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Jürgen Boos, schreibt Ihnen auch jeder, dass die Messe vor der Tür steht?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Buchmesse-Chef Jürgen Boos.

Jürgen Boos studierte nach seiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler Betriebswirtschaftslehre in Mannheim. Er arbeitete einige Jahre als Verkaufsleiter bei der Droemerschen Verlagsanstalt, im Carl Hanser Verlag und im Springer Verlag in Berlin, wo er anschließend als Leiter International Sales tätig war. 1997 wechselte er als Bereichsleiter Marketing/Sales/Distribution zum Verlag Wiley-VCH in Weinheim. Seit April 2005 ist er Direktor der Frankfurter Buchmesse.

Michael Lemster: Die beliebteste Worthülse in Pressemitteilungen lautete in den vergangenen Tagen: „Die Buchmesse steht vor der Tür…“. Ich guck dann immer raus, aber da stehen Sie nicht. Wie reagieren Sie auf diesen Satz?
Jürgen Boos: Die Buchmesse ist so präsent, dass ich solche Worthülsen überlese. Wir stehen jeden Tag vor neuen Türen und machen jeden Tag neue auf. Mich erinnert der Satz ein bisschen an Weihnachten. Die Buchmesse ist eine Bescherung, die sich die Branche selbst bereitet.

Messe wie Weihnachten? Was beschert die Messe uns denn?
Jürgen Boos:Sie beschert dem Buch Öffentlichkeit und eine gewisse Festlichkeit. Konkret bescheren wir den Ausstellern den Umzug des Rechtezentrums in die Halle 6.0. So ist das LitAg um 30 Prozent in den letzten sieben Jahren gewachsen, was die Anzahl Agenten betrifft und die Fläche um fast 15 Prozent. Nun haben wir noch mehr Platz für den Rechtehandel mit der Film- und anderen Industrien. Man sieht also deutlich, wohin sich das Geschäft entwickelt. Außerdem profitieren wir von einer Überlassenschaft der IAA. Von Audi übernehmen die wir die überbaute Agora und können sie für viele konkrete Veranstaltungen und Ausstellungen nutzen, um noch mehr Begegnung zu bescheren, um im Bild zu bleiben. Grundsätzlich hat jeder Aussteller und Besucher sicher seine Erwartungen und seine Wünsche. Je konkreter sie sind, desto besser kann die Messe sie erfüllen. Einige wünschen sich gute Geschäfte, zum Beispiel beim Lizenzhandel, andere wollen Orientierung und Antworten auf die Frage: Wo geht es hin?

Dann haben Sie noch die Verbreiterung des Konferenzangebots beschert.
Jürgen Boos: Derzeit haben wir 3.000 Veranstaltungen, die in den vergangenen Jahren teilweise miteinander konkurrierten. Um sie übersichtlicher zu gestalten, haben wir sie noch stärker gebündelt. Zum Beispiel haben wir jetzt das Thema Kinder- und Jugendbuch neu ausgewiesen. Auch für den Bereich Filmindustrie wurden Veranstaltungen zusammengefasst. Das zeigt aber auch, wie breit wir in der Branche denken müssen.

Wer steht denn derzeit alles vor der Tür und klopft an?
Jürgen Boos: Viele. Wie Sie wissen, mussten wir uns personell verstärken, und das hängt auch damit zusammen, dass viele neue Anfragen an uns gestellt werden. Wir haben viele neue Kunden aus der Kreativindustrie zum Beispiel aus dem Gaming Bereich oder dem Edutainment. Wir sehen darin einen Spiegel dessen, welche Vertriebskanäle die Verlage in Zukunft bedienen müssen. Aber es stehen auch ganz neue Industrien vor der Tür. Die Telekom wird erstmals bei uns ausstellen. Apple hat sich mit einer großen Delegation angemeldet. Es ist klar: Die Elektronikindustrie sucht nach Content.

