
Gestern Abend stellte Angela Steidele in der Stadtbücherei Frankfurt ihr gerade im Insel Verlag erschienenes Buch Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens vor. Die Veranstaltung ist Teil des umfangreichen Programms im zu Ende gehenden Schopenhauer-Jahr anlässlich des 150. Todestages des Philosophen [mehr…]
Adele Schopenhauer (1797-1849) war neun Jahre jünger als ihr berühmter Bruder Arthur (1788-1860), die Geschwister hatten wenig gemeinsam; 1805 starb der Vater unter ungeklärten Umständen, bereits 1806 zog Mutter Johanna mit Tochter Adele nach Weimar, Arthur blieb zunächst allein in Hamburg zurück.
1807 folgte Arthur Schopenhauer der Familie nach Weimar, ging jedoch zwei Jahre später zum Studium nach Göttingen. 1814 entzweite er sich mit der Mutter, die vom ewig besserwisserischen Sohn nichts mehr wissen wollte.
Der Bankrott des Danziger Bankhauses L. A. Muhl 1819, bei dem die Schopenhauers ein Großteil ihres Vermögens deponiert hatten, führte zu Streitigkeiten zwischen den Geschwistern und der Mutter.
Adele Schopenhauer lernte in ihrer Jugend im Salon der Mutter viele Künstlern und Gelehrte kennen. Sie fertigte kunstvolle Scherenschnitte für Johann Wolfgang von Goethe an, las ihm vor, übernahm als Schauspielerin Rollen in seinen Stücken. Adele lernte Ottilie Freiin von Pogwisch kennen, die 1817 Goethes Schwiegertochter wurde, und verliebte sich in sie – unglücklich, wie die Geschichte zeigt.
1828 machte Adele Schopenhauer die Bekanntschaft von Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797-1857). Es gelang beiden Damen 1829, Johanna Schopenhauer zum Umzug ins Rheinland zu bewegen. Zum Freundeskreis von Sibylle gehörte auch Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Sibylle Mertens, unglücklich verheiratet mit Louis Mertens und Mutter von sechs Kindern, erste Archäologin Deutschlands und talentierte Musikerin, stellte Adele und ihrer Mutter ihr Gut Zehnthof zur Verfügung. Doch das Verhältnis zwischen Adele und Sibylle gestaltete sich schwierig, die katholisch geprägte Sibylle wollte sich nicht scheiden lassen. Zu Konflikten kam es auch mit Annette Droste-Hülshoff. Später allerdings wurde Adele Schopenhauer die Literaturagentin der Droste.
1838 starb Johanna Schopenhauer, 1842 Louis Mertens. Für Adele und Sibylle begann eine glückliche Zeit, sie verbrachten diese im Rheinland und in Rom. Ein notarieller Vertrag, der hinter dem Rücken von Arthur Schopenhauer zwischen Adele und Sibylle geschlossen wurde, sicherte Adele Schopenhauer eine Leibrente zu.
1849 kam es zu einem letzten Treffen zwischen den Geschwistern, an dem auch Sibylle Mertens-Schaaffhausen teilnahm. Nach dem Tod Adeles setzte Sibylle Arthur Schopenhauer ebenfalls eine Leibrente aus, um die Hintergehung wieder gut zu machen.
Von seiner Meinung über die Frauen, die Arthur Schopenhauer in einem peinlichen Text festhielt, konnte ihn diese Geste allerdings nicht abbringen. Adele und Sibylle waren das, was der Philosoph als nicht existent brandmarkte: kluge, selbständige und unabhängige Frauen.
JF