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Die Autorin Ginny G. von Bülow über die Schwierigkeiten, ein selbst verlegtes Buch zu vermarkten

Ginny G. von Bülow, frühere Ehefrau des legendären Kalenderverlegers Werner Gottschalk,hat schon damals erkannt, das „Verlagsgeschäft ist Roulette hoch drei. Speziell das Kalenderverlagsgeschäft. Warum also nicht gleich ins Casino gehen?“. Weit negativere Erfahrungen hat sie aber als Autorin mit (ihr empfohlenen) „großen“ Verlagen gemacht, als „ich es wagte ein Roman-MS anzubieten, ich war doch keine 16 mehr, musste mir anhören: Sie können so intelligent schreiben, wie Sie wollen, solange Sie nicht im Fernsehen waren, können wir Sie nicht bringen!“

Ihre Erkenntnis: „Das schlug dem Faß den Boden einer Verlagslandschaft aus, wie sie marktradikaler wohl kaum noch sein kann“. Das war dann auch Anlass für unser Sonntagsgespräch:

Frau von Bülow, Ihre Geschichten „Aus dem Leben einer Tagediebin oder Wen der Hafer sticht“ sind bei BoD erschienen, einer der wenigen seriösen Adressen für Autoren, die ihr Buch selbst veröffentlichen wollen.

G.G. von Bülow:
„Autoren werden
schlimmer behandelt als
auf dem Straßenstrich“

G.G. von Bülow: Es ist nicht ein X-beliebiges BoD-Buch, sondern ist in der „Edition der Hamburger Autorenvereinigung“ erschienen,deren Mitglied ich wie u.a. Lenz, Kempowski, Surminski – um die bekanntesten zu nennen – auch seit etwa 25 Jahren bin.

Aber Sie sind mit der Reaktion des Buchhandels auf ihr Buch unglücklich…

Unglücklich? Ja, dazu bin ich ratlos, was man als Autor noch tun kann. Denn meine Erfahrung hat bisher gezeigt, dass der Buchhandel sich fast geschlossen weigert, BoD-Bücher hereinzunehmen und schon gar nicht ins Schaufenster zu stellen.

Was eher die Regel bei allen Büchern ist, die Autoren selbst verlegen…

Ich verstehe das auch, weil ich weiß, wie groß der Angebotsdruck die großen Verlage ist. Andererseits für den Autor vernichtend. Nur über einige persönliche Beziehungen ist es mir in wenigen Fällen gelungen, einen Buchhändler zu erweichen, fast immer aber nur über das als ästhetisch empfundene Cover meines Buches.

Beispiele?

Mein Buch lag bei der Augsburger Buchhandlung Rieger & Kranzfelder gerade im Fenster, als sofort eine Kundin nach diesem Titel verlangte. Als die Buchhändlerin sie fragte, sagte

Keine Chance für die „Tagediebin“
trotz dezenter Aufmachung?

die Kundin, das Cover und Titel habe sie sofort angesprochen. Aber sie wisse auch, dass Sie nur dann ein Buch ins Fenster stellen, das Sie selbst für lesenswert halten.

Der Buchhandel ist überfordert, wenn ihm die Verlage nicht einen Teil der Werbearbeit abnehmen…

Der Buchhandel könnte wenigstens das Magazin „BoD Novitäten“ zur Kenntnis nehmen. Dort habe ich einen Werbeauftritt geschaltet, darin dabei kommt mein Buch fabelhaft zur Geltung. Es ist aber auch so, dass mein Buch als gelungen bezeichnet wird, wenn es denn gelesen worden ist – vom Buchhändler wie vom Kunden, der seine Beratung sucht. In der Berliner „Wunschbuchhandlung“ am Adenauerplatz placierte Frau Wunsch etwa die „Tagediebin“ direkt an der Kasse und – schwupp –schon war sie verkauft. Auch die Dorotheestädtische Buchhandlung in Berlin hatte mir spontan eine Lesung angeboten, die wir erfolgreich veranstalteten. Es geht also.

Was wollen Sie damit sagen?

Es beweist: Das Buch würde bestens verkauft werden können, wenn es richtig angeboten werden würde und „müsste längst in aller Munde sein“, wie mir eine Kulturamtsleiterin voll des Lobes schrieb, als sie mich zu einer Lesung einlud.

Welche Erfahrung haben Sie (noch) gemacht?

Mir fehlt einfach ein freier Vertreter, der die Buchhändler besucht. Diesen Aspekt hatte ich nicht bedacht, bin stattdessen immer wieder gegen die Wand gelaufen. Denn die fast zwanghafte Frage des Buchhandels – sofern man überhaupt ins Gespräch kommt und nicht bei Erwähnung von „BoD“, der ja eigentlich kein Verlag, nur ein Hersteller ist, kalt abgewehrt wird – lautet immer: Rezensionen?

Haben Sie denn welche?

