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Axel von Ernst – warum macht es Spaß, ein „Indie“ zu sein?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den Pressesprecher der Hotlist der unabhängigen Verlage Axel von Ernst.

Axel von Ernst ist Co-Verleger des mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichneten Düsseldorfer Lilienfeld Verlags, der auf edle Neuausgaben von Autoren der Klassischen Moderne spezialisiert ist. Der hauptberufliche Schriftsteller und Dramatiker ist einer der Hauptorganisatoren der Hotlist – die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen, aus der die Jury den Preisträger ermittelt und auf der Buchmesse bekanntgibt. Seit 2011 gibt es zusätzlich den Melusine-Huss-Preis, über den jeder Buchhändler abstimmen kann.

Axel von Ernst
Uwe A. Kirsten

Axel von Ernst – die literarische Welt blickt auf die Frankfurter Buchmesse und auf den Deutschen Buchpreis. Warum zur selben Zeit diese Motz-Veranstaltung?

Axel von Ernst: Das ist keine Motz-Veranstaltung gegen den Deutschen Buchpreis, sondern etwas ganz anderes. Den Impuls zur Entstehung der Hotlist gab tatsächlich der Deutsche Buchpreis. Aber auf der Hotlist finden Sie nicht nur Romane, sondern alles, was die Vielfalt des unabhängigen Verlagswesens ausmacht. Dieses Konzept kann und soll mit dem Deutschen Buchpreis und allen anderen Preisen koexistieren. Die Hotlist ist ein Verlagspreis, sie zeichnet aus, was die unabhängigen Verlage leisten. Der Deutsche Buchpreis zeichnet aus, was die deutsche Literatur an Romanschaffen zu bieten hat.

Dass beim Deutschen Buchpreis Indies eine reelle Chance haben, sieht man doch an den bisherigen Preisträgern. Ist Ihr Preis nicht eins zu viel?

Axel von Ernst: Er ist nicht zu viel, da beim Deutschen Buchpreis zwar unabhängige Verlage dabei sind – das ist auch verständlich, weil die gute Bücher machen -, aber die Indies stehen infolge der Finanzkraft der großen Verlage immer im Schatten. Da muss man doch extra aufmerksam machen können auf das, was im kleinen und mittleren Bereich passiert. Beim neuen zusätzlichen Melusine-Huss-Preis ist auch die Aufmerksamkeit der Buchhändler gefragt.

Der Weg zum sekundären Analphabetismus ist mit Literaturpreisen gepflastert. Wie erzielen Sie genügend Aufmerksamkeit für diesen?

Axel von Ernst: Es handelt sich hier ja um keinen weiteren Literaturpreis im herkömmlichen Sinne. Jedes Buch auf der Hotlist verweist auf einen Verlag und ein komplettes Programm, das dort läuft. Für mich war wieder überraschend, was eingereicht wurde, z.B. von dem ganz jungen Hablizel Verlag in Köln, sowas lernt man plötzlich kennen. Und das gilt für die gesamte Branche…

… und außerhalb der Branche?

Axel von Ernst: …ist das Interesse auch groß, das merkt man an den Zahlen der Wähler, die in die Tausende gehen. Das Lesepublikum ist interessiert an Entdeckungen und schaut sich das gerne an. Eine Wahl bringt einen gewissen Spaßfaktor mit sich und verlockt die Leser, sich mit den Dingen zu befassen, um sich eine Meinung zu bilden.

Ist es hilfreich, Leser mitentscheiden zu lassen? Wird die Preisvergabe damit nicht manipulierbar?

Axel von Ernst: Nein, eigentlich nicht. Als Verlag kann man natürlich versuchen, seine Freunde zu aktivieren, ihre Stimme abzugeben. Aber eigentlich steht der demokratische Effekt im Vordergrund. Bei der Hotlist kann das Publikum ja nur mitbestimmen, welche Bücher auf die Zehnerliste kommen. Die Endausscheidung obliegt den Profis wie beim Deutschen Buchpreis. Der Buchpreis ist ja neuerdings in die Diskussion geraten, da es angeblich Absprachen gäbe, was ich ungerechtfertigt finde.

Wie lässt sich überhaupt das Lese-Publikum für Indies mobilisieren – ist es denen nicht eigentlich egal, wer das Buch publiziert hat, das sie gerade lesen?

