
Gestern Abend fand im Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt eine Gesprächsrunde zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit statt. Daran nahmen zunächst Bundesinnenminister Thomas de Maizière, die Honorarkonsulin Schwedens und Leipziger Unternehmerin Petra Löschke sowie der ehemalige Leipziger und jetzt Frankfurter Messe-Chef Wolfgang Marzin teil. Moderiert wurde das Gespräch von Jacqueline Boysen, Deutschlandradio.
Es war die dritte bundesweite Veranstaltung „Ost und West im Dialog: Das gemischte Doppel“, organisiert vom Bundesministerium des Innern.
In seiner Begrüßung zog der Direktor des Hauses, Prof. Dr. Dr. Volker Mosbrugger eine Verbindung zwischen Veranstaltungsort und Thema: „Alle Exponate zeigen: Wer aus der Geschichte nichts lernt, den bestraft das Leben.“
Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth nahm diese Wort auf: „Wir haben alle aus der Geschichte gelernt.“ Sie verglich Leipzig und Frankfurt und schilderte die Situation beider Städte zu einer Zeit, die über 100 Jahre zurück liegt. Damals war Frankfurt keinesfalls so bedeutend wie Leipzig. Doch nach dem II. Weltkrieg wendete sich das Blatt, Frankfurt blühte auf, viele Leipziger Unternehmen dagegen verließen die Stadt an Pleiße und Weißer Elster. In beiden Städten spielen Kirchen eine wichtige Rolle; das war 1848 in Frankfurt die Paulskirche und 1989 in Leipzig die Nikolaikirche. Gleich nach den ersten demokratischen Wahlen wurde zwischen Frankfurt und Leipzig ein Freundschaftsvertrag geschlossen, beide Messezentren sind Partnerstädte.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière wollte in Betrachtung der deutschen Einheit, so schickte er voran, weniger über den Solidaritätsbeitrag, sondern eher über die zwanzigjährige Entwicklung diskutieren. Die gegenwärtigen Fakten sprechen eine deutliche Sprache: In Leipzig gibt es doppelt so viele Arbeitslose wie in Frankfurt. Aber Leipzig hat mehr Krippenplätze und vielleicht auch das bessere Schulsystem.
Ein Drittel der 60-jähigen Geschichte Deutschlands betrifft die Einheit des Landes, doch das Gefühl zeigt etwas anderes; die älteren Menschen fühlen vielmehr, sie wären 90 Prozent der Zeitspanne getrennt gewesen. Wie kommt das?
An die Montagsdemonstrationen in ihrer Heimatstadt erinnerte sich Petra Löschke. Sie wehrt sich gegen die Ansicht, dass in der DDR keine Entwicklung stattgefunden hat. Natürlich haben nach der Wende viele Bürger Leipzig den Rücken gekehrt. Sie sieht das für sich selbst anders: „Leipzig ist meine Stadt, ich bin nicht bereit, meine Stadt zu verlassen und sie anderen zu überlassen.“ Leipzig hat sich in den letzten 20 Jahren positiv verändert und ist zu einer der schönsten Städte Deutschlands geworden. Sicher ist noch viel zu tun, aber: „Es ist als ob das Kind krank wäre, das verlässt man ja dann auch nicht.“
Wolfgang Marzin dachte an das Jahr 2004 zurück, als er seine Arbeit in Leipzig aufnahm. Es war die Zeit der Olympia-Euphorie, vieles ließ sich vorstellen.
Zum Messegeschäft bemerkte er: „Messen sind nicht da, um über Ost und West zu streiten, sondern ihr Ziel ist es, neue Märkte zu eröffnen.“ Das Team der Leipziger Messe war von großem Zusammenhalt und viel Engagement geprägt. Die Leipziger Messe wird zwar andere Messen nicht überholen können, aber sie kann ihre eigenen Stärken ausspielen.
