
Der italienische Schriftsteller Claudio Magris nahm heute Mittag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2009 vom Vorsteher des Börsenvereins Gottfried Honnefelder entgegen.
“Frieden versteht sich nicht von selbst. Er ist weder ein Geschenk der Natur, noch bloße Utopie. Wo er anzutreffen ist, entsteht er durch uns selbst als ein Resultat unserer Kultur.“ Mit diesen Worten eröffnete Gottfried Honnefelder die Feierstunde.
Wie das Aufeinandertreffen von Kulturen zu Begegnung und Austausch und nicht zu Abgrenzung und Streit führt, ist die entscheidende Frage.
„Es gibt Orte … wo diese Kunst, Kulturen für einander zu öffnen, unabdingbar für den Frieden ist, weil sie dort so viel unmittelbarer aufeinander treffen als anderswo. Und es gibt Menschen, die diese Kunst wahrhaft beherrschen … Als einen solchen engagierten Dolmetscher und sprachmächtigen Interpreten der Kulturen begrüße ich … Claudio Magris.“
Weiter formulierte der Vorsteher des Börsenvereins: „Wer da – meist an einem Tisch des Café San Marco in der Via Cesare Batisti in Triest – schreibt, ist ein genauer Beobachter, Philologe und Germanist, Schriftsteller und Poet, italienischer Nationalist und engagierter Europäer. Und was er schreibt, ist nicht geschichtsfernes Wunschdenken, sondern visionäre Zeitgenossenschaft. Denn er beschreibt, was möglich ist im neu zusammenfindenden Europa.“
Als „Meister des Blau“ könnte Claudio Magris, so begann Karl Schlögel seine Laudatio, auch vorgestellt werden. Aber hier geht es um „den Claudio Magris, der uns Europa gezeigt hat, den Entdecker des anderen Europa, des mittleren und östlichen, dessen, was man – in Deutschland jedenfalls – sich lange nicht getraut hat, Mitteleuropa zu nennen.
Es gibt Punkte auf der Landkarte des geteilten Europas, an denen das Bewusstsein von seiner Teilung immer lebendiger als anderswo geblieben und die andere Seite nie außer Sichtweite geraten war. Orte des Phantomschmerzes.“ Ein solcher Meridian zieht sich auch durch Triest, die Stadt wurde für Claudio Magris, wie er selbst sagt, zum „idealen Beobachtungsposten Richtung Europa“. In vielem erinnerte Triest, in dem Claudio Magris 1939 geboren wurde, an die paradoxe Lage Berlins nach dem Krieg.
Triest bot im 18. Jahrhundert Vielsprachigkeit, hier kamen Italiener, Slaven, Deutsche, Österreicher, Ungarn, Armenier, Levantiner, Griechen zusammen, es gab eine blühende jüdische Gemeinde. Triest war für Magris Europa im Kleinen, ein Ort, aus dem man Kraft schöpfen konnte. Aber Triest hat auch eine empfindliche, eine doppelte Seele, die seismografisch auf Beben reagiert – hier spürt man sich ankündigende Veränderungen eher.
Karl Schlögel würdigte herausragende Werke des Schriftstellers wie das Donaubuch, „die Erkundung eines Raumes von höchster Dichte und Kohäsion, von Zusammenhalt und zugleich katastrophischen Brüchen.“ Er stellte fest, dass Magris’ „Romane bevölkert sind von Opfern und Tätern, manchmal auch Opfern und Tätern in einer Person, wie sie nur der geschichtliche Schauplatz des mittleren Europa hervorgebracht hat.“
Er schloss seine Laudatio mit den Sätzen: „Europa kann nach dem 20. Jahrhundert eine Portion Schönheit und Zuversicht gebrauchen. Für dieses Geschenk danken wir Claudio Magris.“
Nach der Übergabe der Auszeichnung erinnerte sich Claudio Magris in seiner Dankesrede zunächst an einen polyglotten Professor und Sammler von Kriegsmaterial, der ein „Kriegsmuseum für den Frieden“ gründen wollte. „Diese universale Ausstellung des Krieges sollte ein Schreckensszenario größten Ausmaßes erzeugen, um den Krieg ein für allemal aus den Herzen der Menschen zu verbannen und damit immerwährenden Frieden zu schaffen.“ Der Sammler starb bei einem mysteriösen Brand in seinem Kriegsgerät. Doch war nicht hinter der pazifistischen Absicht des Professors auch die Faszination für den Krieg verborgen? „Das ist der Grund, warum ich seit langem mit dem Schatten dieses Mannes lebe, den die Flammen seines Scheiterhaufens auch in mein Gehirn projiziert haben – und auf das Papier, auf das ich zu schreiben versuche.“ Der Irrglaube an die Notwendigkeit des Krieges in der Geschichte ist gefährlich.
„Eine weitere Gefährdung des realen Friedens lauert in der biederen Überzeugung, dass der Fortschritt bereits verwirklicht wurde, dass die Zivilisation die Barbarei besiegt habe und dass der Krieg, zumindest in unserer Welt, ausgerottet sei – so wie das Gelbfieber und die Pocken durch Impfung. Von Krieg wird nicht gesprochen, selbst wenn es ihn gibt; er wird nicht erklärt, selbst wenn man Bomben wirft“, warnte Claudio Magris. „Der Dritte Weltkrieg hat stattgefunden, auch wenn die meisten Europäer das Glück hatten, nicht den Blutzoll zahlen zu müssen. Ungefähr 20 Millionen Tote nach 1945 – die, im Unterschied zu denen des Zweiten Weltkriegs, so gut wie unbekannt geblieben und einem brutalen Vergessen anheim gegeben sind“, konstatierte Magris.
Der Krieg habe heute viele Gesichter, er tarnt sich in verschiedenen Erscheinungsformen wie dem Blutbad in Biafra, dem 11. September in New York oder den Tonnen von Methylisocyanat in Bhopal.
„Nur ein wirklich geeintes Europa, ein echter Staatenbund – natürlich dezentralisiert – könnte fähig sein (und wäre dazu verpflichtet), sich Problemen zu stellen, die über das Nationale hinausgehen … Es wird darum gehen, uns selbst in Frage zu stellen und offen zu werden für den größtmöglichen Dialog mit anderen Wertsystemen, dabei jedoch Grenzen um ein winziges, aber präzises und nicht mehr verhandelbares Quantum an Werten zu ziehen … wie zum Beispiel die rechtliche Gleichstellung aller Bürger, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Volkszugehörigkeit “, forderte der Schriftsteller.
Claudio Magris dankte für den Preis, der eigentlich mit vielen Menschen, ohne die er, der Autor, nicht so geworden wäre, wie er heute ist, geteilt werden müsse, und versprach, sich jeden Morgen beim Blick in den Spiegel an diesen großen Tag zu erinnern.
JF