Abgesehen einmal von Amazon, wo u.a. die Literaturwissenschaftlerin Sabine Witt eine Lobeshymne schrieb, ist mir gerade von der freien Journalistin Myrta Köhler, Berlin, eine Rezension auf den Tisch geflattert, ich darf mal zur „Tagediebin“ zitieren:
“Die Tagediebin macht es vor: das Leben im hart erarbeiteten Müßiggang. Hingebungsvoll ist sie damit beschäftigt, ihrer Inspiration alle Türen offen zu halten. Vor allem die hintertür, durch die sich zuvor der Arbeitswille verabschiedet hat. Oder doch wenigstens der Wille, sich einer bürgerlichen Existenz zu unterwerfen. In der Haltung angelehnt an „Bruder Taugenichts“ schildert die Lebenskünstlerin amüsant und kurzweilig ihre Suche nach dem großen Durchbruch. Ob auf Ibiza, in New York, in Kopenhagen oder Paris, ob im Kampf mit der Schreibmaschine oder auf der Galopprennbahn – das Ziel ist immer dasselbe: So viel Freiheit wie möglich genießen. Angesiedelt sind die neun Geschichten in der Zeit der 1960er und 70er Jahre, ohne an Aktualität eingebüßt zu haben. Und obwohl die Texte zweifellos autobiographisch gefärbt sind, erkennt der Leser sich in mehr als nur einem Moment schmunzelnd wieder. Die Autorin G.G. von Bülow komponierte ein farbenfrohes Buch – sich selbst liebevoll auf den Arm nehmend, das Leben umarmend.“ (Myrta Köhler, Berlin)

Aber das wars?

Ja, ansonsten ist es mir in keinem einzigen Fall gelungen, auch nur ein Medium zu finden, das mein Buch rezensiert hätte. Weder über direkten Versand eines Rezensionsexemplares, wie früher üblich, noch über Briefpost oder E-mail mit Flyer und dem Angebot, ein

Der Traum vom Platz im Fenster:
Unerfüllbar?

Exemplar anzufordern. Bis auf zwei Zeitungen gab es nicht eine Reaktion geschweige Rücksendung. Die Welt schrieb etwa: Von Seiten des Verlages dürften sie keine BoD-Bücher rezensieren, es würde sonst überhand nehmen. Diese Antwort bekam ich ausgerechnet von einem Journalisten, der die Hamburger Autorenvereinigung kennt und zu differenzieren fähig sein sollte.

Und die andere Absage?

Die erhielt ich vom Hamburger Abendblatt, „das Abendblatt rezensiert ausschließlich belletristische Romane von renommierten Verlagen“… und schickte als einzige das Buch zurück.

Das ist bei unverlangten Sendungen ja auch nicht üblich.

Trotzdem, das war noch ein Zeichen von Anstand. Aber die Gesamtsituation ist eben mehr als ärgerlich. Mögen sich die anderen Journalisten des Feuilletons mit meiner „Tagediebin“ amüsieren: denn sie ist amüsant! Aber – wie die Tagediebin sagt -„Was nützt der Papst meinem Geschäft, wenn es sich um Präservative handelt“ – oder um im Bild zu bleiben: was nützt mir das beste Feuilleton, wenn meine „Tagediebin“ nicht rezensiert wird? Oder: Was nützt mir der Buchhandel, wenn er sich nur auf die großen Verlage stützt?

Harte Worte. Was bewegt Sie noch?

Die Behandlung als freie deutsche Autorin ist so diskriminierend, dass dagegen der Straßenstrich mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet werden sollte. Nicht umsonst lasse ich in meiner Story „Der Literaturagent“ (hinter der Figur verbirgt sich authentisch der New Yorker Literaturagent Barthold Fles, der einst Heinrich Mann vertrat) den Agenten sagen: „Sie schreiben so leicht, wie Mendelssohn Bartholdy komponierte… ich kann Sie aber nur als Amerikanerin auf den deutschen Markt bringen, denn die
deutschen Verleger nehmen jede Übersetzung als Bestseller aus den Staaten in ihr Programm auf. Das war schon damals so. Und noch heute wird jeder Scheiß mit Reis unter dem Etikett „Amerika“ gedruckt.

Ihr Fazit?

Ohmacht! Denn die eigentliche Crux ist die Vernichtung der vielen inhabergeführten kleineren Verlage zugunsten der unüberschaubar gewordenen Großverlage. Die hat aus meiner Sicht diese unheilvolle Kettenrektion doch erst hervorgerufen. Jetzt setzte sich diese Gigantomanie im Buchhandel leider fort und damit den teuflischen Kreislauf in Gang: Buchhandel nur, wenn Rezension/noch besser Talkshow. Rezensionen aber nur, wenn n i c h t BoD – ja, das ist eine unheilvolle Entwicklung, die kaum zu durchbrechen ist.

Aber wie schon angesprochen: BoD ist eine der wenigen seriösen Adressen, wenn man selbst sein Buch machen und vermarkten will, zumal das Buch dann auch bibliographisch zu finden ist.

Kein Einspruch. Und im Rückblick muß ich BoD das Kompliment machen: gute Beratung, perfekte Umsetzung und schnelle Herstellung. Und da ich auf das Lektorat verzichten konnte, blieb mein Text buchstäblich unverfälscht. Und daher, so meine ich, bezieht meine „Tagediebin“ ihre Anziehungskraft aus ihrer Authentizität. Oder wie es mein Berliner Kollege Holger Tegtmeyer auf den Punkt brachte: „Die Geschichten sind stark. Die Protagonistin ist stark. Der Stoff ist stark.“
Kontakt: ggvbuelow@gmx.de; zur Ihrer Webseite und Infos zu Ihren Büchern durch Klick auf die Abbildungen.

Das Sonntagsgespräch von letzter Woche (Dr. Klaus Driever zur E-Reader-Strategie bei Weltbild) finden Sie hier: [mehr…]

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