Karin Schmidt-Friderichs verlegt mit ihrem Mann Bertram in ihrem Verlag Hermann Schmidt Bücher zu Typografie, Grafikdesign und Kreativität. Ihre Bücher leben oft von der auffallend schönen Gestaltung. Dennoch freut sich Schmidt-Friderichs über die Möglichkeiten der modernen Welt.
buchmarkt.de: Sie haben ein iPhone. Haben Sie auch Bücher drauf?
Schmidt-Friderichs: Ich habe erste E-Books auf meinem iPhone, die – im Moment noch – eine Zumutung im Umbruch sind. Ich habe Unmengen Apps installiert und tausche mich mit den Freunden meiner Töchter über die

Kein Entweder/Oder
must-haves aus. Manches möchte ich nicht mehr missen – „Around me“, „Twittelator pro“, „Ping“ –, anderes macht einfach Spaß wie „Finger Beat“, „Font Shuffle“, „iZenGarden“ und die obligatorische „Okarina“, und wieder anderes ist gut gedacht und noch nicht wirklich gut umgesetzt. Das ist eine Frage von weniger Zeit, als wir denken…
buchmarkt.de: Sie glauben also an Apps und E-Books auf speziellen Readern?
Schmidt-Friderichs: Ja ich glaube daran, freue mich darauf, und hoffe auf Apps und E-Erlebnisse, die weit mehr sind als eine 1:1-Übertragung aus der Welt gedruckter Bücher. Ich bin sicher, dass uns völlig neuartige, faszinierende Lese-, Lern- und Entertainment-Erlebnisse erwarten. Ich gehe fest davon aus, dass sehr bald neben meinem Bett neben Büchern ein Reader liegen wird. Ich bin in technischen Dingen ein Follower, kein Pionier, vergleiche die Teile aber schon munter! Und ich freue mich darauf. Daneben Bücher ihres Inhaltes und ihrer Form halber zu lieben scheint mir kein Widerspruch!
buchmarkt.de: Es fällt mir schwer, mir Ihre Bücher als E-Books vorzustellen, die doch gerade von ihrer Schönheit leben.
Schmidt-Friderichs: Ich glaube, dass auch der eine oder andere Schmidt-Titel demnächst ein E-Geschwister bekommt, UND ich glaube weiter an das schöne Buch. Da müssen Sie sich fragen, ob ich schizophren bin oder old fashioned. Und ich frage Sie, warum wir auch 40 Jahre nach der Mondlandung noch immer nicht die individuell auf uns abgestimmte Menge an Eiweiß, Vitaminen, Mineralien und Kalorien als pasteuse Masse aus der Tube zu uns nehmen.
Das wäre zeitsparend und figurfreundlich und vermutlich ökonomisch und ökologisch vernünftiger, als sich dem sinnlichen Vergnügen von Speis und Trank hinzugeben. Wir könnten unsere Küchen umbauen und untervermieten und aufhören, vom Gasherd, dem Dampfgarer, der Kitchen Aid oder der Berkel-Schinkenschneidemaschine zu träumen. Und wären um Einiges ärmer: Vielleicht haben Sie schon mal eine Jacke gesucht und kamen mit einem besonders weichen Pulli wieder. Oder Sie haben sich Argumente überlegt, warum Ihr Auto diese wunderbaren Ledersitze und das furnierte oder metallgebürstete Armaturenbrett UNBEDINGT haben sollte, was es natürlich zum Fahren streng genommen nicht braucht, ebenso wenig wie die traumhaften Felgen. Und ich glaube neben Apps und Readern an das gedruckte Buch: Zur Messe haben wir mit einer Graupappe eingeladen, auf der kaum sichtbar geprägt stand: Man sieht auch mit den Händen gut.
buchmarkt.de: Das Buch als sinnliches Vergnügen …
Schmidt-Friderichs: Letzte Buchmesse hatte ich einen Termin mit einem Chefeinkäufer. Er kam zu uns an den Stand. Ich habe mir sagen lassen, dass das eine extreme Ehre ist. Für mich war es erstmal ein Grund, die Nacht nicht zu schlafen. Er kam mit wenig konkretem Interesse an den Büchern, dafür mit umso klareren Vorstellungen davon, wie sich unsere Zusammenarbeit – wenn überhaupt – gestalten sollte.
Ich bat, ihm vorab ein Buch zeigen zu dürfen – fast widerwillig stimmte er zu, ich blätterte „geometric“. Von vorn geblättert erscheint das Buch als eine einzige Sammlung farbenfrohester Muster, von hinten geblättert ist die Farbe weg, schwarzweiße Geometrie im Sixtieslook. Er nahm das Buch, blätterte, staunte, fragte, wollte weitere Bücher sehen, fragte …
Ich bin in der Woche nach der Messe 1.000 Kilometer gefahren, habe viele Filialen besucht, Potentiale ausgelotet und Chancen aufgezeigt. In diesem Jahr durfte ich erstmals vor dem Einkaufsausschuss präsentieren und durfte erleben, wie der Funke der Begeisterung, mit der wir an jedem unserer „Buch-Individuen“ arbeiten, überspringt.
buchmarkt.de: Und? Wurde es eingekauft?
