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mit Peter Lohmann: Der Fall und Aufstieg des Scherz Verlages – ein Lehrstück der Buchbranche

Peter Lohmann

Peter Lohmann, geboren 1950 in Hamburg, gelernter Kaufmann, kam über die kaufmännische Leitung des Hamburger Reents Verlags in die Buchbranche. Von 1980 bis 1985 Verleger des Hamburger Buntbuch-Verlags. Von 1985 bis 1993 Verleger des Verlags am Galgenberg. Von 1994 bis 1996 betreute er die Edition Galgenberg bei Rasch & Röhring und arbeitete er als freier Journalist, u.a. auch für BuchMarkt. Seit 1997 verlegerischer Geschäftsführer des Scherz Verlags.

BECKMANN: Unser erstes langes Gespräch zum Scherz Verlag haben wir bald nach Ihrem verlegerischen Einstieg dort geführt, noch im alten Sitz des Verlages am Berner Theaterplatz. Jetzt, elf Jahre später, verlassen Sie das Haus. Ihr Entschluss hat Ihre Mitatbeiter bei den Fischer Verlagen in Frankfurt ebenso überrascht wie die ganze Branche. Wer gibt denn schon eine wunderbare Position auf einem Höhepunkt des Erfolgs ohne Not auf? Nach allem, was man weiß, hatten Sie keinerlei Frust oder Ärger. Was also hat Sie zu diesem ungewöhnlichen Schritt bewogen?
LOHMANN: Ich spüre den Wunsch, und ich bin noch nicht alt genug, um nicht noch einmal etwas Neues zu wagen und bei der Gründung einer großen wichtigen Sache mitzuwirken: gemeinsam mit Nico Hansen das Hamburger Literaturfestival „Harbour Front“ auf die Beine zu stellen. Zudem ist Hamburg meine Heimatstadt, der ich nach wie vor tief verbunden bin.

Ich war jetzt zwölf Jahre auf Wanderschaft, lehrreiche Jahre, aber nun ist es Zeit, nach Hause zurückzukehren. Insofern ist es keine Entscheidung gegen Frankfurt, wo ich gern gearbeitet habe, auch kein Abrücken von Scherz, Krüger und den S. Fischer Verlagen. Ebensowenig habe ich das Gefühl, die Kollegen im Stich zu lassen. Wenn ich auf irgendetwas besonders stolz bin, ist es, ein hervorragendes Team von Programmleitern und Lektoren aufgebaut zu haben, das die gute Arbeit der letzten Jahre nun auch ohne mich weiterführen kann. Für meinen Entschluss kamen somit in selten idealer Weise alle Faktoren positiv zusammen.

BECKMANN: Es wurmt Sie auch gar nicht, dass Sie nicht ersetzt werden?
LOHMANN: Sie meinen, weil Jörg Bong, der Leiter von S. Fischer, nun auch meine verlegerischen Funktionen übernimmt? Warum sollte mich das „wurmen“? Es ist doch letztlich gut, wenn eine Gruppe von Verlagen einen Verleger an der Spitze hat.

Meine Devise war es, mich mit starken, eigenständigen Mitarbeitern zu umgeben. Wobei es natürlich darauf ankommt, dass man auf einer Wellenlänge denkt und zusammen an einem Strang zieht, also nicht in einem falschen internen, persönlichem Karrierewettbewerb gegeneinander arbeitet, sondern, im Interesse des Hauses, miteinander.Und diese selbständigen, starken Mitarbeiter haben wir bei S. Fischer. Und Jörg Bong ist ein kluger, kreativer Verleger, der seine Klasse schon unter Beweis gestellt hat. Und darum kann es dort eben auch ohne mich gut weitergehen. Und dazu beigetragen zu haben, ein starkes Team aufgebaut zu haben, macht mich froh und den Abschied leichter.

