
Am 8. April hatte DIE ZEIT angekündigt, dass Rezensionen von Kinder- und Jugendbüchern sowie der Kritikerpreis LUCHS vom Feuilleton in die Nachbarschaft der KinderZEIT „umziehen“ würden. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) Ulrich Störiko-Blume (Foto) bittet die Verantwortlichen in einem offenen Brief, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Auch die Autorin Jutta Richter hat einen von vielen Kollegen mitunterzeichneten Brief an DIE ZEIT geschrieben.
Wir zitieren beide Briefe im Wortlaut, zunächst den der avj:
„Offener Brief an DIE ZEIT 21.4.2010
Chefredaktion: Herrn Giovanni di Lorenzo
Feuilleton-Leitung: Herrn Florian Illies, Herrn Jens Jessen
Redaktion: Frau Dr. Susanne Gaschke, Frau Dr. Susanne Mayer
Geschäftsführung: Herrn Dr. Rainer Esser
Sehr geehrte Kolleginnen, sehr geehrte Kollegen,

es ist kein Sturm im Wasserglas, es ist kein Strohfeuer, es ist keine kurzfristige Aufregung, es ist auch keine Anmaßung – es ist eine ernste Sorge über den bemerkenswerten Tatbestand, dass die mit Abstand führende, weithin geschätzte, viel gelesene und meinungsbildende Wochenzeitung dieses Landes, DIE ZEIT, in einer lapidaren Mitteilung in der Ausgabe vom 8. April verkündet, das Kinder- und Jugendbuch und der Kritikerpreis LUCHS werden im Feuilleton nicht mehr stattfinden, sondern von nun an in der Nachbarschaft der KinderZEIT.
Eine freie Zeitung wie DIE ZEIT kann selbstverständlich tun und lassen, was ihr beliebt – nur ebenso selbstverständlich nehmen wir uns das Recht, dazu eine Meinung zu äußern. Dass DIE ZEIT eine KinderZEIT eingeführt hat, ist eine gut nachvollziehbare Maßnahme, um den jungen Mitgliedern derjenigen Familien, in denen DIE ZEIT gelesen wird, auch etwas Eigenes zu bieten. In einem solchen Teil kommt natürlich auch Literatur für Kinder vor, und das ist gut so. Das zu kritisieren gibt es keinen Grund.
Im Feuilleton wird üblicherweise über Literatur und über Bücher geschrieben. Genau das aber wird Kinder gar nicht und Jugendliche nur sehr begrenzt ansprechen. Dieselben Personen, die sich für Belletristik und Sachbuch interessieren und solche Bücher für sich selbst einkaufen, sind auch die Käufer von Kinder- und Jugendbüchern. Etwa 95% aller Kinder- und Jugendbücher werden von Erwachsenen gekauft. Jeder Buchhändler, jeder Verleger, jeder Autor freut sich, wenn die jungen Leser selbst in die Buchhandlung gehen und ihr Taschengeld oder Gespartes oder Geldgeschenk in Bücher umtauschen. In der Realität des Buchmarkts spielt dieses erfreuliche Phänomen jedoch nur eine winzige Rolle, denn die große Masse der Kinder und Jugendlichen, auch die aus bildungsintensiven Schichten, „kaufen“ selbst nur Medien, die für sie de facto gratis sind: Fernsehen, Internet und die öffentliche Bibliothek.
Wir erlauben uns diesen Hinweis auf das Bücherkaufen nicht deshalb, weil es uns vordergründig um das Geschäft geht (das zu befördern sie zu Recht nicht als Ihr Anliegen verstehen werden), sondern weil die Lektüre des Feuilletons ja zum Lesen der Bücher anregen und die Lektüre der Bücher selbst nicht etwa ersetzen soll (in der Regel ist der Erwerb eines Buches die Voraussetzung für dessen Lektüre).
Das ist einer von vielen Gründen, warum eine Kinderseite nicht der richtige Ort für Literaturkritik ist – mal abgesehen davon, dass höchst zweifelhaft ist, ob sich ein einziger Jugendlicher im Kinderteil seine Lektüreempfehlungen holen wird.
Einen anderen Grund hat Jutta Richter in ihrem (inzwischen von vielen namhaften Autoren unterzeichneten) offenen Brief vom 17. April eindringlich und klar zusammengefasst: wie und warum die Literatur für Kinder und Jugendliche ein Teil der Literatur und nicht ein Teil der Didaktik ist. Wir unterstützen diesen Brief ausdrücklich.
