
Wer eigentlich hat Jürg Acklins neuen Roman Vertrauen ist gut lektoriert? – Die Frage nach „dem oder der dahinter“ treibt viele Buchhändler immer wieder um. Anlass genug für buchmarkt.de, sich um diese Berufsgruppe, die ja hauptsächlich im Hintergrund wirkt, zu kümmern. In regelmäßiger Folge stellen wir an dieser Stelle Macher vor, die dafür sorgen, dass uns der Lesestoff nicht ausgeht
Nach Acklins Lektor fragt Ursula Zangger von der Buchhandlung Orell Füssli am Bellevue in Zürich. Dirk Vaihinger heißt der Mann, der Acklin betreut hat. Hier stellt er für uns den Roman vor.
Der Lektor
Dirk Vaihinger, geboren 1966, studierte Germanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin und promovierte im Rahmen des Graduiertenkollegs „Theorie der Literatur und Kommunikation“ an der Universität Konstanz über Theorien der Entwirklichung. Anschließend arbeitete er als Lektor bei Rowohlt und leitet seit 2000 den Verlag Nagel & Kimche in Zürich. Zuletzt hat er 2008 die Anthologie Die Schweizerreise herausgegeben.
Das Buch
Dirk Vaihingers besondere Empfehlung aus seinem aktuellem Programm: Vertrauen ist gut
Das Publikum will Neues. Novitätenfixierung nennt man das, und es bedeutet, dass das langlebig gedachte Buch schnell veraltet. Im Widerspruch zu dieser Fixierung steht die Tatsache, dass in den neuen Büchern sehr häufig altbekannte Themen unseres Lebens verhandelt werden. Etwa die Liebe. Die Beziehung. Die Familie. Abhängigkeiten. Ängste. Themen also, die jeden persönlich angehen. Die entscheidende Frage ist demnach, wie von diesen Themen in den neuen Büchern erzählt wird, und dieses Wie entscheidet darüber, wie gut wir uns selbst in den Büchern wiederfinden und dabei doch etwas Neues erfahren.
Ein verblüffendes Kunststück in der Neuerzählung alter Themen gelingt dem Schweizer Schriftsteller Jürg Acklin in seinem neuen Roman Vertrauen ist gut. Der fünfzigjährige Felix ist seit seiner Geburt körperlich behindert. Er lebt, an den Rollstuhl gefesselt, bei seinem älteren Bruder, der vor einigen Jahren mit seiner bedeutend jüngeren Frau nochmals einen Sohn bekam. Dieser ältere Bruder schreibt Romane. Felix unterstützt ihn dabei, indem er die Manuskripte in den Computer tippt, und das macht er auch mit dem jüngsten Roman, der nun zum Bestandteil seiner Erzählung wird. Ein beklemmender Roman, der Felix zunehmend in Angst versetzt. Denn in diesem Roman schildert der Bruder sein eigenes Leben und das seiner Familie, und zwar so, dass es in einer Katastrophe enden muss.
Acklins Erzählstil ist ungewöhnlich. Expressiv, drängend, bilderreich. Das Buch im Buch wird zu einem unheimlichen Spiel mit der Macht der Fiktion und der Vorstellungskraft. Das Vertrauen, das der Erzähler in seinen Bruder haben muss, weil er auf ihn angewiesen ist, wird brüchig, ebenso (das muss der Erzähler annehmen) das Vertrauen des Bruders in seine Frau und ihr gemeinsames Leben. Schleichend entgleitet beiden Brüdern die Verlässlichkeit, die Sicherheit innerhalb ihrer familiären Konstruktion, und fast unmerklich ist der Leser in diese Auflösung hineingerutscht, hineingesogen. Die Angst, die das Buch als Grundthema durchzieht, wird zu der des Lesers.
Das Besondere an Acklins Roman sind nicht die Themen, es ist auch nicht die Vermengung von fiktiver Fiktion und fiktiver Realität, die unsere Wahrnehmung gefährlich aufmischt. Sondern es ist eine ungewöhnliche Konkretisierung von Bedrohungen, die wir alle kennen und im Normalfall einigermaßen auf Distanz und unter Kontrolle gebracht haben. Acklin zieht diese Distanz ein, und plötzlich hängt der Leser mit drin. Vertrauen ist gut – nicht nur in unsere Liebsten, sondern auch in uns selbst, Kontrolle wäre besser, aber die setzt Vertrauen überhaupt erst voraus – zumindest in die eigene Kontrollfähigkeit. Auf eine suggestive und dabei plausible Art spürbar zu machen, wie sich dieses Vertrauen auflösen kann – das ist eine produktive Novität. Auf die man fixiert sein sollte. Und die nicht so schnell veraltet.
Jürg Acklin: Vertrauen ist gut, Nagel & Kimche
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