Gestern Abend stellten die früheren Außenminister Frank Walter Steinmeier und Joschka Fischer im Haus der Kulturen der Welt in Berlin Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik (Blessing) der Öffentlichkeit vor.

mit den Autoren
Bereits eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn drängten sich die Besucher im Foyer um noch eine der begehrten Karten zu ergattern. Mehr als 1.600 Menschen kamen und besetzten das Auditorium bis auf den letzten Platz.
Joschka Fischer hatte in seiner Amtszeit im Jahr 2005 eine Historikerkommission eingesetzt, die die Rolle und Verstrickung von deutschen Diplomaten im Nationalsozialismus untersuchen sollte. Der Abschlussbericht ist jetzt im Blessing Verlag als 880 Seiten starkes Buch erschienen, verfasst von den Historikern Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann.
Als vor anderthalb Jahren ein Verlag für das Werk gesucht wurde, habe er nicht lange gezögert, sagte Verleger Ulrich Genzler in der Begrüßung. Die Kompetenz der Autoren habe ihn von Anfang überzeugt. Als weiteren Grund für seine Entscheidung nannte Genzler die sich abzeichnende Dimension des Projekts, eine Neubewertung des Mythos, das Auswärtige Amt sei von 1933 bis 1945 ein Hort des Widerstands gewesen. Schon vor Erscheinen hat das Buch Wellen geschlagen. Der Verlag sei von der Aufmerksamkeit überrollt worden, so Genzler.
„Wer wirklich wissen will, was Eliteversagen ist, kann das in diesem Buch nachlesen“, sagte Steinmeier. Der Titel sei keine Empörungsliteratur. „Für mich ist er das Sachbuch des Jahres.“
Sein Vorgänger Joschka Fischer zeigte sich sehr berührt. Das Ergebnis der Studie habe ihn schockiert, so Fischer, dessen leidenschaftliche Ansprache immer wieder von Applaus unterbrochen wurde. Auch in der anschließenden von Tissy Bruns moderierten Diskussion mit den Autoren betonte Fischer die Rolle von Marga Henseler, deren Unverdrossenheit und Insistenz ihn zu der Studie veranlasst hatte: „Sie hat sich um Deutschland verdient gemacht.“
ML