Thomas de Maizière ergänzte: „Niemand wollte vor 20 Jahren einen Messestandort im Osten – nur die Leipziger. Das durchzusetzen war ein mutiger Schritt.“
Nach einem kurzen Film über Leipzig und seine Menschen erweiterten Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, und der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling die Podiumsrunde.
Der Frankfurter Editor bekannte, das für das Projekt „Frankfurt liest ein Buch“ die erfolgreiche Messe-Veranstaltung „Leipzig liest“ im Hinterkopf war.
An die Gegebenheiten vor 20 Jahren denkend, bemerkte Klaus Schöffling: „Die Autoren aus dem Osten waren zur Wende im Westen bekannt. Doch Bücher ließen sich im so genannten Leseland weniger als erhofft verkaufen.“ Diese Zahlen beeinflussen ihn jedoch nicht und nehmen ihm nicht den Mut, weiter Bücher zu verlegen. Das Leseland war im Übrigen eher ein Mythos, denn einen offenen Buch- und Zeitschriftenmarkt gab es in der DDR nicht.
Oliver Zille erklärte: „Leipzig ist eine schöne, aber arme Stadt. 1992 haben wir mit ‚Leipzig liest’ begonnen, das ging nur in Leipzig, weil da die entsprechende Aufbruchstimmung herrschte. 15 Jahre später wurde die Veranstaltung in Basel kopiert – ohne Erfolg. Ich denke jedoch, würden wir das heute initiieren, würde es so nicht mehr funktionieren.“
Von den Gesprächsteilnehmern wurde die wichtige Rolle der Literatur bei der Entwicklung eines geeinten Deutschlands unterstrichen. Doch während nur wenige Institutionen noch in Leipzig beheimatet sind, beispielsweise das Deutsche Literaturinstitut und die Deutsche Nationalbibliothek, sind viele Verlage verschwunden. Klaus Schöffling erinnerte in diesem Zusammenhang an die Untersuchungen seines Kollegen Christoph Links.
Umso wichtiger ist es, dass sich die Leipziger Buchmesse etablieren konnte. Sie hat sich gerade hinsichtlich junger Autoren profiliert, erläuterte Oliver Zille. Eine Ausprägung, die heute Besucher bringt. Die Gäste kommen dabei (nur) zu einem Drittel aus dem Westen und dem Ausland.
Bezug nehmend auf die von Leipzig weggezogene Games Convention meinte Oliver Zille: „Manchmal hat man das Gefühl, dass, wenn Messen weggehen, eine Verschwörung gegen den Osten im Gange ist. Aber dem ist nicht so, man muss mit Niederlagen ebenfalls umgehen lernen und neue, bessere Ideen entwickeln.“
Dennoch, warnte Thomas de Maizière, sollten beide Städte nicht nur auf die Messen reduziert werden. Leipzig hat objektive Standortnachteile, die ausgeglichen werden müssen. Notwendig ist allerdings viel mehr, eigene Chancen zu erkennen und sie zu nutzen, selbst aktiv zu werden.
Anschließend wurden Fragen des Einigungsvertrages erörtert, der Bundesinnenminister bat um Verständnis für Fehler, da sich, wie er sagte: „ungleiche Partner – die Experten aus dem Westen und die Laienschauspieler aus dem Osten – gegenüber saßen“ und hinter allem ein großer Zeitdruck stand.
Eine Rolle spielte außerdem das Gefühl der Bürger in den alten Bundesländern, dass sich nur im Osten etwas verändern müsse, der Westen habe schon genügend Belastungen mit der Änderung der Postleitzahlen zu ertragen.
Die fast zweistündige Diskussion, in der das Publikum leider kaum zu Wort kam, warf einen Blick auf 20-jährige deutsche Entwicklung, exemplarisch an den Städten Frankfurt und Leipzig. Am Ende wurde allerdings deutlich: In Zukunft geht es nicht mehr um Ost oder West, sondern um die Lösung globaler Fragen. Und das wird weitaus schwieriger.
JF