Viele würde die gern vor der Tür stehen lassen wollen.
Jürgen Boos: Das ist genau das, was wir nicht machen sollten. Denn das sind exakt die Themen, denen wir uns stellen müssen. Hinzu kommt, dass wir gut daran tun uns anzuschauen, wie in anderen Kulturen mit dem E-Thema umgegangen wird. Und das betrifft nicht nur die USA. Weiterhin ist da der vorletzte Buchmesseschwerpunkt, China, ein wichtiger Markt. Andere Länder sind noch längst nicht so weit, werden aber in den nächsten Jahren viele gute Ideen entwickeln, von denen wir lernen können. Denn sie werden wahrscheinlich vieles gleich besser machen, was wir hier noch ausprobieren.

Das heißt, sie mussten auch die Fläche erweitern?
Jürgen Boos: Jedes Jahr erneuern sich die Anbieter auf 30 Prozent der Fläche. Aber es ist zu beobachten, dass die Aussteller immer technologieaffiner werden. Es kommen immer mehr Dienstleister und neue Sales-Channels auf die Messe.

Standen Sie auch unter dem Jahr vor der Tür Ihrer Aussteller? Und wenn ja, was waren da die Themen und wie war die Stimmung?
Jürgen Boos: Sicher habe ich viele Besuche gemacht. Die Themen sind weit gespannt und beginnen bei der Anreicherung von Metadaten und enden bei der Qualität der Würstchen. Was die Stimmung betrifft: Nach den letzten Jahren habe ich das Gefühl, es gibt eine Aufbruchstimmung, aber eine, die durch viel Druck getrieben ist. Viele schauen sich einerseits jetzt an, was können wir nicht so gut und was lassen wir und andererseits, wo müssen wir ein Risiko eingehen, um am neuen Marktgeschehen mitzuspielen. Es gibt auch keine Sicherheit mehr bei der Frage, wer ist eigentlich mein Kunde. Ich denke, das wird viel diskutiert werden.

Müssen sich die Verlage von der Entwicklung überrollt fühlen?
Jürgen Boos: Ich denke nicht. Es bleibt noch genug Zeit, etwas auszuprobieren. Wir können zwar am amerikanischen Markt einiges studieren, aber unsere Branche hier wird sich anders entwickeln.

Aber zurück zu unserer Ausgangsfrage: Gibt es Kunden, die Sie vor der Tür stehen lassen müssen?
Jürgen Boos: Die gibt es auch. Das sind vor allem Anfragen, die uns versuchen zu instrumentalisieren. Neulich haben wir einem Reifenhändler abgesagt.

Ach ja, es gibt noch eine andere schöne Worthülse: Die Buchmesse werfe ihre Schatten voraus, heißt es nicht selten. Wohin wirft die Messe denn Ihren Schatten?
Jürgen Boos: Das ist, finde ich, kein schönes Bild, denn bedrohlich ist die Messe nicht. Ich finde die Buchmesse strahlt in die Zukunft. Im Ernst: Es geht zukünftig um die Frage, wo welche Geschichten erzählt werden. Der Schwerpunkt Island hat eine enorme Resonanz gefunden. Das geht bis hin zu Berichten über Island Pferde. Nebenbei: Ich musste auch erst einmal lernen, dass es nicht Island Ponys heißt. Aber es gibt nicht nur noch viele andere Kulturen zu entdecken. Es ist interessant sich anzuschauen, wie in den einzelnen Gesellschaften Geschichten erzählt, gehört und weitergegeben werden. Ich denke da an die arabische Welt und das Internet. Von dort her können wir lernen, wie sich das „Prinzip Buch“, wie es mein Kollege Alexander Skipis nennt, weiterentwickelt. Aber ist das jetzt zu philosophisch?

Nein. Bei Ihnen steht die Buchmesse sicher in der Tür. Kriegen Sie die Tür derzeit auch mal zu? Was machen Sie zu Entspannung?
Jürgen Boos: Nein, dafür beschäftigt mich die nächste Messe bereits viel zu sehr.

Ach je, das heißt, demnächst werden uns wieder viele mitteilen, dass die nächste Messe vor der Tür steht? Was können wir denn darüber schon wissen?
Jürgen Boos: Darauf können Sie wetten, dass die nächste Messe vor der Tür steht. Alles weitere werden Sie noch früh genug erfahren. Jetzt eröffnen wir erst einmal diese.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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