BECKMANN: Das ist gewiss e i n Erfolgsrezept der letzten Jahre gewesen und bietet insofern ein interessantes Lehrstück. Damit ist aber doch nicht alles erklärt. Um auf den Scherz Verlag selbst zurückzukommen. Könnte seine Geschichte ab den 1990er Jahren der Branche vielleicht ein weiteres Lehrstück liefern? Haben nach der Jahrtausendwende die Spatzen nicht von den Dächern gepfiffen, dass Scherz – jahrzehntelang einer der erfolg- und ertragreichsten Publikumsverlage im deutschsprachigen Raum und heute wieder obenauf – so defizitär geworden war, dass seine Schließung nicht mehr auszuschließen sei? Dabei hatten Sie sich in unserem Gespräch Ende der 1990er Jahre in Bern noch optimistisch gegeben…
LOHMANN: Da war ich, ehrlich gesagt, um einiges zu optimistisch. Als ich dort 1997 anfing, wußte ich nicht, in welchem Ausmaß dieser Publikumsverlag unter Rudolf Streit-Scherz von seinen Lizenzeinkünften lebte. Er war, das darf man heute wohl sagen, in seinem Erfolg ganz auf das Geschäft vor allem mit mit Taschenbuchlizenzen abgestellt, in dem Ursula Griessel, Streits Ehefrau, als Meisterin par excellence brillierte.

Genau da aber begannen damnn die Probleme. Erstens war während ihrer letzten Jahre nicht mehr viel Geld in den Kauf neuer Rechte gesteckt worden, es fehlte folglich an Programmsubstanz. Zweitens, und das hatten, wie ich später erfuhr, bereits Rudolf Streit und Ursula Griessel erkannt, ließ das Lizenzgeschäft sich – das haben dann alle selbständigen Hardcover-Publikumsverlage zu spüren bekommen – so nicht weiterführen, weil die großen Taschenbuchverlage in immer größerer Weise eigene HC-Programme ausbauten, um ihre Marken- und Umsatzstrategien mittelfristig sicherer und genauer steuern zu können. Drittens: Ursula Griessel hatte bei ihren Lizenzgeschäften alle Taschenbuchverlage gegeneinander ausspielen können, ab 1996 gehörte Scherz jedoch zur Verlagsgruppe von Holzbrinck, deren Taschenbuchverlage natürlich gerade für die interessanteren Rechte große Begehrlichkeiten entwickelten – hier vor allem Droemer Knaur – und Vorrang beanspruchten. Damit wurde das freie Spiel mit Angeboten und Gegenangeboten ngeschränkt, folglich sanken auch die Garantiezahlungen.

BECKMANN: Hat in dem Zusammenhang dann die Eingliederung von Scherz in die Verlagsgruppe Droemer Knaur auch eine Rolle gespielt?
LOHMANN: Natürlich, sogar eine große Rolle. Denn Peter Schaper und Günter Fetzer – Fetzer war übrigens auch mein Vorgänger in Bern – waren als Geschäfsführer von Droemer Knaur zwar nicht übergeordnet, aber betrachteten Scherz vor allem als sehr wichtigen Haus- und Hoflieferant für das Knaur-Taschenbuchprogramm. Das war aus ihrer Sicht absolut verständlich, zumal Knaur nach dem Ausscheiden Karl Blessings viele Droemer- und Kindler-Bestsellerautoren verloren hatte und deswegen dringend Lizenznachschub brauchte. Für Scherz bedeutete das allerdings einen weiteren, schmerzlichen Verlust an Einkünften. Dementsprechend sahen dann leider auch die Bilanzen aus.

BECKMANN: Hat der Niedergang der Verlagserlöse und -rendite wirklich nur an solchen Veränderungen im Bereich des Lizenzgeschäfts gelegen?
LOHMANN: In hohem Maße, gewiss. Das Genick gebrochen – um einmal etwas theatralisch zu reden – hat dem Verlag dann aber etwas anders. Als Droemer Knaur 1999 – nach Übernahme von 50 Prozent der Anteile durch das Augsburger Versandhaus Weltbild, mit Zuführung von dessen Verlagen – zu Droemer Weltbild wurde, ist der Eigenvertrieb von Scherz aufgelöst worden, so verlor dieser Verlag auch seine angestammten Handelsvertreter, und mit den neuen Vertretern geriet das Scherz Programm außerdem noch ins Gemenge mit oft konkurrierenden Titeln der Droemer Knaur-Verlage. Angesichts der Programmüberschneidungen darf man vielleicht so weit gehen und sagen: In dieser Gruppierung verlor Scherz die eigene Programmberechtigung. Wiederum mit entsprechenden Auswirkungen auf die Bilanzen.

