Lob bekommen. Auf welche Merkmale sind Sie besonders stolz?
Per Dalheimer: Es sind im wesentlichen drei Faktoren, die Libri.Shopline auszeichnen: Erstens: Die nahtlose Integration von physischen Büchern mit elektronischen Büchern und die damit verbundene Wahl für Kunden, sich die Bücher per Post nach Hause senden zu lassen, sie im Laden abzuholen oder Titel einfach runterzuladen und z.B. per Reader-App auf dem Tablet zu lesen. Zweites: der Multichannel-Ansatz, der Laden und Internet verknüpft. So können Buchhändler durch die Kombination von Shopline und unserer Warenwirtschaft JWWS z.B. Ladenbestände im Internet anzeigen lassen. Die einfache Darstellung der eigenen Inhalte über den neuen Shopmanager und die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten sind der dritte Faktor. Sehen kann man das bei www.pustet.de, die wir diese Woche live geschaltet haben. Und um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Auf diese Umsetzung sind wir ein wenig stolz.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.