
Tilmann Lahme
Heute wäre Golo Mann 100 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren fand gestern in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt eine Buchpremiere des S. Fischer Verlags in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Gastgeber statt.
In ihrer Begrüßung erwähnte die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, die Tätigkeit des Autors Tilmann Lahme im Exilarchiv des Hauses bei der Recherche zu den beiden nun vorliegenden Büchern.
Lektor Roland Spahr stellte den Autor, der sich bereits als Herausgeber von Briefe: 1932 – 1992. Golo Mann, erschienen 2006 im Wallstein Verlag, mit Golo Mann beschäftigte, vor. Die heutige Premiere gilt genau genommen zwei Büchern, nämlich der Biographie und der von Tilmann Lahme herausgegebenen Golo-Mann-Essays Man muss über sich selbst schreiben, zeitgleich erscheinen beide Bände bei S. Fischer.
Die Biographie beleuchtet auf Grund neuer Funde und Gespräche mit Zeitzeugen sowohl die Werke Golo Manns als auch seine Persönlichkeit in ihrer Vielfalt aus einem neuen Blickwinkel. Golo Mann, der stilsichere Historiker, Publizist und Erzähler. Golo Mann, der Mensch mit einer schweren Hypothek, an der er sein Leben lang trug.
Tilmann Lahme begann seinen Vortrag mit einer Einordnung. Der 100. Geburtstag von Golo Mann fällt in ein Krisenjahr, das erscheint typisch für den Autor der Deutschen Geschichte, der – wie er selbst schreibt – ein reduziertes Maß an Lebensfreude genoss. So war die Kindheit nicht gerade glücklich, die Eltern sprachen oft von einem hässlichen Kind. Im Internat in Salem war er eher ein Rebell, der manche Schwierigkeiten zu überstehen hatte. In seiner Autobiographie verschweigt das Golo Mann. Seine Homosexualität ist ein Thema, das ihn lebenslang eher quälte als ihm glückliche Erfahrungen brachte. Doch diese gab es ebenfalls, stellt Tilmann Lahme richtig. Und auch diese Seite gehört zur Persönlichkeit Golo Manns, warum also sollte sie verschwiegen werden – das musste Golo Mann oft genug erleiden.
Golo Manns Verhältnis zur berühmten Familie ist schwierig. Am deutlichsten sind seine Worte im Tagebuch: „Jetzt ist die Familie das Einzige, was mir geblieben ist. Das kann nicht gut gehen“, schreibt er 1933 im französischen Exil.
Erst spät, jenseits seines 50. Lebensjahres, wird Golo Mann berühmt. Seine Bücher haben Erfolg, weil sie in klarem Stil und brillant geschrieben sind, ungewohnt für wissenschaftliche Werke zu historischen Themen. So ist dieser späte Ruhm ein Ersatz für die Jugend, empfindet Golo Mann.
Im anschließenden Gespräch zwischen Roland Spahr und Tilmann Lahme erzählt der Autor kurzweilig einige Erlebnisse aus seiner Recherche zur Biographie und gibt Antworten auf Fragen aus dem Publikum.
Der Büchertisch wurde von der Buchhandlung der Autoren übernommen, eine lange Schlange bildete sich vor dem Podium – viele wollten sich ihre Exemplare signieren lassen.
JF