BECKMANN: Das war auch die Zeit, als in der Branche gemunkelt wurde, dass eine Schließung von Scherz bevorstünde?
LOHMANN: Gerüchte haben mich nie interessiert, und von Seiten der Verlagsgruppe gab es keine entsprechenden Zeichen. Es hat Gespräche über die Zukunft des Verlages gegeben, aber es stand nie die Schließung zur Debatte.

BECKMANN: Was hat dann zu einer Wende geführt?
LOHMANN: Am Ende dieser, zum Teil kontrovers, aber fair geführten Gespräche stand die Entscheidung, ein Angebot Monika Schoellers anzunehmen, mir und dem Scherz Verlag eine neue Heimat in Frankfurt zu geben. Eine wichtige und kluge Entscheidung.

BECKMANN: Und damit waren Sie einverstanden? Darin konnten Sie den Rettungsweg erkennen?
LOHMANN: Konnte ich. Es bedeutete zwar die Schließung des Berner Standortes und die damit verbundene bittere Entlassung der Kolleginnen und Kollegen dort. Aber es bedeutete auch die Rettung des Verlages, seiner Autoren und der damit verbundenen Rechte. Die Übersiedlung des Verlags von Bern nach Frankfurt hat sich als goldrichtig erwiesen.

BECKMANN: Was hat Sie, wie ja auch Ihren Kollegen Lothar Kleiner, der dann Kaufmännischer Geschäftsführer der S. Fischer-Verlage wurde, damals überzeugt, dass es der richtige Weg sei?
LOHMANN: Weil dort für unser Programm und seine weitere Entfaltung Platz war. Mehr noch: Man hat uns wirklich gebraucht. Schauen Sie: Neben S. Fischer gab es nur Krüger, und dieser Verlag wandte sich mit seiner Unterhaltung (und gehobenen Unterhaltung) vor allem an ein weibliches Lesepublikum. Die traditionelle Stärke von Scherz aber lag in der Spannungsliteratur und und einem ausgeprägten populären Sachbuch – Programmbereiche, die in Frankfurt bis dahin fehlten. Darin bestand doch für uns die große Chance. Und sie war umso größer, als die Scherz-Titel – inklusive der bedeutenden Backlist, man denke nur an die Namen Agatha Christie und Dale Carnegie – eine große Lücke im Fischer-Taschenbuchprogramm füllen konnten. Hier ging es nicht mehr darum, unsere alten Prunkstücke herauszuklauben und zu filetieren. Scherz gehörte plötzlich insgeamt zum Kernbestand der Gruppe, die sich im populären Bereich neu aufstellen musste, um überlebensfähig zu werden. Deshalb bin ich ja auch zum verlegerischen Geschäftsführer von Scherz, Krüger und Fischer Taschenbuch bestellt worden.

BECKMANN: Aber das bis dahin immer noch eigenständige Scherz Taschenbuch mussten Sie aufgeben?
LOHMANN: Allerdings. Aber auch das – die Konzentration auf eine starke Taschenbuchmarke, nämlich Fischer – hat sich als absolut richtige Entscheidung erwiesem. Im übrigen hat der Scherz Verlag selbst durch diese Philosophie einer Konzentration auf starke Marken profitiert – dadurch nämlich, dass Argon sein Buchprogramm aufgab und zum Hörbuchverlag der Gruppe wurde. Dieser Bündelung der Kräfte verdankt Scherz beispielsweise auch den Autor Tommy Jaud und seine Bestseller, Stuart Pigott, den Weinkritiker, und auch Torsten Körner, der mit seinen hervorragenden Biographien über Franz Beckenbauer und Götz George auf sich aufmerksam gemacht hat.

