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25 Jahre Romanfabrik Frankfurt: Auftakt mit Debatte zum Literaturland Hessen

Gestern Abend begann das Jubiläumsprogramm der Frankfurter Romanfabrik mit einer Literaturdebatte. Dabei ging es weniger um einen Rückblick, als vielmehr um die Gegenwart: Welche Möglichkeiten für Literatur bietet Hessen heute?

Michael Hohmann, Leiter der 1985 gegründeten Romanfabrik, bemerkte in seiner Begrüßung, dass das Jubiläum eigentlich ganzjährig gefeiert werde. Für die Zeit vom 31. August bis zum 5. September wurde allerdings ein hochkarätiges und facettenreiches Festprogramm konzipiert, das alle Genres einschließt.

An der gestrigen Debatte nahmen Hans Sarkowicz, hr2-Literaturland Hessen, Harry Oberländer, Leiter des Hessischen Literaturforums, Hartmut Holzapfel, Hessischer Literaturrat, Ruth Wagner, ehemalige Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, sowie der Schriftsteller Thomas Hettche teil. Das Gespräch leitete Martin Lüdke.

Moderator Martin Lüdke erinnerte themengemäß zu Beginn an Autoren, die Städte durch ihre Bücher berühmt gemacht haben, er nannte beispielhaft James Joyce, William Faulkner und den anwesenden Thomas Hettche. Prägt also die Landschaft ihre Dichter?

Auf aktuelle Diskussionen anspielend, antwortete Hans Sarkowicz: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es ein hessisches Schriftsteller-Gen gibt.“ Ernsthafter ging er auf Literatur ein, in der Orte auf besondere Weise beschrieben werden. Zufällig ist diese Literatur an solchen Plätzen entstanden. Zur Bedeutung der Orte äußerte er: „Werther hätte seine Lotte in Reutlingen gekriegt, nur in Wetzlar nicht.“

Dass etwas „nur“ in Frankfurt oder Berlin geschrieben werden könne, hielt Harry Oberländer nicht für wesentlich und wurde in dieser Meinung von Ruth Wagner bestärkt: “Wesentlich sind die Zeitumstände der Geschichte.“

Ergänzt wurde diese Aussage von Hartmut Holzapfel: „Bücher lassen sich anders lesen, wenn man weiß, woher der Autor kommt.“ Mit dem Land Hessen ist das jedoch ein Problem, es wird in der Öffentlichkeit weniger als Land wahrgenommen als beispielsweise Bayern.

Thomas Hettches jüngster Roman Die Liebe der Väter spielt auf Sylt, wurde aber in der Schweiz geschrieben – das verdeutlicht: die Literatur des Ortes ist nicht zugleich der Ort des Literaten. Es gibt also einen Unterschied zwischen dem Auftauchen des Landes in der Literatur und den Literaten im Land. Wichtig ist, inwiefern das Land das tägliche Leben des Schriftstellers bestimmt. Über Berlin meinte Hettche, dass zurzeit jeder Ort in Begründungszwang der Hauptstadt gegenüber gerät, in der jeder glaubt, sein zu müssen.

Hans Sarkowicz stellte ebenfalls in Frage, dass es für den Autor wichtig sei, einer bestimmten Szene, einem gewissen Umfeld anzugehören.

„Manchmal verkümmern Autoren im Umgang, manchmal nicht – wir können das Thema nicht lösen“, schloss Martin Lüdke den Disput zu dieser These.

Der Suhrkamp Verlag, leitete Martin Lüdke zum nächsten Thema über, feierte seinen 60. Geburtstag im Regen am Berliner Wannsee, registrierte der Moderator nicht ohne Schadenfreude, denn im Frankfurter Schauspiel hätte es nicht geregnet. Fehlt uns Suhrkamp am Main?
Ruth Wagner stellte fest, dass Suhrkamp nicht nur ein Verlag, sondern ein Initiator war mit engen Verbindungen zu literarischen Institutionen. Suhrkamp war eine riesige kulturpolitische Tat, eine wichtige Epoche im Kulturland Hessen.

Dieser Prozess war, so konstatierte Martin Lüdke, jedoch 1989 abgeschlossen.

„Suhrkamp wird immer mehr zum Mythos, je weiter man von den Ereignissen entfernt ist. Das Schielen auf Berlin haben wir nicht nötig, wir sollten eigene Chancen suchen und sie nutzen“, schaltete sich Harry Oberländer ein. Thomas Hettche pflichtete ihm bei.

Ruth Wagner resümierte: „Die Situation von damals im Frankfurt des Aufbruchs wird sich in Berlin nicht wiederholen. Aber was passiert heute? Es gärt, es gärt kreativ.“

Auch die Frankfurter Buchmesse musste sich in den 1970er Jahren neu erfinden, doch sie hat sich neu erfunden und hat Bestand. Das Potential der Buchmesse sollte die Stadt stärker nutzen. In Leipzig, gesponsert durch Bertelsmann, sei das gut gelungen.

