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Das Autodafé und die Salzmann-Sammlung

„Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für

Barbarentat: Bücherverbrennung der Nazis

Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!“, rief der fünfte auf dem Berliner Opernplatz – und warf die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann ins Feuer.
Fast klingt der Ruf wie geschaffen dazu, mahnend an den Trauertag für Kultur und Freigeist zu erinnern, der sich am 10. Mai zum 75. Mal jährt. Doch wie es die Geschichte will, war es einer der Schlachtrufe, mit denen die symbolische Verbrennung Ludwigs und Hegemanns am 10. Mai 1933 noch zusätzlich angefeuert wurde. Den Titeln beider Autoren folgten die Bücher von Kästner, Kerr, Mann, Schnitzler, Tucholsky, Zweig… Die Liste ist lang und liest sich wie das Who-is-Who der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der letzten zwei Jahrhunderte.

Republikweit von Berlin über Heidelberg und München bis nach Wuppertal verschlangen die Flammen das aus nationalsozialistischer Sicht unbequeme Gedankengut.

Bücherverbrennungen haben eine traurige Tradition: Bereits der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi soll im Zuge der Reichseinigung gegen die Vielfalt philosophischer Schulen zur Fackel gegriffen haben: Bis auf die Werke, die eine staatstragende Philosophie verkündeten, landeten alle restlichen um 213 vor Christus auf dem Scheiterhaufen. Das Ausmaß solcher Bücherverbrennung ist heute kaum vorstellbar. Gedanken- und Kulturgut verschwanden auf Nimmerwiedersehen und sind zum großen Teil nicht mehr reproduzierbar.

Ebenso wenig lässt sich begreifen, warum gerade die Bildungselite vor 75 Jahren dem Spektakel beiwohnte und mehr noch: es inszenierte. Leider gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die von den brennenden Bücherhaufen im Nazideutschland berichten könnten…

Die Erstausgaben der Werke verfemter Autoren sind heutzutage quasi kaum noch aufzustöbern. Wenn überhaupt, findet man sie auf zvab.com zum Kauf angeboten, zum Anschauen in einzelnen Bibliotheken – oder in der Sammlung Georg Salzmanns. Der Gräfelfinger hat als Kind die Geschehnisse miterlebt und sich als Erwachsener geschworen, seinen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten. Seither durchstöbert er Antiquariate und sucht im Internet nach Spuren besagter Autoren und deren Werke – jeweils als Erstausgabe. Über 10.000 Bände soll seine Sammlung inzwischen umfassen. Die genaue Zahl kennt nicht einmal der Gräfelfinger selbst.

Die Sammlung lässt sein Haus sprichwörtlich aus allen Nähten platzen. Daher sucht er nun seit Jahren einen Käufer, der sein Werk vervollständigt und dafür sorgt, die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ZVAB hat nun als erster Bewerber diesen Kulturauftrag angenommen und ein verbindliches Kaufangebot abgegeben. Bis zu 150.000 € sind die Betreiber der Online-Plattform für antiquarische Bücher bereit, auf den Tisch zu legen. Und wie das ZVAB verlautbaren ließ, geht das Angebot darüber hinaus: Die Sammlung soll bibliographiert werden, Wanderausstellungen sind geplant und fehlende Titel sollen aus eigenen Mitteln durch den Ankauf über www.zvab.com ergänzt werden.

Man darf also gespannt sein, was mit der Sammlung passiert und wo sie letzten Endes unterkommen wird. In jedem Fall ist damit ein Zeichen gesetzt:
„Gegen Frechheit und Anmassung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist.“ So hieß die 9. „Position“, die beim Berliner Autodafé ausgerufen wurde. Gemeint waren die Bücher von Tucholsky und Ossietzky. Diese „Position“ sollte man in heutigen Zeiten umdeuten und gegen ihren ursprünglichen Zweck und die Verfasser verwenden – indem man den Spruch und damit die Geschichte dieses Mal anders enden lässt: „Darum erhaltet und bewahret die Schriften …“ Die meisten hätten es verdient.
SAM

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