Home > Veranstaltungen > Frankfurt – (k)ein Ort für Verlage?

Frankfurt – (k)ein Ort für Verlage?

Axel Dielmann, Daniela Seel, Holger Ehling und
Torsten Casimir

Unter diesem Thema fand heute Vormittag im Literaturhaus in Frankfurt am Main eine Matinee statt. Axel Dielmann vom Dielmann Verlag, Daniela Seel, kookbooks Verlag Idstein und Berlin und Torsten Casimir, Chefredakteur des Börsenblatts, diskutierten mit Holger Ehling.

Kulturdezernent Felix Semmelroth hatte abgesagt, die Frankfurter Wirtschaftsförderung hatte auf die Einladung gar nicht reagiert. Ehling sah darin auch eine Wertung. Nicht anwesend war der ebenfalls eingeladene Verleger Christian Lux.

Dielmann plädierte aus mehreren Gründen für Frankfurt. Die Stadt ermögliche einen leichteren Zugang zu Geldquellen. Beispielhaft nannte er die Business Angels, die es zwar an über 60 Standorten in Deutschland gibt, die jedoch nur in Frankfurt einen Kulturkreis unterhalten.

Daniela Seel entschied sich in den 90er Jahren für Berlin. Überall sonst beobachtete sie feste, kaum aufzubrechende Strukturen, in der neuen Hauptstadt war ein anderer Anfang möglich. Diese Zeit sei allerdings mit der Gegenwart nicht mehr vergleichbar.

Den Berlin-Sog hielt Torsten Casimir nicht für so groß, wie er in Frankfurt wahrgenommen wird. Außerdem sollten alle aufpassen, dass es nicht zur Entwicklung eines Megazentrums und einer Provinz kommt. Beides ist der Kultur des Landes nicht dienlich.

Drei Gründe nannte Axel Dielmann, um einen Verlag zu betreiben:
1. Aus Lust oder Imagegründen wird ein gutes Programm entwickelt.
2. Die Bücher sollen national verkauft werden.
3. Am internationalen Lizenzhandel will man teilnehmen.

So gesehen, spiele der Standort des Hauses keine Rolle.
Anders wird die Lage, wenn sich Fördertöpfe öffnen. Das kann reizvoll sein. Axel Dielmann als überzeugter Frankfurter sieht jedoch seinen Standort in der Mainmetropole. Die Verlagslandschaft in der Stadt muss stimmen, das ist für ihn ein wichtiges Kriterium.

Auf die Lebenszyklen von Verlagen wies Torsten Casimir hin. Wenn sich ein Zyklus dem Ende nähert, kann man vor der Entscheidung stehen, entweder einen Neuanfang zu wagen oder unterzugehen. Suhrkamp hat in Berlin die Chance, sich neu zu erfinden, ob der Verlag sie nutzen kann, werden wir sehen.

Die Standortfrage ist für Daniela Seel sehr wichtig, man muss mit den entsprechenden Leuten zusammen kommen. Ein enger Austausch zum Beispiel zur Entwicklung von Wissenschaftsprogrammen ist notwendig. Holger Ehling fragt an dieser Stelle nach der Frankfurt University Press, an der Axel Dielmann mit beteiligt ist. Schließlich gäbe es die Berlin University Press. Soll der in Gründung befindliche Frankfurter Verlag ein Gegenentwurf werden? Axel Dielmann gab zu bedenken, dass es neben der Goethe-Universität in Frankfurt weitere 170 Forschungseinrichtungen gibt, ein ungeheures Potential, das in der Stadt nicht wahrgenommen wird.

Es lohne sich sicher, den Standort genau zu prüfen, Frankfurt habe eine Menge zu bieten, ergänzte Torsten Casimir. In Berlin herrsche zwar eine große Vielfalt, aber die kann auch problematisch werden.

Auf die Vielzahl der Möglichkeiten, sich in Berlin zu treffen, wies Daniela Seel nochmals hin und hob dabei die Form der verschiedenen Veranstaltungen hervor, die nicht nur geplante Feste sind, sondern auch Arbeitsstrukturen anbieten.
In Frankfurt, so erinnerte sie, fand eine Menge statt, aber es war zu selbstverständlich geworden. Der weithin hörbare Aufschrei, als beispielsweise das TAT (Theater am Turm) geschlossen wurde oder als Forsythe ging, blieb aus. In den letzten Jahren hat Frankfurt viele kulturelle Verluste erlitten, schuld daran ist oft eigene Ignoranz.
Im Umgang miteinander stellte Daniela Seel in Frankfurt starkes Konkurrenzdenken fest, in Berlin gehe es eher kollegial zu.

Axel Dielmann pflichtete dieser Lagebeschreibung bei. Kaum seien in Frankfurt Orte des Diskurses aufgebaut und gepflegt worden, die eigentlichen Akteure halten sich in der Stadt zurück. Zur Konkurrenz der Verlage gebe es allerdings auch andere Ansätze wie zum Beispiel den Langen Tag der Bücher, den zwölf Publikumsverlage seit mittlerweile sechs Jahren gemeinsam veranstalten.

Was kann man machen? Was verordnen und was nicht? Diese Fragen stellte Torsten Casimir in den Raum und fügte hinzu, das Kultur- und Wirtschaftsförderung zwei völlig unterschiedliche Gebiete seien. So könne man zwar Events veranstalten, aber kein Kulturleben verordnen. Frankfurts Stern leuchtet weithin sichtbar als Finanzstadt, als Literaturstadt funkelt der Stern nur begrenzt.

Konstatierend einigten sich Holger Ehling und Axel Dielmann aufgrund eigener Erfahrungen im Frankfurter Kulturleben darauf, dass die Akteure hier mürrisch, aber dienstbereit seien.

Zur nach der Suhrkamp-Diskussion in den Raum gestellten Planung eines Hauses der Verlage nahm Sonja Vandenrath, Literaturreferentin, das Wort. Der neue Arbeitstitel für dieses „work in progress“ laute Haus der Buchkultur und soll ein Zentrum des literatur-ökonomischen Lebens werden. Vor allem junge Autoren und Grafiker sollen dort eine Arbeitsmöglichkeit finden, Autorenwohnungen sind vorgesehen, ein Café.
Außerdem gab Sonja Vandenrath bekannt, dass in diesem Jahr erstmals ein Autorenstipendium in Höhe von 2000 Euro im Monat vergeben werde.

Torsten Casimir lobte Kollegialität als das weitaus intelligentere Konzept im Umgang miteinander. Das neue Haus der Buchkultur könnte bei stimmigen Strukturen ein Schritt in die richtige Richtung für Frankfurt sein.

Weise schloss Holger Ehling: Dann sollte man weiter um Kultur in Frankfurt streiten. Denn es gibt nichts Gutes – außer man tut es.

JF

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige

Wie war Ihr Monat, Thomas Hummitzsch?

„Wie war Ihr Monat?“ fragen wir monatlich Branchenmenschen. Dieses Mal Thomas Hummitzsch, der vom VdÜ – Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V. mit der Übersetzerbarke 2025 ausgezeichnet wurde.

weiterlesen