
Gestern Abend erlebte das Publikum in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt eine Premiere: Erstmals gab es eine Veranstaltung, bei der die Bibliothek mit der Stiftung Joseph Breitbach und der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz kooperierte.
Dr. Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, unterstrich in ihrer Begrüßung dieses Novum.
Für die Akademie ergriff deren Vizepräsident Prof. Dr. Gernot Wilhelm das Wort. Er sprach von der Verbindung Joseph Breitbachs mit Mainz: Der Autor hatte 1977 testamentarisch die Stiftung eines Preises für deutschsprachige Schriftsteller festgelegt. Der Preis sollte jährlich von der von ihm eingerichteten Stiftung in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur ausgerichtet werden. Warum die Mainzer Akademie? Nicht nur die Nähe zu Breitbachs Geburtsstadt Ehrenbreitenstein bei Koblenz war ein Aspekt. Die Mainzer Akademie besitzt als einzige der sieben deutschen Wissenschaftsakademien ein Klasse der Literatur, die dem Engagement Alfred Döblins zur verdanken ist. Er sah zur Gründung 1949 die Chance, in Mainz die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie fortzusetzen.
Seit 1998 wird der Joseph-Breitbach-Preis verliehen, am 24. September in diesem Jahr konnte Hanser-Verleger, Dichter und Essayist Michael Krüger den mit 50.000 Euro höchstdotierten deutschen Literaturpreis in Koblenz entgegen nehmen.
Dem Gespräch mit dem Preisträger stellte Felicitas von Lovenberg voran, dass Michael Krüger viele Facetten verkörpere – er ist Verleger, Autor von Prosa und zunehmend Lyrik und Berater.
Um seine Beziehung zu Joseph Breitbach zu erklären, erzählte Michael Krüger von seiner Kindheit. Sein Vater, ein Postbeamter aus der Nähe von Koblenz, kannte Breitbach, der Ausbildungen zum Buchhändler und Verlagskaufmann absolvierte. Michael Krüger selbst begegnete Breitbach erst viel später in München. „Leider sind viele seiner Bücher vergessen“, bedauerte der Preisträger. Er könne stundenlang über Breitbach erzählen, müsse jedoch an dieser Stelle zumindest erwähnen, dass Breitbach die Eigenart hatte, alle wichtigen Bücher doppelt zu kaufen – so konnte er sie an seinen beiden Wohnorten in Deutschland und in Frankreich lesen. Außerdem kaufte er in den Buchhandlungen die Bücher seiner Freunde auf, um sie auf eigene Kosten an wichtige Personen zu schicken. Damit entstand gleichzeitig der Eindruck, dass die Bücher schnell verkauft wurden und die Verlage dachten, dass es Bestseller seien.
„Mit dem Preis winkte mir Breitbach gleichsam aus dem Grab heraus zu“, schloss Michael Krüger.
Auf die Frage, ob Lyrik für Michael Krüger eine Art Tagebuch-Ersatz sei, sinnierte der Dichter: „Eigentlich fehlt mir immer eine Stunde am Tag, der für mich 25 Stunden haben müsste. So gesehen sind Gedichte vielleicht eine Art Tagebuch.“ Dem Gespräch folgte ein erster Lese-Part, es handelte sich dabei um Erinnerungen an die Kindheit, die er in Sachsen-Anhalt verbrachte.
Zur Entstehung seiner Lyrik äußerte sich Michael Krüger in der zweiten Gesprächsrunde. Er nutze beispielsweise Bahnfahrten, um Notizen zwischen Lektüre und Telefon festzuhalten, vielleicht könne das eine oder andere später verwendbar sein. So entstehen kleine Konvolute, werden dann an einen Verlag geschickt. „Es gibt viele Verlage, die eine unendliche Angst vor Gedichten haben“, stellte Michael Krüger fest. Bei Suhrkamp sei das nicht der Fall. Michael Krügers jüngster Lyrik-Band Ins Reine ist dort vor kurzem erschienen.
Im Anschluss an den abwechslungsreichen Lese- und Gesprächsteil hatten die Besucher noch die Möglichkeit, Bücher zu kaufen und diese vom Autor signieren zu lassen.
JF