Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Kartographie-Spezialist Andreas Wiedmann.
Andreas Wiedmann, langjähriger Geschäftsführer der ADAC-Kartographie-Tochter CartoTravel und ein erfahrener Verlagsmanager, gründete 2008 den Technologie-Startup United Maps. Damit wurde er zum Hoffnungsträger einer Branche, die durch die aufkommende digitale Kartographie unter Druck geraten war. Im Juni 2011 verweigerten die Risikokapitalgeber die weitere Finanzierung – der reguläre Geschäftsbetrieb musste eingestellt werden.

Andreas Wiedmann, wie war Ihr Tag?:
Andreas Wiedmann: Wie immer – ich bin morgens ins Büro gegangen und habe meinen Betrieb organisiert. Heute ging es um die Bewertung des Betriebsvermögens und um Verhandlungen mit möglichen Käufern unserer Technologie.
Erklären Sie unseren Lesern das Geschäft von United Maps!
Andreas Wiedmann: Die Ursprungsidee im Jahr 2008 war die, für den mobilen Markt die beste Fußgänger-Navigation zu entwickeln. Die vorhandenen Daten waren damals nicht detailliert genug, und wir haben eine Technologie entwickelt, verschiedene lizenzierte Quellen zusammenzuführen. Wir haben diese Daten optimiert und versucht, sie an Mobilfunkanbieter zu verkaufen. Nokia war damals im Mobiltelefonmarkt der große Player. Seitdem hat der Markt sich radikal verändert – denken Sie an das iPhone, denken Sie besonders an Android-Smartphones, auf denen Google Maps läuft. Nokia ist ein Sanierungsfall geworden.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie zu den besten Zeiten beschäftigt?
Andreas Wiedmann: Wir waren 16.
Haben Sie fatale Fehler gemacht?
Andreas Wiedmann: Wie gesagt – der Markt hat sich in drei Jahren komplett gedreht. Aus heutiger Sicht könnte man meinen, wir hätten ein komplettes mobiles Produkt statt der bloßen kartographischen Grundlage entwickeln sollen.
Mit United Maps hat es also selbst einen digitalen Ansatz für Kartographie aus dem Markt geweht – sind heute nicht mal mehr digitale Erlösmodelle für kartographische Inhalte realisierbar?
Andreas Wiedmann: Doch – die Modelle werden nur anders und nicht so sein, wie es Verlage vielleicht bisher gewohnt waren. Gerade Kartographie ist der wesentliche Grundbestandteil für einen der Zukunftsmärkte in der digitalen Welt: Location Based Services. Ob Kleinanzeigen, Lokalnachrichten, Veranstaltungshinweise, Fahrgemeinschaften oder auch Social Networking – alles geschieht immer auf Basis von ortsbezogenen Daten von und wird immer mit einer Karte visualisiert. Und, natürlich, die gesamte (Kfz-) Navigation fußt auf Kartographie.
Warum hat es United Maps dann trotzdem nicht geschafft?
Andreas Wiedmann: Zum Einen sind mit Google Maps, Bing Maps und Nokia Maps große, hoch technisierte Kartenanbieter am Start, die ihre Grundkartographie für jedermann kostenlos anbieten. Zum Zweiten hat sich mit OpenStreetMap eine Community-Map einen festen Platz im Netz gesichert – ebenfalls vollständig kostenlos. Zum Dritten hat sich infolge dieser Kostenlos-Angebote ein großes Desinteresse an einer Detaillierung von kartographischer Information eingeschlichen nach dem Motto „Es geht ja auch so, warum soll ich also zahlen?“ – man könnte fast von einer Degeneration der User sprechen…
… eine Art sekundären Analphabetismus – ähnlich dem weit verbreiteten Verlust der Fähigkeit, Noten zu lesen -, den seltsamerweise kaum jemand als Kulturschande benennt…
Andreas Wiedmann: Genau. Übertragen auf die Gastronomie: Wenn ich in der einen Kneipe ein Billigbier als Freibier bekomme, gehe ich nicht in die nächste Kneipe, um dort Beck’s Bier für € 3,00 zu trinken. Mit diesem Problem der Kostenlos-Kultur mit untergeordnetem Qualitätsanspruch haben neben der Kartographie auch die Lexikonverlage und die Sprachverlage zu kämpfen. Und weitere Warengruppen werden bald folgen – das hat ja Matthias Ulmer mit den Kollegen in seinen 55 Thesen zum Buchmarkt 2025 auch schon recht klar gemacht.
Sie machen der Branche wenig Hoffnung…
Andreas Wiedmann: Das ist nicht meine Absicht. Die Verlage müssen für die digitale Welt nur anders denken, schneller werden und viel, viel mehr probieren – und zwar beschränkt auf die drei wesentlichen digitalen Absatzkanäle Apple, Google, Amazon – nur dort gibt es, wenn auch zum Teil kleine, aber gesicherte Einnahmen. Ansonsten rate ich den Verlagen: Kurze Wege, schlanke Workflows, schmale Produkte, kleine Preise, Social Marketing mit dem Leser / User. E-Book bzw. App first (und nicht als weitere Print-Verwertung), Technologien aufbauen, völlig andere Märkte wie Mobile verstehen und antizipieren – und eben nicht plump gedruckte Inhalte 1:1 zum E-Book machen. Sonst werden sie links und rechts von anderen Anbietern wie Self-Publishing-Plattformen, anderen Community-Plattformen oder auch ganz fachfremden Anbietern überholt – haben Sie schon die kostenlose OBI-Pflanzenführer-App gesehen? Jeden Tag entstehen im Netz neue Geschäftsmodelle, neue Technologien – die gilt es zu beobachten und zu nutzen.
Und der Buchhandel?
Andreas Wiedmann: Der bleibt der verlässliche Partner für das gedruckte Buch und für andere dingliche und sinnliche Produkte, die es sicherlich noch länger parallel dazu geben wird. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.
Wie geht es für Andreas Wiedmann weiter?
Andreas Wiedmann: Ich bleibe gern im Startup-Umfeld für Medien-Technologien. Die Verbindung mit einem visionär denkenden und handelnden Verleger ist nicht ausgeschlossen…

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.







