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Dieter Wallenfels für buchmarkt.de über das Solothurner Preisbindungssymposium / Charta für die Buchvielfalt verabschiedet

Unter dem Motto „Vielfalt der Bücher“ fand in Solothurn am 2. Mai ein SBVV

Dieter Wallenfels

Symposion über die Situation der Buchpreisbindung in Europa statt. BuchMarkt-Chefkorrespondent Gerhard Beckmann führte zu diesem wichtigen Thema gestern ein ausführliches Interview mit Marianne Sax, der neuen Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes [mehr…]. buchmarkt.de bat Preisbindungstreuhänder Dieter Wallenfels um eine Zusammenfassung der Tagung aus seiner Sicht. Nachfolgend der Wortlaut seiner Erklärung:

Am 2. Mai 2007 wurde die Buchpreisbindung in der deutschsprachigen Schweiz außer Kraft gesetzt. Exakt ein Jahr danach veranstaltete der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband in Solothurn in Verbindung mit den dortigen Literaturtagen ein Symposium mit dem Titel „Vielfalt statt Einfalt“. Ziel: Der Parlamentskommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK), der im August über ein Buchpreisbindungsgesetz über die gesamte Schweiz beraten will, deutlich zu machen, dass der Schweizer Buchhandel ein solches Gesetz für lebensnotwendig hält und auch die Kunden des Buchhandels, wie Erfahrungen aus Ländern ohne Preisbindung zeigen, von einem solchen Gesetz nur profitieren können.

Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Westschweizerischen Buchhändler-Verband, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels. Rund 150 Teilnehmer, darunter zahlreiche Vertreter der Medien, erlebten ein dicht gefülltes Tagungsprogramm, das vom Leiter des schweizerischen Bundesamts für Kultur, etwa vergleichbar dem Staatsminister für Kultur in Deutschland, mit einem Referat eröffnet wurde, das wenig Sympathie für das Anliegen des Schweizer Buchhandels erkennen ließ, in der gesamten Schweiz eine gesetzlich begründete Buchpreisbindung einzuführen. Er verwies stattdessen auf die staatliche Literaturförderung in der Schweiz, die von dem Vertreter der Schweizer Autoren Peter Stamm, allerdings als lächerlich geringfügig bezeichnet wurde.

Ganz anders der nachfolgende Redner, der frühere französische Kultusminister Jack Lang, der sehr stolz darauf ist, als erstes Gesetz unter der Ministerpräsidentschaft von Mitterrand im Jahr 1981 das Gesetz über die Buchpreisbindung in Frankreich auf den Weg gebracht zu haben, zunächst von Verlegern und Politikern kritisch betrachtet, inzwischen aber fester Bestandteil französischer Kulturpolitik. Jack Lang, der für seine mit Charme und Überzeugungskraft frei vorgetragene Rede stürmischen Beifall fand, legte seinem Vorredner nahe, die von ihm gegen die Preisbindung vorgetragenen Argumente noch einmal sehr kritisch zu überprüfen und praktische Erfahrungen durch Besuche in Verlagen und Buchhandlungen zu gewinnen.

Anschließend berichtete John Mc Namee, Präsident des Europäischen Buchhändler-Verbandes, über seine Erfahrungen mit der Preisbindung in Irland. Er beklagte, dass vor allem das Preisdumping von branchenfremden Buchverkäufern dem Buchhandel das Leben schwer mache und sah das einzig Positive im Wegfall der Preisbindung in der sich hieraus für die Buchhändler ergebenden Notwendigkeit, ihre Anstrengungen in Service und Kundenbindung zu intensivieren. Im Publikum fand man allerdings, einen solchen „Tritt in den Hintern“ brauche der Buchhandel nicht, er wisse auch so, dass er sich um seine Kunden in besonderer Weise bemühen müsse. Sylviane Friederich, Buchverbands-Präsidentin in der seit jeher preisbindungsfreien Romandie, schilderte die dramatisch negativen Veränderungen des dortigen Buchmarktes durch die überragende Stellung der Marktstellung der FNAC-Kette bei zugleich starker Preisüberhöhung gegenüber den Preisen für die gleichen Bücher in Frankreich. Preisbindungstreuhänder Dieter Wallenfels aus Deutschland hob bei seiner Beschreibung der Situation der Preisbindung in Deutschland die 140 Jahre währende ununterbrochene Tradition der buchhändlerischen Preisbindung in Deutschland hervor (Jack Lang: „Die Buchpreisbindung in Deutschland gehört zur deutschen Geschichte, Frankreich hat daraus gelernt“) und die guten Erfahrungen mit dem seit 2002 in Deutschland geltenden Preisbindungsgesetz, das von den Politikern aller Parteien anlässlich seiner Novellierung im Jahre 2006 als ein ausgesprochenes Erfolgsmodell bezeichnet worden sei. Die Preisbindung werde auf dem Markt durchweg eingehalten.