Schmidt-Friderichs: Ja, es wurde eingekauft, und langsam lernen unsere Kunden, wo sie schönes Neues von Schmidt nun auch verstärkt finden…
buchmarkt.de: Bücher als Dinge, in die man sich verlieben kann. Sogar ein Chefeinkäufer. Klingt sehr romantisch …
Schmidt-Friderichs: Da müssen Sie ihn fragen! Aber ich lade Sie gern nächstes Jahr an unseren Messestand ein, wo wir mit Äußerungen der Verliebtheit in die Bücher durchaus verwöhnt werden: „Ich habe ein Problem – ich hätte gern ALLE Ihre Bücher!“ Und auf die Frage: „Wo vermissen Sie Bücher von Schmidt?“, mit der wir die weißen Flecken der Vertriebslandkarte füllen wollten, bekommen wir statt dessen konsequent die Antwort „in meinem Regal“.
buchmarkt.de: Wie aber umgehen mit dem Versuch, schöne Bücher zu machen und trotzdem in der modernen online-Welt nicht unterzugehen?
Schmidt-Friderichs: Wir vergessen in unseren Betrachtungen zu Readern im Moment, dass uns niemand zum Entweder/Oder zwingt. Wozu uns allerdings jede Änderung in Wirtschaft, Gesellschaft, Technik und Recht zwingt ist, wach zu beobachten, Chancen und Gefahren als solche zu erkennen, mit den Köpfen unserer Zielgruppen zu denken und mit ihren Herzen zu fühlen. Zielgruppen entscheiden, welche Inhalte sie für welche Nutzung wie aufbereitet haben wollen. Und solange zu unseren Mappentagen Digital Natives von Wien bis Berlin, von Zürich bis Hamburg mit BUCHprojekten kommen, der Geschäftsführer von Scholz & Volkmer (die Webagentur!) am Messestand versonnen über ein Buch streicht und die Papierwahl lobt, trage ich das Buch an sich nicht zu Grabe! … und liebäugele weiter mit Schmidt-App-Ideen …
buchmarkt.de: Wie können denn Verlage und der Handel konkret auf das wachsende E-Content-Angebot und die entsprechende Nachfrage reagieren?
Schmidt-Friderichs: Je wilder E-Content wächst, desto mehr wird der User oder Leser Sortierung suchen und Orientierung. Jetzt schon arbeiten themenspezifische Webshops wie managementbuch.de sehr erfolgreich, indem sie die Vielzahl des Verfügbaren anbieten, aber auch Empfehlungen aussprechen und damit dem Leser das Problem nehmen, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Hier liegt die Chance für Marken, die ja letztlich nichts anderes sind als Orientierungshilfen im Überangebot. Verlage können diese Orientierung bieten – Suhrkamp nehme ich Literaturkompetenz ab, bei Thieme glaube ich an die Medizinlektoren. Hier gilt es, die Chancen des E-Content zu erkennen, und das ist weit mehr als die so genannte medienneutrale Datenhaltung.
buchmarkt.de: Und der Handel?
Schmidt-Friderichs: Der kann das genauso. Spezialisierte Händler können solch eine Marke werden: „Wir wissen alles übers Bergsteigen und stellen Ihnen Ihr individuelles Bergsteigebuch für Peru zusammen mit Ausrüstungstipps, Bergrouten etc.“ Aber auch Autoren können solch eine Marke sein und werden. Dann brauchen sie im Zweifel tatsächlich keine Verlage und keinen Handel mehr – obwohl Sasha Lobo, DER Onlinepionier, offline bei Rowohlt publiziert.
In jedem Fall ist Arbeit an der Marke, ihrer Konsistenz und Bekanntheit, ihrem klaren Profil und ihrer Bekanntheit vonnöten, um zu überleben.
buchmarkt.de: Das Heil liegt in Spezialisierung?
Schmidt-Friderichs: Jeder Player im Medienmarkt muss sich seiner Kernkompetenz bewusst werden, um sein Profil um diese Kernkompetenz herum zu schärfen. Und Marke zu werden. Das Schärfen des Profils und das Stärken der Bekanntheit kosten allerdings Geld.
buchmarkt.de: Und wo im Netz Geld verdient werden soll, ist immer noch nicht geklärt.
Schmidt-Friderichs: Bislang ist im Netz sehr viel kostenlos, wir haben eine umsonst-Un-Kultur eingeführt, an der auch Zeitungen zugrunde zu gehen drohen. Witzigerweise haben Klingeltöne immer Geld gekostet.
Wir stehen meines Erachtens an einem Scheidepunkt, an dem es uns gelingen muss, mit dem verstärkten Aufkommen von E-Readern – und das iPhone und die moderne Generation Blackberrys ist nichts anderes als ein E-Reader – die kostenlos-Unkultur im Netz zu beenden und den Kopierschutz soweit zu verbessern, dass paid content sich durchsetzen kann. Und wir haben die Chance, die Preiswelt in den Köpfen der Konsumenten noch zu gestalten. Denn noch haben wir Konsumenten keine rechte Ahnung, was ein Download kosten darf und was nicht.
buchmarkt.de: Es wartet also eine Welt mit Apps und E-Books UND schönen Büchern …
Schmidt-Friderichs: Selbstverständlich! Und das Feedback, von dem ich Ihnen erzählt habe, wird mich weiter ermutigen, Buchhändler und Buchhändlerinnen davon zu überzeugen, dass Bücher mehr sind als der reine Inhalt, mehr als IBSNs und die Ergebnisse der Warenwirtschaft. Ich werde auch auf meiner letzten Vertriebsreise für dieses Jahr wieder Bücher zeigen, printed in Germany with love, und vielleicht wird auch diesmal der Funke überspringen…







