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Widerstand mit Worten, fragiler Frühling und der Traum vom Frieden

Gottfried Honnefelder (r.) verließt die Urkunde
für Boualem Sansal

Heute Mittag wurde in der Paulskirche in Frankfurt am Main traditionell der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht.

Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sprach in seinem Grußwort vom Reichtum der Menschheit, der in ihrer Verschiedenheit und Vielfarbigkeit liege. Daraus ergebe sich ein nahezu unerschöpfliches Spektrum von Blickwinkeln, „aus denen wir unsere Welt und uns selbst anschauen“.

Jeder Blickwinkel ist „Heimat – so wie die Sprache“, die wir als erstes lernen.
Verschiedenheit „lässt das Andere zugleich als das unvertraut Fremde erscheinen … das zu faszinieren vermag, aber auch als das Störende und Feindliche erscheinen kann.“ Damit kann Verschiedenheit zum Anlass der Ausgrenzung, zum Auslöser von wechselseitigem Hass werden. „Die Verschiedenheit kann als auszurottender Störfall in größeren Herrschaftseinheiten erscheinen oder zum ideologischen Kampfplatz beim Streit um die Macht werden“, konstatierte Gottfried Honnefelder.

Gerade in staatlichen Einheiten könne die Verschiedenheit der Kulturen zum besonderen Problem werden; „sei es in Form des Herrschaftsanspruchs der einen Ethnie … über die andere, sei es in der Unterdrückung aller oder einzelner Ethnien zugunsten des übergeordneten dominanten Herrschaftsanspruchs. Werden solche Herrschaftsstrategien mit Totalitätsansprüchen verbunden, die die Berufung auf Kultur zur Durchsetzung einer Ideologie benutzen, dann treten an die Stelle der die Menschheitsgeschichte stets begleitenden Rivalitäten zwischen Stämmen und Kulturen Unterdrückungsmechanismen vielfältiger Art, terroristische Bedrohung, ja Ausrottungskriege bis hin zum Genozid.“

Wer solche Zusammenhänge kennt, in ihnen lebt und über sie schreibt, weiß: „Kulturen werden durch die Wahrnehmung anderer Kulturen nicht aufgelöst, sondern bereichert. Das setzt freilich … die Fähigkeit voraus, die Welt und sich selbst aus den Augen der anderen zu sehen.“ Dies gelte für den Einzelnen wie für den Staat. „Nur in dem Maß, in dem beides Platz greift, wird eine zusammenwachsende Menschheit auch zu einer humanen werden.“

Der Vorsteher ging anschließend auf die Lebensumstände des 62. Friedenspreisträger Boualem Sansal in dessen Heimat Algerien ein, der im Alter von 50 Jahren zum Schriftsteller wird – und mit seinem ersten Roman Der Schwur des Barbaren auch zur persona non grata. Boualem Sansal geht nicht ins Exil. „In Algerien werden seine Bücher verboten, aber der riesige Erfolg seiner bei Gallimard erscheinenden Romane und Essaybände verleihen ihm eine ebenso eindrucksvolle wie in seiner Heimat höchst unwillkommene Stimme“, erklärte Gottfried Honnefelder. „Für den Friedenspreis … ist es eine Ehre, der überaus mutigen und literarisch so eindrucksvollen Mahnung Boualem Sansals für die Freiheit und den Frieden der Sprachen, Kulturen und Religionen auch im deutschen Sprachraum ein Echo zu verschaffen“, schloss der Redner.

Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth sah die Paulskirche, die „Geburtsstätte des deutschen Parlamentarismus, die bis heute das Symbol eines ‚demokratischen Frühlings’ in Deutschland ist“, als Stätte mit besonderer Bedeutung: „Hätte es einen besseren Ort geben können, um Boualem Sansal, den großen algerischen Schriftsteller und unerbittlichen Kämpfer für eine friedliche Demokratisierung seines Heimatlandes, zu ehren?“

Seine Laudatio begann Peter von Matt mit den Worten: „Die Literatur ist eine langsame Gewalt. … Viele Werke schlummern jahrelang in einem Winkel, dann fahren sie durch Kopf und Herz eines Jahrhunderts. … Grundsätzlich aber gilt, was Heinrich von Kleist einmal … sagte: ‚Das Buch ist eins von denen, welche die Störrigkeit der Zeit, die sie einengt, nur langsam, wie eine Wurzel den Felsen, sprengen können, nicht par explosion.“

