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Eröffnungs-Pressekonferenz

Gottfried Honnefelder, Jesús Badenes,
Juergen Boos, Thomas Minkus (v.l.)

Aufgrund erhöhter Sicherheitsmaßnahmen (ein Spürhund wurde vor Beginn durch den Konferenzraum geschickt, Taschenkontrollen erfolgten) begann die vormittägliche Pressekonferenz zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse mit einiger Verspätung.

Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, freute sich zu Anfang seiner Ansprache über ein Blatt, auf dem drei Sprachkanäle vermerkt waren – es sei das erste Mal auf seiner mittlerweile 36. Messeteilnahme.

Er nannte zehn Punkte, die für ihn kennzeichnend für die 61. Frankfurter Buchmesse sind:

1. Digitale neue und alte Medien breiten sich gleichermaßen aus. Sie verbindet ein Prinzip: das Buch.
2. Zwei Eckzahlen müssen genannt werden: Ein Drittel aller Deutschen kann nicht auf das Internet verzichten, nur 18 Prozent können nicht ohne Bücher leben.
3. 90 Prozent aller Deutschen haben pro Jahr wenigstens ein Buch gelesen. Dabei steht Unterhaltung an der Spitze der Leseauswahl.
4. Das Verhältnis zwischen digitalen und Printmedien ist noch nicht geklärt.
5. Die Rücknahme des Google Settlements beruhigt und weckt Zuversicht für erneute Verhandlungen. Gegen die Digitalisierung unter Beachtung der Rechte ist nichts einzuwenden, sie darf jedoch nicht zur Monopolisierung des digitalen Marktes führen.
6. Großes Entsetzen ruft die Haltung der EU-Kommissare zu Fragen des Urheberrechts hervor.
7. Die Probleme des Urheberrechts sind vielfältig. Die Hoffung liegt auf der neuen Bundesregierung, gefordert wird ein neues inhaltliches Niveau der Auseinandersetzung.
8. Der E-Reader ist zum Publikum vorgedrungen, wird aber bisher nur marginal genutzt. Im 1. Halbjahr 2009 sind deutschlandweit lediglich 65.000 digitale Bücher verkauft worden.
9. Dem Buchmarkt geht es in Krisenzeiten gut. Bis Oktober wurden in der Branche sogar 2,8 Prozent Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr erzielt, obwohl die Konsumbereitschaft der Bevölkerung zurückgeht.
10. Seit 33 Jahren kommen Ehrengäste zur Buchmesse. Die Branche ist stolz auf die Ausrichtung dieser weltgrößten Bücherschau, bei der die Freiheit des Wortes an erster Stelle steht. Solche Freiheit wird in den Diskussionen auf der Messe auch für China eingefordert.

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse stellte zum Thema Ehrengast fest: Man kann China bewundern oder kritisieren – aber nicht ignorieren.

Er informierte über Zahlen und Fakten der diesjährigen Messe. So ist die Beteiligung der englischsprachigen Welt und Osteuropas zurückgegangen, zwei Prozent weniger Fläche als 2008 wurde belegt. Allerdings gibt es andererseits in den Bereichen Kunst und Kinderbuch Wartelisten.
Das Literatur-Agenten-Zentrum wurde um zwei Prozent vergrößert.

„Die Buchmesse kann unzugängliche Literatur zugänglich machen. Zurzeit gibt es 80 lieferbare chinesische Titel, nach der Messe werden es 400 sein“, konstatierte der Messedirektor.

Die Buchmesse muss Vielfalt zeigen und darf Diskussionen auslösen. Gleichzeitig wird klargestellt: Die Menschenrechtsverletzungen in China werden auf das Schärfste verurteilt. 250 Veranstaltungen werden von chinesischen Regimekritikern und Menschenrechtsorganisationen bestritten, hier wird es sowohl Provokation als auch Diskussion geben, unterschiedliche Meinungen werden aufeinander treffen. Das macht die Messe aus.

Der Geschäftsführer der spanischen Buchgruppe Planeta, Jesús Badenes, sprach anschließend über Turbulenzen, die in der Buchbranche zu erwarten sind.

Für die Rolle des Verlegers sind zwei Tätigkeiten bestimmend: Die Schaffung von Inhalten und deren Verbreitung. Das Internet eröffnet neue Marketing-Perspektiven. Zwischen Europa und Amerika bestehen große Unterschiede in Hinblick auf Verlagssparten und den Kontakt mit den Lesern. „Es geht um die schwierige Aufgabe, zwischen schöpferischer Tätigkeit einerseits und Vertrieb/Verbreitung andererseits einen Ausgleich zu finden.“ Google oder Amazon sind, betrachtet man Umsatz bzw. Einnahmen, stärker als alle amerikanischen Verlage zusammen. „In Spanien hat kein Verlagshaus einen Marktanteil von mehr als 15 Prozent, während der Marktanteil von Google am Suchgeschäft fast 97 Prozent beträgt. Ich komme zwar aus Spanien, aber anders als Don Quijote habe ich kein Interesse an einem Kampf gegen Windmühlen, von denen ich weiß, dass sie Riesen sind.“ Besser ist es also, sich an die neuen Umstände anzupassen und zu verhandeln.

Teamarbeit ist für die Verleger künftig unabdingbar. Schriftsteller und Verleger sollten frei wählen können, wie Inhalte zugänglich gemacht werden können. Doch Google hat mit seiner Digitalisierung diese Wahlmöglichkeiten erheblich eingeschränkt. Die Verantwortung zur Wiederherstellung des Gleichgewichts liegt in den Händen öffentlicher Institutionen, die von den Regierungen geführt werden. „Wenn das nicht geschieht, geht es nicht mehr hauptsächlich um die Schaffung guter Inhalte, sondern um ein Quasi-Monopol auf E-Suchgeräte, einen möglichst hohen Marktanteil bei Kindles, höhere Kapazitäten für DSL-Leitungen … und die Begünstigung von Piraterie zur Erhöhung der Nutzungsraten und Gewinne.“ Ein gerechter Ausgleich bedeutet auch Urheberrecht.

Jesús Badenes fügte einen Gedanken aus dem Tao Te Ching Lao Tses an: „Reagiere auch dann intelligent, wann du unintelligent behandelt wirst.“

Fazit: Die Verleger sollten sich aktiv an den veränderten Markt anpassen, sich zusammenschließen. Nur so kann dieses ansonsten sehr ungleiche Spiel gespielt werden.

JF

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