BECKMANN: Unter Ihrer Leiung hat in letzter Krüger neuen Aufschwung genommen…
LOHMANN: Ja, mit Autorinnen wie Cecilia Ahern, die dann mit Susanne Fröhlich, die ja schon im Hause war, die Bestsellerlisten angeführt hat und momentan auch anführt.

BECKMANN: Auch bei Scherz hat das Programm sich geändert, mit neuen ausländischen Krimi-Autoren wie Peter James…
LOHMANN:… und deutschen Autoren wie Oliver Bottini im Spannungsbereich, aber auch, wie erwähnt, Tommy Jaud. Tommy hat ein ganz neues Genre gegründet, und so ist jetzt Scherz auch mit Autoren wie Ralf Husmann, Martina Brandl sehr erfolgreich.

Am stärksten hat sich das Sachbuch verändert. Es ist jetzt wieder ganz dem frühen Scherz-Sachbuchprogramm sehr ähnlich. Sie dürfen insgesamt nicht vergessen: Als Schweizer Verlag mit Sitz in Bern hatte Scherz in der Vergangenheit doch oft gewisse Mühe, deutsche Autoren anzuziehen. Deshalb war seine Programmarbeit traditionell vorwiegend auf die Akquisition von Titeln amerikanischer und britischer Autoren ausgerichtet. Wir kümmern uns heute viel stärker um deutsche Autoren. Das macht sich insbesondere im Bereich des populären Sachbuchs bemerkbar – wir legen einen Schwerpunkt auf deutschsprachige journalistische Arbeiten.

BECKMANN: Eine großartige Leistung, die Sie in Ihren nun elf Jahren bei Scherz und fünf Jahren mit dem Aufschwung bei Scherz, Krüger und Fischer Taschenbuch gezeigt haben…
LOHMANN: Was da positiv entstanden ist, hat so nur dank der Mitarbeit meiner Kollegen in der Geschäftsführung der S. Fischer-Gruppe und meiner Lektoren, insbesondere meiner Programmleiter Julia Schade in der Belletristik und Felix Rudloff im populären Sachbuch entstehen können. Aber alle namentlich zu erwähnen, wäre zu viel an dieser Stelle. Ich lasse es, sie wissen schon, wen ich meine.

Die Programme tragen ihre Handschrift, und das war mir von vornherein wichtig. Dass sie Erfolg haben konnten, hängt freilich auch mit einer Lektotratsstruktur zusammen, die nicht ich erfunden habe. Sie ist schon vor meiner Zeit eingeführt worden, damit waren die Fischer-Verlage allerdings in Deutschland wohl die ersten: Die Programmleitungen und Lektorate der verschiedenen Bereich umgreifen Scherz, Krüger und das Taschenbuch. So bleibt Autoren, die mit einem Werk im Hardcover, mit einem anderen gleich im Taschenbuch erscheinen, eine kontinuierliche Betreuunng durch seine Lektorin bzw. seine Lektor gesichert. Vor allem ist so eine strategische Gesamtprogrammplanung möglich. Denn der wirtschaftliche Hauptträger unserer Verlage ist mehr denn je das Taschenbuch, dessen solide Entwicklung darum primär sein muss, freilich nur in Verbindung mit einem starken, originellen Hardcover-Programnm.

BECKMANN: Ihnen bleibt ein Schlusssatz.
LOHMANN: Da ich nicht pathetisch werden will, nur kurz: Das Haus Fischer ist ein ganz besonderes Haus und ich bin glücklich, eine wichtige Zeit dort verbracht zu haben. Ich werde diesem Haus immer verbunden bleiben und hoffe, dass der Scherz Verlag dort immer eine feste Größe bleiben wird. Immerhin ist dieser Verlag 1938 in Bern gegründet worden, um dem freien Wort in deutscher Sprache in Europa eine Chance zu geben.

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