„Literatur ist eine langsame Gewalt, aber es gibt keinen Felsen, der ihr auf die Dauer widerstehen könnte“, fuhr der Laudator fort. Allerdings setze das Kunst voraus, nicht nur guten Willen: „Daher gilt es festzustellen, dass der Mann, den wir heute ehren, im gleichen Maße ein Künstler ist wie ein politischer Kopf. Er ist ein unbändiger Erzähler, ein Satiriker von Rang, witzig und weise, unerbittlich in den Diagnosen dessen, was schlecht läuft, gnadenlos hart im Urteil über die Habgier der Mächtigen und immer von Mitleid bewegt über das Schicksal der kleinen Leute in seiner Heimat Algerien. … Sein detailversessener Realismus drückt uns mit der Nase voran in die alltägliche Wirklichkeit des heutigen Algeriens. Er affiziert alle fünf Sinne – es stinkt, es schrillt, es blendet, es brennt auf der Haut und glibbert auf der Zunge.“

Peter von Matt sprach weiter über die Harraga, erwähnte das gleichnamige Buch, „seinen ergreifendsten Roman“, von Boualem Sansal. Harraga sind Flüchtlinge, die auf der Suche nach dem eigenen Glück ihr Land verlassen und keine Chance haben.

Algerien ist ein reiches Land, „wo Öl und Erdgas fließen wie Milch und Honig im Gelobten Land“, doch „die 60 Milliarden US-Dollar, die jährlich aus dem Energieexport nach Algerien zurückfließen, stoßen dort auf viele offene Hände.“ Wo genau das Geld hinfließt, kann selbst von Experten nur gemutmaßt werden. Algerien ist „eine äußerlich klar strukturierte Präsidialrepublik … die Wahlen sind keineswegs eine bloße Farce.“ Doch die tatsächlichen Machtverhältnisse sind kaum zu durchschauen. „Es gibt unbestrittene Zentren der Macht wie die offizielle Regierung, die Armee, die Polizei, den Geheimdienst, die industriellen Organisationen, die islamistischen Bewegungen und eine bunte Mafia.“ Die Machtgruppen halten einander in einem prekären Gleichgewicht, für das es keine präzise Bezeichnung gibt. Peter von Matt warnte davor, dass sich Ähnliches auch in den arabischen Ländern, in denen eine gerade eine junge Revolution stattfand, wiederholen könnte.

Bei Boualem Sansals Erzählungen „tritt neben den mikroskopischen Blick die historische Perspektive … Seine Figuren werden zu Repräsentanten historischer Prozesse und sind doch unverwechselbare Menschen. Ein Beispiel ist in seinem jüngsten, noch nicht übersetzten Roman Rue Darwin die Gestalt der Großmutter … Es ist eine Figur wie aus einem Film von Fellini, aber sie lebt und herrscht nicht in einem phantastischen Land, sondern in diesem scharf gesehenen Algerien mit seiner furchtbaren Geschichte.“

Eine von Kriegen gekennzeichnete, blutige Geschichte, die Auseinandersetzungen dauern an. „Der Autor selbst hat um sein Haus Stacheldraht gezogen; er geht abends nicht aus und fährt nie ins Hinterland. … Er schreibt. Er erzählt. Er erzählt um sein Leben, auch wenn er es damit riskiert“, schilderte Peter von Matt.

Es geht Boualem Sansal um Wahrheit. Die offene Debatte darüber ist ihm in seiner Heimat verwehrt. „In seinem respektlosen Widerstand gegen die Doktrinen, seinem Zorn, seinem Spott und seiner Trauer treibt Boualem Sansal die offene Debatte der freien Geister voran. Wer den Frieden liebt, sollte ihm dankbar sein“, beendete Peter von Matt seine Laudatio.

Nach der feierlichen Übergabe des Friedenspreises bedankt sich Boualem Sansal. „Im Kontext der heutigen Zeit ist dies eine rührende, eine aufmunternde Geste, denn sie zeugt davon, dass Sie sich dafür interessieren, wie wir Völker des Südens versuchen, uns vom Joch unserer bösartigen und archaischen Diktaturen zu befreien, in dieser arabisch-muslimischen Welt, die einst ruhmreich und tatkräftig war, nun aber schon so lange verschlossen und erstarrt ist, dass wir schon vergessen haben, dass wir Beine haben und einen Kopf … Der freie Mensch hat eigentlich keine andere Wahl als wie ein Gott zu handeln, ein wagemutiger Schöpfer, der immer weiter voranschreitet, weil er sonst dem Nichts von Fatalismus, Sklaverei und Untergang verfällt. Camus, der Franko-Algerier, der Revoltierende, ermahnte uns, nicht zu resignieren, und das nehmen wir uns mehr denn je zu Herzen …“

