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Erschreckend viele leere Plätze / Neue Formen und neue Inhalte für die Zukunft nötig

Arkadensaal des Goethe-Hauses

Heute fand letztmalig im Goethe-Haus in Frankfurt das 9. Branchenparlament des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels statt – mit vielen leeren Plätzen. Das 10. Parlament wird im neuen Haus des Buches nächstes Frühjahr in der Braubachstraße zusammenkommen.

Die heftig diskutierten 55 Thesen zur Zukunft der Branche standen im Mittelpunkt der Tagung. Parlamentvorsitzender Matthias Heinrich erläuterte dazu, dass diese Thesen einen Korridor vorgaben, wohin sich die Branche bis 2025 entwickeln könne. Dabei ging es weder um destruktive noch konstruktive Stellungnahmen, sondern um Denkanstöße. Der Verband müsse aufpassen, dass seine Wirtschaftstöchter nicht in Konkurrenz zu den Mitgliedern stehen, sonst könnten Austritte folgen.

Matthias Heinrich merkte an, dass von vier Zwischenbuchhändlern nur zwei anwesend seien. Ist das wie auch die vielen anderen leeren Plätze als Branchenmüdigkeit zu deuten? Zweifellos gäre es doch in allen Sparten. „Wir müssen darauf achten, die Orientierung auf die von uns so hoch geschätzten immateriellen Werte nicht zu verlieren“, warnte der Vorsitzende.

Umbreit-Chef Thomas Bez schloss sich an: „Ich hoffe, wir haben heute nicht überhaupt das letzte Branchenparlament“, sagte er und sprach von einem „Aderlass“. „Als ich vor 30 Jahren in die Abgeordnetenversammlungen kam, war ich stolz darauf. Heute bin ich aus Verantwortungsbewusstsein hier“, bekannte er.

Auch der Vorsteher des Börsenvereins, Gottfried Honnefelder, bekräftige die Worte von Thomas Bez. „Das 10. Parlament muss sich Gedanken machen, wie es weiter geht.“ Allerdings habe sich auch das Parlament im Laufe der Zeit entwickelt, es werde neue Formen und neue Inhalte für die Zukunft finden müssen. – Die Frage, wie das Parlament attraktiver gestaltet werden kann, gab Matthias Heinrich dem Vorsteher praktisch vorab als eine Art „Frankfurter Erklärung“ mit auf den Weg.

Zum Thema Zukunftsszenarien folgten Vorträge.

Zunächst lobte Karl-Peter Winters, Vorsitzender des Verlegerausschusses, die offene Diskussion auf der Zukunftskonferenz, die spartenübergreifend war und Probleme klar benannte. Das, so der Redner, könne als Demonstration der Bereitschaft, sich den Dingen zu stellen, gewertet werden. Für den Verband bedeute das, alle Mitglieder dabei zu unterstützen.

Die in Aussicht gestellten Veränderungen in den nächsten Jahren betreffen die Arbeit der Verlage in allen Bereichen. Während die Bedeutung von Printerzeugnissen zurückgehe, steige die Wertigkeit von Content. Entsprechend werde der Online-Handel zulegen, das stationäre Sortiment verlieren. Das erfordere neue Geschäftsbeziehungen auch mit branchenfremden Unternehmen.

Neue Produkte müssten entwickelt werden, hohe Qualitätsstandards seien auch im Netz erforderlich. „Wir brauchen mehr Technologiekompetenz“, resümierte Karl-Peter Winters. Wünsche an den Verband formulierte er ebenfalls:

o um Unterstützung zu leisten, müsse der Verband selbst innovativ sein;
o es müssen bessere Daten zur Verfügung gestellt werden, um Orientierungen zu erleichtern;
o die Marktforschung müsse über die E-Book-Studie hinaus verstärkt werden;
o stärkeres Marketing für die Branche ist notwendig, alle Sparten müssen mehr in der Öffentlichkeit wahr genommen werden;
o geistiges Eigentum respektive Urheberrecht müssen geschützt werden;
o die Zusammenarbeit mit Autoren soll gefördert werden;
o das Verhältnis zu global Playern wie Apple oder Google muss geklärt werden;
o der Direktvertrieb der Verlage wird zunehmen – der Verband müsse dafür sorgen, dass alle Sparten erhalten bleiben und zwischen ihnen vermitteln.

