
Gerüchteweise heißt es immer wieder, der eine oder andere Verlag stehe finanziell mit dem Rücken an der Wand. Nichts Genaues weiß man nicht, nur darauf, dass die Zeiten nicht gerade einfach sind, kann man sich einigen. Zur Finanzierung langfristiger Projekte oder aber auch zur kurzfristigen Überbrückung sind Verlage wie jedes Unternehmen auf gute Kontakte zu ihrer Bank angewiesen.
Franz Steinbild war nach dem Studium zunächst bei der Bertelsmann Music Group und wechselte 2005 zu Gräfe & Unzer, wo er die Leitung des Bereichs Finanzen und Controlling innehatte. Seit Anfang des Jahres 2009 ist er als selbständiger Berater tätig.
buchmarkt.de: Sind Verlage gern gesehene Kunden bei Banken?
Steinbild: Sie gehören für die Banken sicher nicht zu den wichtigsten Kunden. Die Verlagsbranche hat mit Ausnahme der ganz großen Verlage vom Transaktionsvolumen her keine wesentliche Bedeutung. Das führt dazu, dass Verlage häufig nur so mitlaufen. In der Regel gibt es nur einfaches Standard-Geschäft, also keine großen Investitionen, wenig Auslandsgeschäft, keine komplizierten Finanzierungen, etc. Das ist eher uninteressant für Banken.
buchmarkt.de: Dafür stecken aber vielleicht weniger Risiken in Geschäften mit Verlagen?
Steinbild: Das ist leider ein Irrtum. Aus Sicht der Banken hat die komplette Branche bisher keine klare Zukunftsstrategie für den Umgang mit den E-Medien erkennen lassen. Es wird befürchtet, dass es den Verlagen genauso geht wie der Musikbranche. Das erhöht massiv das Investitionsrisiko für Banken.
Zudem haben Verlage häufig auch keine erstklassigen Sicherheiten wie Grundstücke, Gebäude oder Maschinen. Daher können sie oft nur Lagerbestände, Forderungen, etc. als Sicherheiten anbieten. Ein Großteil des Vermögens von Verlagen liegt obendrein in „Intellectual Property“, geistigem Eigentum, Marken, Schutzrechten, Mitarbeiterqualifikation. Dieses darf aber, wenn selbst erstellt, nicht bilanziert werden und bleibt daher meistens unsichtbar für die Bank.
buchmarkt.de: Soll das heißen, die Bank sieht einen wesentlichen Teil des Vermögens eines Verlages gar nicht?
Steinbild: Das ist richtig, wenn dem Bankberater nur der Jahresabschluss vorliegt und dort kein „Intellectual Property Statement“ enthalten ist.
buchmarkt.de: Wie kann sich denn ein Verlag vor diesem Hintergrund überhaupt sinnvoll an eine Bank wenden?
Steinbild: Es ist Aufgabe der Verlage, die enormen und zukunftsgerichteten Werte im Bereich des Intellectual Property transparent zu machen, sowohl sich selbst gegenüber als auch gegenüber den Geldgebern. Bei den Banken ist das Thema Intellectual Property inzwischen angekommen. In der Diskussion mit der Bank sollte ein Verfahren besprochen werden, wie diese Werte sowohl beim Kreditrating als auch als Kreditsicherheit Eingang finden können.
Noch ein anderer Punkt scheint mir wichtig: Vor allem auf Verlagsseite bedarf es eines Umdenkens. Hier wird die Kluft zwischen schnöden Geldgeschäften und „Schöngeist“ gerne gepflegt.
buchmarkt.de: Nun ja, aber viele Verleger sind ausgezeichnete Verleger, gerade weil sie solche Schöngeister sind. Wären Sie gute Rechner, hätten sie einen anderen Beruf.
Steinbild: Es geht ja nicht um ein „Entweder – Oder“, sondern um ein „Sowohl – Als auch“. Ohne Geld gibt es nämlich irgendwann keine schönen Bücher mehr. Verlage haben häufig noch nicht erkannt, dass die Bank ein wesentlicher Geschäftspartner ist.
Ein weiteres Problem im Bankenkontakt von Verlagen ist nämlich auch der Mangel an Vertrauen. Vor allem inhabergeführte Verlage weigern sich häufig, die gewünschten Informationen an die Bank zu geben. Was gegenüber Gesellschaftern üblich ist, wird den Banken verweigert. Dabei verrät ein Blick in die eigene Bilanz, dass der Bank manchmal ein größerer Teil des Verlages gehört als den Gesellschaftern.
buchmarkt.de: Muss man der Bank denn wirklich alles offenlegen?
Steinbild: Etwas überspitzt gesagt, handeln Banken nicht mit Geld, sondern mit Informationen. Wenn Sie dem Bankbetreuer eine gewünschte Information vorenthalten, wird er gleich misstrauisch. Das bedeutet jetzt nicht, alles zu liefern, was der Bankbetreuer gerne hätte. Es geht vielmehr um eine gemeinsame und interessierte Diskussion über einen sinnvollen Informationsumfang. Dadurch kann man Vertrauen und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aufbauen. Im Gegenzug können Verlage auch von der Bank einen fairen Umgang verlangen. Banken haben sich teilweise angewöhnt, bei weniger attraktiven Kunden alle paar Monate den Betreuer zu wechseln und setzen gerne immer den oder die „Neue“ ein. Das ist eine Unsitte, die sich Verlage nicht gefallen lassen müssen. Nur so kann ein Vertrauensverhältnis auf Augenhöhe entstehen.
buchmarkt.de: Dennoch sehen Sie eher auf Verlagsseite Handlungsbedarf?
Steinbild: Banken begegnen Verlagen zum Teil ja durchaus begründet mit Zurückhaltung. Diese kommen in ad-hoc-Aktionen zu ihnen, wenn es gerade brennt und die Luft schon dünn ist. In einem offenen Vertrauensverhältnis zwischen Bankbetreuer und Verlag ist der regelmäßige Kontakt wichtig. So kann auch rechtzeitig reagiert werden. Insbesondere kleine Verlage verfügen weder über ein Controlling, ein aktives Cash-Management noch über ein Risikomanagementsystem. Darauf legen Banken großen Wert, da ein solches modernes Management das Insolvenz-Risiko deutlich reduziert. Das ist nicht nur für die Bankbeziehung gut, sondern insgesamt für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.
buchmarkt.de: Begibt man sich so nicht in eine enorme Abhängigkeit?
Steinbild: Wer kein Fremdkapital braucht, ist natürlich fein raus. Letztlich ist die Abhängigkeit von der Bank vergleichbar mit derjenigen von allen anderen Geschäftspartnern, wie Gesellschafter, Lieferanten, Kunden, Mitarbeiter, etc. Da kommt auch keiner auf die Idee zu sagen, das ist unanständig.
Ich empfehle auch für kleine Verlage, Beziehngen zu mindestens zwei Hausbanken aufzubauen, um Konditionen vergleichen und um gegebenenfalls auf die andere Bank ausweichen zu können.
Und noch ein Tipp: Bankberater sind häufig pfiffige Leute mit viel Erfahrung. Sie haben Einblick in viele Branchen und haben gesehen, wie Unternehmen pleite gehen oder sich erfolgreich weiter entwickeln. Der Bankberater hilft bei der Verbesserung des Ratings, sagt Ihnen, worauf es dabei ankommt und hat darüber hinaus wertvolle Anregungen zum Risikomanagement.