Gleich zwei Titel der Mai-Bestenliste thematisieren den Nahostkonflikt, wenn auch auf stilistisch und inhaltlich unterschiedliche Weise:
In Robert Littells Politthriller „Die Söhne Abrahams“ sind die ideologischen, wahnhaften und theologischen Verstrickungen des Bruderzwists zwischen Palästinensern und Israelis Gegenstand des Kampfs zweier Fundamentalisten.
In Matt Beynon Rees‚ klassischem Whodunit „Der Verräter von Bethlehem“ werden die lokalen Machtstrukturen in den palästinensischen Verwaltungsgebieten angeprangert.
Lee Childs „Sniper“ ist ein rares Stück Hochspannung: Aktion pur – aber intelligent gemacht, mit fröhlichen Seitentritten gegen den amerikanischen Alltag.
Mit Marek Krajewskis „Festung Breslau“ und Stuart MacBrides „Der erste Tropfen Blut“ offerieren wir zwei hochinteressante neuere Stimmen: eher düster, besessen, mit einem Hauch Mythomanie der Pole mit einem historischen Stoff; hochkomisch, grotesk, auch parodistisch der Schotte aus der Granitstadt Aberdeen. (Jurysprecher Tobias Gohlis)
Hier die komplette Liste für Mai:
1. (1) Robert Littell: Die Söhne Abrahams. Scherz
Heilige Stadt Jerusalem: Der fundamentalistische Rabbi Apfulbaum wird entführt vom islamistischen Doktor Al-Shaat. Im Wettlauf zwischen Geheimdiensten und Entführer siegt die Logik des Wahns. Warum gibt es keinen Frieden in Nahost? Faszinierendes Gedankenspiel von Robert Littell, dem Vater Jonathans.
2. (7) Lee Child: Sniper. Blanvalet
Nowhere in Indiana: Amerikanischer Alltag. Ein Scharfschütze nietet fünf Passanten um, der Täter ist bald gefasst. Jack Reacher kommt, um ihn sicher einzulochen. Doch ein Indiz ist zu viel in der lückenlosen Kette. Die Child-Formel mit Suchtpotenzial: Spannung + Intelligenz = Aktion.
3. (3) Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome. Eichborn
Brügge/Arizona/Mexiko: Ein amerikanischer Tourist stirbt ohne erklärbare Ursache. Kommissar Jensen sucht die verwaisten Kinder. Der Hobby-Philosoph und eine blinde Begleiterin geraten an die Grenzen des Wahrscheinlichen. Hintersinnig-raffiniertes Debüt: Spannung aus dem Reich der Quantenphysik.
4. (8) Lawrence Block: Verluste. Funny Crimes bei Shayol
New York: Reden nützt nichts, wenn einer einen umbringen will. Mick Ballou, Gangster, und Matt Scudder, Privatdetektiv, wollen nur ihren Angelegenheiten nachgehen. Aber irgendwer hat es auf sie abgesehen. Da fällt die Zivilisation von ihnen ab. Ohne Bedauern: Jeder stirbt. Altmeister Block redivivus.
5. (4) David Peace: 1983. Liebeskind
Yorkshire: Wie schon 1969 und in den siebziger Jahren wird ein Schulmädchen vermisst. Maurice Jobson erfoltert Geständnisse wie je. Anwalt Pigott verteidigt, ermittelt, erstickt. Stricher AF nimmt Rache. Band Vier des Red Riding Quartets: Grandioser Abschluss. Thatchers Yorkshire als verlorenes Paradies.
6. (2) Peter Temple: Shooting Star. C. Bertelsmann
Melbourne: Anne Carson, 15, ist gekidnappt. Das Ziel der Entführer: Demütigung der Carsons. Sie sind die „Kennedys Australiens“. Frank Calder vermittelt zwischen den Fronten, bis ihm die Galle kocht. Im gnadenlosen Familienkrieg hat keiner eine Chance. Temples Australien: verseucht von Hass und Gier.
7. (–) Marek Krajewski: Festung Breslau. dtv
Breslau 1945: Vor der Stadt die Russen, in der Festung tobt ein Geisterkrieg. Im Gerechtigkeitswahn verfolgt der suspendierte Kriminaldirektor „Bluthund“ Mock Gräfin und Diener, KZ-Kommandant und Antifaschistin. Innen Alb, außen Untergang. Grandios. Besessen. Polens kraftvolle Stimme im europäischen Krimi-Konzert.
8. (–) Matt Beynon Rees: Der Verräter von Bethlehem. C.H.Beck
Bethlehem: Als sein Ex-Schüler George unter der Anklage verhaftet wird, ein Spitzel der Israelis zu sein, rafft sich der alte Lehrer Omar Jussuf auf, ihn zu retten. Und legt sich, trotz Husten und Rückenschmerzen, mit den lokalen Polit-Gangstern an, den Märtyrerbrigaden. Gut und Böse unter Kriegsbedingung.
9. (6) Andrew McGahan: Last Drinks. Kunstmann
Brisbane/Highwood, Queensland: Alles kommt wieder hoch, als Journalist George Verney einen alten Saufkumpan gefoltert und gegrillt in einer Umspannstation identifiziert. Zehn Jahre Abstinenz schützen nicht vor alten Feinden und Erinnerungen: In Brisbane, der Hauptstadt der Korruption, muss er sich ihnen stellen.
10. (–) Stuart MacBride: Der erste Tropfen Blut. Goldmann
Aberdeen: Sex in a Scottish City. Ein Pornodarsteller wird zu Tode sodomisiert, der lokale Fußballstar ist ein Vergewaltiger. DS „Lazarus“ McRae trampelt durch Fettnäpfchen und wird von einem Achtjährigen verhauen. DI Steel flucht und DI Insch frisst. Grotesk, witzig, überscharf: Klasse Schotte. Zum Brüllen.
Die Mai-Ausgabe der KrimiWelt-Bestenliste wird auch im NordwestRadio (heute live mit Lore Kleinert, ca. 8:35 Uhr, und am Sonntag in der „Literaturzeit“ zwischen 15:00 und 16:00 Uhr) sowie in der Literarischen Welt vorgestellt.
Buchhändler können einen dreifarbigen Flyer mit der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste bestellen. Kontakt: KrimiWelt, c/o asv vertriebs GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg, E-Mail: krimiwelt@axelspringer.de, Fax: 040/34 72 76 68.