
Heute Abend fand traditionsgemäß auf dem Stadtschreiberfest in Frankfurt Bergen-Enkheim die Übergabe des Schlüssels für das Stadtschreiberdomizil vom 36. Stadtschreiber Ulrich Peltzer an den 37. Stadtschreiber Thomas Rosenlöcher statt.
Der Ortsvorsteher von Bergen-Enkheim, Helmut Ulshöfer, begrüßte im Festzelt die ehemaligen Amtsinhaber Eva Demski und Peter Weber und dankte allen, die den Preis ermöglichen.
Dem scheidenden Stadtschreiber Ulrich Peltzer dankte er für ein spannendes kulturelles Jahr.
Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth lobte die engagierte Berger Bücherstube, die sowohl die Stadtschreiberschaft, initiiert 1974 von Franz-Joseph Schneider und weiter gepflegt von Tochter Adrienne Schneider, als auch das Fest seit Anbeginn begleitet. Die Verbindung von Frankfurt mit dem Stadtteil drückte sie so aus: „Wir Frankfurter bleiben Bergen-Enkheimer.“ Thomas Rosenlöcher sagte sie, dass er stets in Frankfurt, Bergen-Enkheim und im Rathaus willkommen sei.
Petra Roth machte darauf aufmerksam, dass Ulrich Peltzer 2010 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin wurde und wies auf Ehrungen verschiedener ehemaliger Stadtschreiber hin, die höchste Auszeichnung unter ihnen hat Herta Müller mit dem Literatur-Nobelpreis erhalten.
Festredner Robert Misik stellte die rhetorische Frage, ob man sich an dieser Stelle mit den Thesen von Thilo Sarazzin befassen sollte und tat das. Es muss sein, um Dinge zurecht zu rücken. „Gesetzt den Fall, dass Dummheit vererbbar ist, muss man Herrn Sarazzin für seine Thesen danken – aber nur in diesem Fall“, schloss er den ersten Teil seiner Rede ab.
Er warnte vor dem Gift der Niedertracht, das sich schleichend verbreitet. Es geht darum, der vorherrschenden Zukunftslosigkeit entgegen zu treten, um gefährliche Gedankenauswüchse zu verhindern. Doch können wir uns eine Verbesserung der gegenwärtigen Gesellschaft überhaupt noch vorstellen? Moral und Altruismus sind heute altmodisch, es zählt das Streben nach dem eigenen Vorteil, die Moderne ist längst auseinander gebrochen, die Gegenwart zeigt Symptome einer intellektuellen Pathologie. Die jetzige Zeit wird als eine nach dem Ende der Ideale empfunden.
Wäre es nicht gut, wenn wir etwas mehr modern (im alten Sinn) wären? Und sagte da nicht ein Ausländer: Yes we can?
Ulrich Peltzer erinnerte in seiner Abschiedsrede an Bergen-Enkheimer Ergebnisse seiner Arbeit; sie werden u.a. im Wintersemester der Frankfurter Poetik-Vorlesungen 2010/2011 unter dem Titel „angefangen wird mittendrin“ zu hören sein.
Von den Mühen des Schreibens, von der Verquickung von Kunst und Literatur und Geld erzählte er, vom Zwang, einen Roman zu Ende zu bringen und von der Erkenntnis, dass manches keine Frage des Geldes, sondern eine Frage der Liebe ist.
„Wer als Dresdner etwas werden will, muss rechtzeitig die Stadt verlassen“, zitierte sich Thomas Rosenlöcher selbst. Dieser Satz sei bis zum Gremium in Bergen-Enkheim gedrungen, für ihn stelle das Gremium (die Jury, die über den Stadtschreiberpreis entscheidet), so etwas Ähnliches wie das Zentralkomitee dar. Und nun ist er, Thomas Rosenlöcher neuer Stadtschreiber! Da sage einer, dass Literatur keine Wirkung habe!
Thomas Rosenlöcher sinnierte humorvoll über Deutsch-Deutsches, seine Gedanken kulminierten in der Feststellung: „Die Teilung Deutschlands für einen Fehler zu halten und auf der falschen Seite zu sitzen war fatal.“
Da kaum einer unauffällig aus dem mit Apfelweingarnituren dicht bestückten Zelt verschwinden konnte, wollte Thomas Rosenlöcher diese Situation nutzen und trug zwei Gedichte vor, eines mit dem Titel Heimweh von Eduard Mörike und eines aus eigener Feder. Beide zeigten, woran Heimat ermessen werden kann und was sie bedeutet.
Im Anschluss an die Reden nahmen sich Ulrich Peltzer und Thomas Rosenlöcher Zeit zum signieren, die Berger Bücherstube hatte mit einer Auswahl vorgesorgt.
Musikalisch klang der Abend mit The Soul Potectors & Waymond Harding aus.
JF