Der Vorstand der avj hat seine Mitglieder gebeten, sich explizit der Bitte anzuschließen, den Umzug in die KinderZEIT rückgängig zu machen. Bis zum heutigen Tag haben sich die unten angeführten Verlage diesem Appell angeschlossen:
Annette Betz Verlag
Aufbau Verlag
Bajazzo Verlag
Baumhaus Verlag
Beltz & Gelberg
Bibliographisches Institut
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher
bohem press
Boje Verlag
Carl Hanser Verlag
Carlsen Verlag
cbj Verlag
cbt Verlag
Cecilie Dressler Verlag
Coppenrath Verlag
Deutscher Taschenbuch Verlag
Dorling Kindersley Verlag
edition zweihorn
Ellermann Verlag
Esslinger Verlag
Fischer Schatzinsel
Franckh-Kosmos Verlag
Gerstenberg Verlag
headroom sound production
Hörcompany
Karl-May-Verlag
Klett Kinderbuch
Klopp im Ellermann Verlag
Lappan Verlag
Loewe Verlag
Menschenkinder Verlag
Michael Neugebauer Edition
Oetinger Media
Oetinger Taschenbuch
Patmos-Verlagsgruppe
Peter Hammer Verlag
Ravensburger Buchverlag
SCM Verlag R. Brockhaus
Terzio Möllers & Bellinghausen Verlag
Thienemann Verlag
Titania Verlag
Tulipan Verlag
Velber Verlag
Verlag Carl Ueberreuter
Verlag Freies Geistesleben
Verlag Friedrich Oetinger
Verlag Jungbrunnen
Verlag Urachhaus
Verlagshaus Jacoby & Stuart
Dieser offene Brief geht zugleich an die LUCHS-Jurymitglieder und an die Fachzeitschriften unserer Branche: Börsenblatt, BuchMarkt, Buchreport, Bulletin Jugend + Literatur, Eselsohr sowie an Jutta Richter.
Wir freuen uns, wenn unsere Überlegungen bei Ihnen ein neues Nachdenken über diese Sache
befördern.
Wir sind auch gern bereit, hierüber ins Gespräch einzutreten.
Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Störiko-Blume
Vorsitzender des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj)“
Und hier der Brief von Jutta Richter:
„Offener Brief an DIE ZEIT
Sehr geehrter Herr Dr. Esser, sehr geehrter Herr Greiner, sehr geehrter Herr di Lorenzo,

Umzug hat im Blatt gestanden, aber wir haben die Koffer nicht gepackt.
Umzug hat im Blatt gestanden, aber wir wollen nicht umziehen.
Auch wenn Kinder vor einem Buch stehen, bleibt es doch trotzdem ein Buch, und Bücher gehören ins Feuilleton. Da wohnen sie, da ist ihr Platz, da werden sie besprochen und beachtet.
Da findet der Leser alles, was er über Bücher wissen will.
Und jetzt hat die ZEIT beschlossen, die Kinder- und Jugendliteraturseite in die KinderZEIT umzusiedeln, mit LUCHS und allem was dazugehört.
Warum denn nur, fragen wir?
Da könnte man ja auch die Rubrik Politisches Buch zur Gesellschaft schieben, tut man aber nicht. Es drängt sich also ein Verdacht auf: der Verdacht, Kinderliteratur gehöre auf die Kinderseite, weil die Betonung auf Kinder liegt, nicht auf Literatur, oder? Dagegen jedoch haben wir Jahrzehnte angeschrieben, angezeichnet und angekämpft. Und wir hatten fabelhafte Mitstreiter, ich erinnere nur an die großartigen Kinderbuchrezensionen Wolfdietrich Schnurres in der ZEIT, nachzulesen in seinem Buch „Emil und die Direktiven“.
„Ein Glücksfall für uns, ein Weltbuch für alle“, schrieb Rolf Michaelis einst in einer Kinderbuchrezension. In der KinderZEIT versteckt, wäre das Weltbuch von allen wohl nicht mehr zu finden gewesen. Schade drum!
Dass die Literatur so unteilbar ist wie der Himmel, hat sich doch inzwischen herumgesprochen. In diesem Sinne gibt es keine Kinderliteratur. Es gibt nur gut oder schlecht erzählte Geschichten. Den Beweis dafür versuchen die Rezensenten anzutreten, da wo die Leser ihn suchen, nämlich im Literaturteil einer Wochenzeitung.
Deshalb bitten wir Sie im Namen der Literatur, Ihre Entscheidung, die Kinder- und Jugendbücher aus dem Feuilleton der ZEIT zu vertreiben, rückgängig zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
Jutta Richter
Paul Maar
Mirjam Pressler
Cornelia Funke
Rotraut Susanne Berner
Christine Nöstlinger
Cornelia Funke
Jutta Bauer
Klaus Kordon
Peter Härtling
Andreas Steinhöfel
Hans-Joachim Gelberg
Hanna Johansen
Axel Scheffler
Peter Schössow
Bart Moeyaert
Wolf Erlbruch
Quint Buchholz
Amelie Fried
Binette Schroeder
Henriette Sauvant“