Für die Sortimenter nahm Ausschussvorsitzender Heinrich Riethmüller Stellung:

o die Buchhändler müssen sich mit den Kunden auseinandersetzen, sie dort abholen, wo sie sich befinden;
o Internetplattformen sind unabdingbar; so könne der Buchhändler 24 Stunden erreichbar sein. Er muss seinen Internetshop wie eine eigene Filiale behandeln und führen.
o Jede schließende Buchhandlung bedeute auch einen Verlust für die Verlage. Deshalb sollten diese über bessere Konditionen – denen im Internet ähnlich – für Sortimenter nachdenken.

Heinrich Riethmüller warnte die Verlage: „Warten Sie nicht ab, bis Sie auch keine Luft mehr zum Atmen haben.“ Dabei wolle er keinen Schutzzaun um die Sortimenter errichten, sondern bitte um Unterstützung. Das betreffe auch E-Books; die Sortimenter müssten ungehinderten Zugang dazu haben. Die vom MVB vorgestellte Lösung des Liro-Readers und eines eigenen Webshops [mehr…] lobte Heinrich Riethmüller dabei ausdrücklich.

Überlegungen aus der Sicht des Verbandes trug Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis vor. Er machte auf die Unterschiede zwischen technologischer Entwicklung und Inhalten aufmerksam, beides dürfe nicht verwechselt werden: „Wir wollen die Partizipation in neuen Märkten gewährleisten“, unterstrich er. Auch der Verband stehe vor Veränderungen; die „Schönwetterfahrt“ sei vorbei. Aufgabe sei es, Veränderungen abzubilden, zu verarbeiten und weiter zu geben.

So wurde vor vier Jahren das Forum Zukunft aus der Taufe gehoben, ein Ergebnis sei das Nachwuchsparlament.

Wichtig sei unvermindert die Lobbyarbeit. Innerhalb der Medienkonkurrenz muss die Stellung des Buches besser herausgehoben werden, eine entsprechende Kampagne sei in Vorbereitung.

Alexander Skipis fragte außerdem provozierend, ob das Buch bei 800 Millionen Facebook-Usern – eine Entwicklung von nur sieben Jahren – künftig überhaupt noch gebraucht werde.

Für den MVB antwortete Ronald Schild. Das Unternehmen sei ein Innovationsmotor der Branche und kümmere sich um zwei Themen: Handel und Kommunikation. Bei den Leistungen des MVB sei Neutralität ein übergeordneter Wert. Mit den Online-Shops habe man nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt, der Liro-Reader werde ab nächste Woche im Buchhandel verkauft. Und: Im nächsten Jahr seien Apps geplant.

Innovation bedeute allerdings auch Investition. So wurden für den Aufbau von libreka! fünf Millionen Euro benötigt – eine Summe, die erwirtschaftet werden muss. Umso mehr seien marktfähige Produkte gefragt.

Monika Kolb-Klausch berichtete über die Entwicklung des mediacampus’ in Frankfurt-Seckbach. In diesem Jahr werde unter der Bilanz eine schwarze Null stehen, ein Erfolg. Die Schulen des Deutschen Buchhandels wurden zu einem Wirtschaftsunternehmen umstrukturiert, eine große Aufgabe.

Im Jahr 2011 haben 500 Menschen die verschiedenen Ausbildungen abgeschlossen, eine Zahl, die 2012 deutlich höher liegen werde. Die Weiterbildung habe sich stark verändert und differenziert: 4000 Menschen hatten 2010 mit dem mediacampus Kontakt. Gespräche in Seckbach zeigen: Die Veränderungen in der Branche werden oft als Bedrohung wahrgenommen. Das bedeute, dass es künftig darauf ankomme, Branchenmenschen besser zu erreichen. „Veränderungsprozesse lassen sich nur mit gut ausgebildeten Menschen gestalten“, resümierte die Bildungsdirektorin und wies gleichzeitig auf ein bevorstehendes Jubiläum hin: Die Schulen des Deutschen Buchhandels feiern 2012 ihr 50jähriges Bestehen.

Zur Rolle der Buchmesse sprach Juergen Boos, Direktor der AuM. Das Unternehmen habe drei Aufgaben: die Frankfurter Buchmesse, die Präsentation deutscher Bücher im Ausland und die internationale Vernetzung der Branche. Die AuM erziele einen Jahresumsatz von 30 Millionen Euro, 93 Prozent werden auf der Frankfurter Buchmesse generiert. Ziel der Aussteller ist es, viele Kunden zu kontaktieren. – Während die verkaufte Fläche zurück gehe, werden Dienstleistungen wichtiger. Die Teilnahme an Bezahlprogrammen konnte 2011 verdoppelt werden.