„Literarische Meriten“, stellte Boualem Sansal fest, „so groß sie auch sein mögen, haben meiner Ansicht nach erst dann einen wirklichen Wert, wenn sie einer großen Sache dienen, der Förderung einer Sprache, einer Kultur, eines politischen oder philosophischen Projekts.“ Vielleicht haben in diesem Sinne die Intellektuellen „einen winzig kleinen Beitrag zum Aufkommen jenes Arabischen Frühlings geleistet, der uns träumen und auch ungeduldig werden lässt …“

Der diesjährige Friedenspreisträger erinnerte an die Ehrung seiner Landsfrau Assia Djebar mit dem Preis im Jahr 2000. „Ich kann hier sagen, dass ihr Kampf Früchte getragen hat: Echter Widerstand … wird in Algerien heute hauptsächlich von Frauen geleistet … mit ihrem Bemühen, einen permanent schwierigen Alltag zu bewältigen, bauen sie unsere Zukunft auf.“

Boualem Sansal dankte seiner Frau Naziha Sansal für ihre Liebe, Freundschaft, Geduld und den stillen Mut über viele schwierige Jahre. „Dieser Preis, der uns ehrt, gebührt in Wirklichkeit dir“, sagte er.

Der Autor bezog auch die Verleger und Freunde in den Dank ein, nannte die im Saal sitzenden Antoine Gallimard, Verlag Gallimard, und Katharina Meyer, Merlin Verlag sowie die Übersetzer Regina Keil-Sagawe, Riek Walther und Ulrich Ziegler. [mehr…]

Boualem Sansal bedauerte, dass der algerische Botschafter in Deutschland nicht anwesend war, „denn über meine Person werden heute das Land Algerien und sein Volk geehrt“, drückte er aus. Das zeige wohl auch, dass sich die eigene Situation in Algerien trotz des Friedenspreises nicht verbessern werde.

Mit dem Friedenspreis habe Boualem Sansal nie gerechnet, die Nachricht davon, die ihn im Mai dieses Jahres erreichte, verursachte einen Schock. „Dieser Riesenschock … löste in mir eine bange, eine existentielle Frage aus, die mich den ganzen Sommer über beschäftigt hat … Wenn ich tatsächlich der Mensch bin, dem dieser Preis verliehen wird, dann bin ich bereits ein anderer Mensch – und wusste nichts davon! … Der Preis schafft wohl den Wert in mir, so wie eine Funktion sich ein Organ erschafft. Ich diente unbewusst dem Frieden, nun werde ich ihm bewusst dienen, und das wird neue Fähigkeiten in mir wecken.“

Der Autor schloss Gedanken an die von Kriegen durchzogene Geschichte Algeriens an und bilanzierte: „So ist mein Land, unglücklich und zerrissen … Mein Land ist eine Summe unauflöslicher Paradoxien“. Algerien sei einerseits ein unheimlich reiches Land, andererseits furchtbar arm. Es stelle eine perfekt gestaltete Demokratie dar, während zugleich das Volk in der alltäglichen Realität dem grausamsten Despotismus ausgeliefert sei. Das schlimmste Paradoxon jedoch sei: „Algerien hat eine außerordentlich reiche und bereichernde Geschichte … doch bei der Unabhängigkeit, als der Moment gekommen war, all die Völker des Landes zu vereinen … da hat das Land mit einem Schlag des Selbsthasses alles verleugnet, was ihm durch seine jahrtausende alte Geschichte zuteil geworden war.“

Obwohl Boualem Sansals Bücher in Algerien verboten sind, zirkulieren sie dort. Das „ist der unsichtbaren und sehr riskanten Arbeit einiger Buchhändler zu verdanken“, bekannte er.

Über seine schriftstellerische Tätigkeit kam der Autor noch einmal auf Camus zu sprechen. In dessen Der Mensch in der Revolte heißt es: „Wer schreibt, trifft schon eine Wahl.“ „Und das habe ich auch getan, ich habe mich fürs Schreiben entschieden. Ich habe recht damit gehabt, die Diktatoren fallen um wie die Fliegen“, bekräftige er.

Dennoch liege ein weiter und schwieriger Weg nicht nur vor den arabischen Völkern. Das Ziel ist überall das gleiche: Frieden.

JF

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