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Lange Nacht der Shortlist in Frankfurt

Die nominierten Bücher

Gestern Abend lasen fünf der sechs auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2011 nominierten Autorinnen und Autoren im Frankfurter Literaturhaus.

Die Veranstaltung, die bereits zwei Tage nach Veröffentlichung des Termins ausverkauft war, wurde vom Kulturamt der Stadt Frankfurt und vom Literaturhaus in Kooperation mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels organisiert.

Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, bemerkte in seiner Begrüßung, dass eine zerstrittene Jury als Glücksfall für die Literatur gesehen werden sollte. Frankfurts Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth unterstrich: „Das Wichtigste beim Buchpreis ist die Diskussion um Literatur, um das Buch.“ Eine Gesellschaft könne nur mit dem Buch funktionieren, hob auch Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, hervor.

Im ersten Gespräch stellte Felicitas von Lovenberg, FAZ, den Autor Jan Brandt mit seinem Debütroman Gegen die Welt, erschienen im DuMont Buchverlag, vor. Geschildert wird die Pubertät eines Jungen in der nordwestdeutschen Provinz. Die zunächst für 100 Seiten konzipierte Geschichte, berichtete Jan Brandt, weitete sich zunehmend aus: „Ich musste tiefer hinein“. Über die Ortschaft am Abgrund, die Schwierigkeit eines Heranwachsenden zwischen Anpassung und Revolte erzählt der Roman. Es sei sicher keine Hommage an die Provinz, aber auch keine Wertung, erklärte der Autor. Er erwähnte ebenfalls, dass aufgrund der unterschiedlichen Handlungsstränge erste Kunden ihre Bücher zurück brachten und eine Fehlbindung vermuteten. Auf die Frage nach neuen Projekten antwortet Jan Brandt scherzhaft: „Mein nächstes Buch wird noch größer und länger – dann hat die Jury keine Zeit mehr, um weitere Bücher zu lesen.“

Angelika Klüssendorf präsentierte im Gespräch mit Alf Mentzer, hr2-kultur, ihren Roman Das Mädchen, publiziert im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Die zwölfjährige Protagonistin ist bedrückenden Quälereien in der unheilen Familie ausgesetzt. Obwohl der Roman in der DDR spiele, sei er nicht DDR-spezifisch, erläuterte die Autorin. Ihre Beschreibung der schwangeren und launischen, oft grundlos bestrafenden Mutter sei keine Psychologisierung, sondern der Versuch, diese Mutter aus den Augen der Tochter zu sehen. Neben der verstörenden Eindringlichkeit der Erzählung kann der Leser auch Hoffnung entdecken; das Mädchen holt sich ihre moralischen Standards aus Märchen, resigniert nicht. „Das Mädchen ist eine Überlebenskünstlerin“, kommentierte Angelika Klüssendorf und verriet, dass dem vorliegenden Band Fortsetzungen folgen werden.

In der dritten Diskussionsrunde unterhielten sich Schriftsteller Michael Buselmeier und Gerwig Epkes, SWR 2, über den Roman Wunsiedel, herausgekommen im Verlag das Wunderhorn. Der Autor begann mit einer Theaterschelte: „Theater ist weit entfernt von der Literatur. Das ist heute noch schlimmer als damals“, kritisierte er. Das Bürgertum sei vom Fernsehen versaut und habe jeglichen Geschmack verloren. Ob es für Michael Buselmeier, der in seinem Buch den Verlust der Illusionen eines jungen Theatermanns beschreibt, denn je gutes Theater gegeben habe, wollte Gerwig Epkes nach der harschen Kritik wissen. Ja, das sei in den 1920er Jahren gewesen, antwortete der Autor und nannte als Beispiel den Regisseur Fritz Kortner. Im Gespräch ging es natürlich um Wunsiedel, das „bayrische Sibirien“, wie es im Volksmund genannt wird. Es ist auch der Geburtsort Jean Pauls, über den Michael Buselmeier sagt: „Die Begeisterung für Jean Paul war eine Lebensrettung für mich.“

Sibylle Lewitscharoff und ihr Roman Blumenberg, erschienen im Suhrkamp Verlag, standen im Mittelpunkt des vierten Gesprächs. Der Roman, so antwortete die Autorin auf eine Frage von Felicitas von Lovenberg, sei ein Akt der Verehrung von Hans Blumenberg. Dem weithin unbekannten Philosophen stellt die Autorin einen Löwen an die Seite, der eines Nachts plötzlich da ist und den Denker von Stund an begleitet. Das Wechselspiel zwischen dem Philosophen und dem König der Tiere wird so bildhaft beschrieben, das man den Löwen beinahe riechen kann. Das Buch erinnert an Kafka, von dem Sibylle Lewitscharoff sagt, dass Franz Kafka in ihrem literarischen Universum an erster Stelle und weitab von anderen steht.

In Zeiten des abnehmenden Lichts heißt der Roman von Eugen Ruge, publiziert im Rowohlt Verlag. Mit dem Autor, der in seinem Buch Ostgeschichte am Beispiel einer Familiengeschichte beschreibt, ohne das Wort „Wende“ zu nennen, unterhielt sich Alf Mentzer. Beschäftigt habe ihn das Thema schon eine Weile, doch erst als die DDR weg war, begann es ihn zu interessieren, erklärte Eugen Ruge. Gemessen am Umfang des ihm vorliegenden Materials sei nur ein kleines Buch entstanden, versicherte er. Am Ende der drei Passagen, die Eugen Ruge vorträgt, wird er nach der leuchtenden Muschel gefragt, einem Erinnerungsstück aus Mexiko, das im Buch immer wieder vorkommt. „Die Muschel steht bei mir auf dem Schrank. Ich weiß jetzt, warum sie leuchtet. Aber ich behalte das Geheimnis für mich“, sagte er lächelnd.

Die sechste Nominierte, Marlene Streeruwitz, konnte ihr Buch Die Schmerzmacherin, erschienen im S. Fischer Verlag, an diesem Abend leider nicht vorstellen; sie war zur selben Zeit zu einem Fernseh-Interview in Basel.

JF

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