Entwicklungen auf den internationalen Buchmärkten werden auch auf der Messe spürbar, so habe man sehr wohl wahrgenommen, dass Spanien im Buchhandel Umsatzverluste von 30 bis 40 Prozent verzeichnet. International betrachtet, spiele gegenwärtig beispielsweise das E-Book weder in Frankreich noch in Japan eine Rolle. Dagegen hat sich der Rechtehandel entscheidend geändert, er sei zu einem Rückgrat der Messe geworden.

2012 wird die AuM auf 13 internationalen Messen vertreten sein. Networking ist wichtig, doch die Menschen hinter den Botschaften seien wichtiger, meinte Juergen Boos und bezeichnete die Messe „als erweiterungsfähiges Puzzle“.

In der anschließenden Diskussion wollte Matthias Ulmer die Aufgaben des Verbandes um folgende Punkte ergänzt wissen:

o der Verband müsse Hilfestellung bei der Personalentwicklung leisten;
o die optische Präsenz elektronischer Medien auf der Messe müsse verstärkt werden;
o Kapazitäten für Meta-Daten müssten beim MVB erhöht werden.

„Besten Dank für die Vorträge. Aber was nehme ich mit aus diesem Branchenparlament?“, fragte Manfred Keiper. Er legte Zahlen vor: 3000 Buchhändler und Mitglieder des Börsenvereins hätten einen Jahresumsatz von unter einer Million Euro – eine bedrohliche Zahl für den Verband. Außerdem forderte er ein effektiveres Wareneingangssystem – durchschnittlich gibt es in seiner Buchhandlung eine Reklamation pro Tag, die aufwändig bearbeitet werden müsse und einen erheblichen Kostenfaktor darstelle. Könne nicht eine elektronische Reklamationszentrale eingerichtet werden?

Ebenso wäre eine Novitätenvorschau hilfreich. Auch der Buchgeschenkservice müsse überdacht werden, gerade hinsichtlich E-Books.

Matthias Heinrich stellte klar: Der Verband kann nicht in den Markt eingreifen. Für Verbesserungsvorschläge sei die AG Pro zuständig und dankbar über Hinweise.

Zu Wort meldete sich außerdem Dieter Dausien. Nach seiner Meinung finden die Belange der Sortimenter zu wenig Niederschlag in der Stellungnahme von Heinrich Riethmüller. Zwar seien die Verlage zu angemessenen Konditionen verpflichtet, die Realität sehe allerdings anders aus. Er nannte die Gehälter im Buchhandel, die kaum zum Leben reichten. Wie soll da Nachwuchs gewonnen werden? „Man kann bei einem Buchhändler, der schließt, also nicht von einer Flucht in den Ruhestand sprechen. Das ist eher ein Alptraum“, formulierte er.

Die Verlage sollten diese Situation der Sortimenter ernst nehmen. Buchhandlungen seien der wichtigste Vertriebskanal, der nicht durch den Online-Vertrieb ersetzt werden könne. Dieter Dausien forderte neue Konditionsmodelle abseits von der Mengenabnahme. Müsse man nicht auch Programmpflege belohnen?

Ronald Schild erklärte, dass der MVB Kapazitätsprobleme habe, die auch durch eine Aufstockung des Personals – gegenwärtig 20 Mitarbeiter – nicht lösbar sind.

Zurzeit werde eine internationale Qualifizierung für E-Books erarbeitet, eine Geschenkkarte für digitale Bücher will der MVB 2012 präsentieren.

Karl-Peter Winters wandte ein, dass die Gestaltung der Konditionen nicht vom Verband geregelt werden könne, auch die Aufgabe der Preisbildung kann und darf der Verband nicht wahrnehmen. „Sind Bücher nicht vielleicht doch zu billig?“, stellte er in den Raum.

Außerdem ging es um das Thema Leseförderung, dem seitens des Verbandes viel Bedeutung zugemessen werde.

Bleibt zu hoffen, dass sich im April 2012 wesentlich mehr Parlamentarier am neuen Ort einfinden – und nicht nur aus Neugier auf die neue Location.

JF

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