Auch die Gerichte achteten sorgfältig auf die Einhaltung der Preisbindung und die enge Auslegung der Ausnahmeregeln vor dem Hintergrund der Zielrichtung des Gesetzgebers, nämlich der Erhaltung eines vielfältigen Buchmarktes im Interesse der Buchkäufer. Die Branche sei, was Gefährdungen der Preisbindung, z. B. durch unzulässigen Unterpreisverkauf von Remittenden und die „Mängelung“ verlagsneuer Bücher anbetreffe, problembewusst und bemühe sich um Lösungen. Die positive Bewertung der Buchpreisbindung werde auch von den Regierungen in Österreich und Frankreich geteilt, wie jüngste Stellungnahmen für den Europäischen Gerichtshof in einem dort anhängigen Verfahren zeigen, bei dem es um Regelungen des Preisbindungsgesetzes in Österreich geht.

Francis Fishwick, Wirtschaftswissenschaftler aus England, zeichnete zwölf Jahre nach Wegfall der Preisbindung in England, ein sehr viel düstereres Bild der Entwicklung des Marktes dort als in seinen früheren Analysen und konstatierte einen Preisanstieg seither für Bücher von fast 50 % gegenüber knapp 28 % bei den durchschnittlichen Verbraucherpreisen für andere Güter. Der Marktanteil der kleineren Buchhandlungen habe sich halbiert.

In der sich anschließenden Diskussionsrunde mit Schweizer Verlegern, Buchhändlern und Zwischenbuchhändlern bestand große Übereinstimmung, dass schon jetzt die nachteiligen Folgen des Wegfalls der Buchpreisbindung bemerkbar seien, auch in Form deutlich gestiegener Preise für die Backlist-Titel und die Verlagerung des Bestseller-Geschäftes vom unabhängigen Buchhandel auf stark discountierende Filialisten. Die negativen Tendenzen könnten sich rasch verstärken, wenn das zur Zeit gute Konsumentenklima sich verändere und Thalia in den Preiskampf eintrete. Die Berlin-Verlegerin Elisabeth Ruge warb für eine Partnerschaft zwischen Verlagen und allen Vertriebsformen im Buchhandel, auch den Ketten, weil man auch diese für ein literarisch anspruchsvolles Programm gewinnen könne. Für sie sind preisaggressive Discounter außerhalb des Buchhandels die Hauptfeinde der Buchkultur, die ohne Preisbindung freien Raum erhielten. Wie kontrovers die Buchpreisbindung bei den Politikern in der Schweiz gesehen wird, zeigte die abschließende Podiumsdiskussion mit zwei Nationalräten.

Der Vertreter der CVP unterstützte das Gesetzesprojekt sehr nachdrücklich, während der Vertreter der Blocher-Partei SVP zum Unmut des Publikums keine Unterschiede zwischen Buchmarkt und anderen Märkten erkennen mochte und kulturpolitische Argumente nicht gelten ließ: Jeder solle eben lesen, was er wolle und was auf dem Markt erhältlich sei, Autoren sei es unbenom¬men, Bestseller zu schreiben, um ein wirtschaftliches Auskommen zu haben. Allerdings dächten nicht alle Politiker seiner Partei so wie er, so dass nach seiner Prognose der Ausgang des Gesetzgebungsverfahrens außerordentlich knapp zu werden verspreche, worin er mit dem CVP-Parlamentarier übereinstimmte.

Zum Schluss des Symposiums verabschiedete die Versammlung eine „Charta für die Buchvielfalt: Vielfalt und faire Preise dank der Buchpreisbindung“. Es heißt darin, eine vielfältig und lebendige Buchkultur könne nicht dem Markt allein überlassen werden, die Schweiz brauche eine Politik zugunsten des Buches und des Lesers. Die Buchpreisbindung sei ein bewährtes und ohne einen einzigen Subventionsfranken funktionierendes Instrument der Kulturförderung.

Ob sich die Schweizer Politiker davon überzeugen lassen? Denkanstöße konnte die perfekt organisierte Tagung allemal vermitteln. Kommt es zu einem solchen Gesetz, könnte es Ende nächsten Jahres in Kraft treten.

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