Carolina Romahn, Kulturamtsleiterin und im Publikum, nimmt den Faden auf: „Warum übernimmt in Frankfurt kein Verlag das Sponsoring? Die Stadt kann das nicht. Leipzig ist eine Publikumsmesse, Frankfurt eine Geschäftsmesse. Mit der Veranstaltungsreihe ‚Open Books’, die in diesem Jahr doppelt so viele Veranstaltungen haben und noch mehr Verlage einbeziehen wird, versuchen wir, die Messe in die Stadtöffentlichkeit zu holen.“

„Die Überlegung, mehr Geld zur Verfügung zu stellen, dann funktioniere alles auch besser, ist zu einfach“, stellte Hans Sarkowicz fest. Es gehe vielmehr um bessere Vernetzung, mehr Kontakte zwischen den Literatureinrichtungen und eine stärkere Kooperation. Das sieht Harry Oberländer ähnlich: „Die Autoren müssen sich wohl fühlen, das ist wichtiger als Geld.“

Eigentlich, so warf Martin Lüdke ein, gehe es nicht um das Land Hessen, sondern die stärkere Vernetzung der Rhein-Main-Region. In diesem Gebiet sollten Projekte angepackt werden. Der Kulturfonds, schloss sich Ruth Wagner an, ist ein solcher Versuch, sich abseits von Ländergrenzen als Region zu positionieren. Wichtig sei dabei, die Wissenschaft mit einzubeziehen.

Nicht nur weil die Debatte in der Romanfabrik stattfand, kam man an dieser Stelle auf die Kürzung der Mittel durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst [mehr…] zu sprechen. Hartmut Holzapfel, als ehemaliger Minister prädestiniert, über diese Frage zu sprechen, konstatierte, dass es Landeskulturpolitik – mit Ausnahme der Amtszeit von Ruth Wagner – nie gegeben hat. Ein sehr eigenartiger Zustand für Hessen. Die Konkurrenz der Städte spiele eine große Rolle, manchmal führe das zum Desinteresse der Landespolitik. Der Literaturrat steuere dagegen – oder versucht es zumindest. Das Land fixiere sich auf Leuchtturmprojekte, die deshalb so leuchten, weil es ringsum finster ist.

Zahlen zur Kulturförderung nannte Ruth Wagner. Die Stadt Frankfurt sei dabei beispielhaft, schaffe es jedoch alleine nicht. „Es geht darum, intelligent zu sparen und nicht dumm zu kürzen“, sagte sie in Bezug auf Mittelkürzungen. Den Kürzungen kann man nur als Gemeinschaft gegenübertreten, viele kleine Inseln werden da nichts ausrichten, sondern eher untergehen.

Was wünschen sich die Debattanten für die Zukunft? Hans Sarkowicz stellt sich regionale, gemeinsam organisierte Großprojekte für die Region vor, Hartmut Holzapfel wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für Grundstrukturen wie zum Beispiel Bibliotheken. Die Schere zwischen Förderung von Groß- und Kleinprojekten dürfe nicht noch mehr auseinander gehen. Ruth Wagner tritt ebenfalls für eine stabile Grundförderung ein, die Ressourcen sollten gemeinsam besser genutzt werden.
Mehr Information darüber, wie Autoren leben und wie sie sinnvoll gefördert werden können, hätte Harry Oberländer gern.

Autor Thomas Hettche zieht Bilanz; der Rundfunk ist für die Schriftsteller heute weniger wichtig, die Zeitungen haben die Honorare gekürzt, die Verlage spielen mit solchen Gedanken, die Buchhandlungen können für Lesungen kaum noch etwas bezahlen. Bleiben die Institutionen – genau da sollte auch der Diskurs stattfinden.

Der offizielle Teil war damit nach zwei Stunden beendet, in Gruppen wurde allerdings noch lange debattiert.

Im weiteren Jubiläumsprogramm lädt die Romanfabrik am 1. September zu einem Jazz-Abend mit Heinz Sauer und Michael Wollny ein, am 2. September sind Erika Pluhar und Klaus Trabitsch mit Chansons zu Gast, um die Neue Frankfurter Schule geht es am 3. September mit Pit Knorr, Anna Poth, Thomas Gsella, Hans Zippert, Markus Neumeyer und Frank Wolff. Auf ihre Anfänge blickt die Institution gemeinsam mit Peter Zingler, Doris Lerche, Heiner Boehnke, Paulus Böhmer, Harry Oberländer, Reinhard Kaiser, Andreas Maier, Georgi Mundrov, Walter Renneisen und dem Jazz-Quartett Me Too am 4. September zurück. Die Pianistin Diana Ginzburg und der Gitarrist Marcelo Pereyra beenden den Geburtstagsreigen am 5. September musikalisch mit Tango Porteño.

JF

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