Axel von Ernst: Das glaube ich auch. Ich stelle in meinem persönlichen Umgang mit Lesern fest, dass sie immer auf der Suche nach interessanten Büchern sind, aber die Verlage nicht im Visier haben.

Gibt es eine typische Indie-Zielgruppe außerhalb von Handel und Presse? Selbst die Indie-Autoren laufen ja liebend gern weg zu den Konzernverlagen, sofern nur Honorarvorschuss und Marketingplan üppig genug sind…

Axel von Ernst: Das ist ja auch verständlich. Die Autoren leben, selbst wenn sie bei Konzernverlagen publizieren und vielleicht noch ein Stipendium ergattert haben, nicht blendend – es sei denn, sie haben einen Bestseller gelandet. Nur einige wenige Verlage wie Kunstmann oder Schöffling können einen Autor nicht nur aufbauen, sondern auch halten. – Der Buchhandel ist im Umbruch, aber auch die Zielgruppen befinden sich im Wandel. Jetzt gerade beginnt es, dass die Leser wieder anfangen, auf Qualität und Individualität zu achten. Das ist eine Gegenbewegung, wie wir sie in den letzten Jahren im Bio-Markt gesehen haben. Die Nahversorgung mit Lebensmitteln in Gestalt der Tante-Emma-Läden ist in der Nachkriegszeit verschwunden, die Bio-Welle brachte sie wieder. Die Leute achten wieder mehr auf sich selbst, auf die Qualität dessen, was sie konsumieren. Und so wird es vielleicht auch im Buchmarkt gehen: in gewissen Genres eine Rationalisierung und Verlagerung des Konsums auf E-Books – andererseits der Fokus auf das Feine. Das ist eine Chance für uns Unabhängige.

Warum macht es Spaß, ein Indie zu sein?

Axel von Ernst: „Spaß“ ist vielleicht das falsche Wort. Das Indie-Dasein bringt auch viele Schmerzen, denn dadurch, dass man alles selbst machen muss, ist es anstrengend. Aber man wird belohnt durch die Freude an den Dingen, die man selbst macht, und dem dadurch möglichen persönlichen Wachstum. Man bewegt sich in einer Welt, in der das Beste versammelt ist, was es an Geist im Land gibt. Es ist eine angenehme Branche, weil die Umgangsformen zivil sind. Ich kann das sagen, denn ich komme aus einer anderen Branche. Es sind sogar romantische Aufwallungen möglich – z.B. als wir gemeinsam diese Hotlist auf die Beine stellten. Jeder hat in den Topf geworfen, was er konnte oder wen er kannte: Juroren, Sponsoren, graphische Entwürfe. Dadurch ist unser Projekt zu etwas ganz Besonderem geworden. Gemeinsam etwas für das Buch zu tun – das eint uns.

Und wenn jetzt Herr Malchow mit einem gut dotierten Programmleiter-Vertrag ankäme…?

Axel von Ernst: Dem würde ich misstrauen, weil ich denke, dass man innerhalb eines größeren Betriebes doch schon gewissen Zwängen unterliegt. Es wäre sicher verlockend wegen des regelmäßigen guten Verdienstes, aber ich wüsste nicht, ob ich meine verrückten Lieblingsideen noch unterbringen könnte.

Auf wen stützen Sie sich, wenn Sie Ihr aktuelles Herbstprogramm durchsetzen wollen?

Axel von Ernst: Das stützen hauptsächlich die treuen und engagierten Kultur-Buchhändler, die sich um einen kümmern, das Programm kennen und einem vertrauen. Die nehmen das und zeigen es. Auch in den Redaktionen gibt es ganz tolle Köpfe, die bei manchen Wiederentdeckungen regelrecht jubeln: Dieses Buch hat so lange gefehlt!

Bringen Sie mal Zahlen!

Axel von Ernst: Das sind als fester Kreis um die 100 Buchhändler, allerdings machen wir unseren Hauptumsatz trotzdem über das Barsortiment. Bei der Presse gibt es keinen festen „Stamm“, das wechselt von Titel zu Titel. Es gibt viele Journalisten, die ich als Freunde des Verlags bezeichnen würde, aber die besprechen trotzdem nicht jedes Buch, sondern nur das, was ihnen gefällt bzw. in ihr Ressort passt. Wir überzeugen mit unseren Büchern – üppige Werbe-Etats haben wir Indies ja nicht…

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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