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Lothar Schmid über den Karl-May-Nachlass

Die sächsische Landesregierung möchte den Nachlass von Karl May gern für kleines Geld übernehmen und macht Stimmung gegen seinen Eigner. Der ist der langjährige Karl-May-Verleger Lothar Schmid. Am Donnerstag letzter Woche ließ die Landesregierung eine Einigungsfrist ungenutzt verstreichen. buchmarkt.de sprach mit dem Senior-Chef, der den Nachlass aus dem Verlagsvermögen ausgegliedert hat, darüber, wie es nun weitergeht.

Lothar Schmid

buchmarkt.de: Warum wollen Sie den Nachlass verkaufen?
Schmid: Ich werde jetzt bald 80 Jahre alt und möchte das umfangreiche Archiv in die richtigen Hände geben. Im Moment scheint mir der Zeitpunkt günstig. Denn mehrere Parteien sind am Nachlass beteiligt, und alle sind zur Zeit mit der Veräußerung an einer Stelle einverstanden. Wäre das nicht so, müssten wir die Schriftstücke leider verstreuen. Deswegen möchte ich diese so lange wie möglich zusammenhalten.

Es sind ja sehr unterschiedliche Wertangaben für den Nachlass im Umlauf. Sie verlangen 15 Mio. Euro, das jüngste Angebot der sächsischen Regierung liegt bei 3,5 Mio. Wie kommen Sie auf Ihre Zahl?
Unser Archiv birgt einen der größten und bedeutendsten Schriftstellernachlässe, die es je gegeben hat. Geschätzt hat ihn der Sachverständige Eberhard Köstler, der Vorsitzende des Bundes deutscher Antiquare, mit mehr als 15 Millionen Euro. Tatsächlich wurden die Manuskripte inzwischen noch viel höher geschätzt als was wir fordern. Wir sind mit unserem Angebot weit unter Wert geblieben. Aber Sachsen ist offenbar nicht ohne weiteres in der Lage, die große Sammlung allein zu erwerben.

Sie hatten dem Land bis Donnerstag eine Frist gesetzt, sich zu entscheiden, wie geht es jetzt weiter?
Sachsen hat am Mittwoch zuletzt in einer Pressekonferenz den neuen Vorschlag unterbreitet. Davon wurde ich eine Stunde vorher in Kenntnis gesetzt. Leider kommt das Angebot nicht in Frage. Wir haben uns aber gegenseitig signalisiert, dass wir noch ein Gespräch führen wollen. Es gibt bereits zahlreiche Anfragen von Sammlern, das würde aber bedeuten, dass der Nachlass verstreut würde. Ein Problem ist, dass es fehlerhafte Schätzungen gegeben hat.

Das klingt ziemlich bitter.
So viele schlechte Erfahrungen haben wir lange nicht mehr erlebt. Der angebotene Preis aus Dresden ist reine Phantasie. Auch der Vorschlag, den Nachlass in eine Stiftung einzubringen, ist nicht so anwendbar.

Es heißt, der Wert des Nachlasses sei eingeschränkt, weil es sich bei den Romanen um viele Abschriften handele, in denen sich die Genese des Werkes bzw. einzelner Romane nicht ablesen lasse.
Das hat eine Zeitung verbreitet und stimmt gar nicht. Dabei waren Sachkenner hier und haben die Papiere gesehen. In allen Manuskripten sind eine Reihe von Korrekturen zu sehen. Ich frage mich, wo die Leute hingeschaut haben.

Welche Bedeutung hat der Nachlass nach Ihrer Meinung?
Karl May ist 1912 gestorben, 1913 wurde der Verlag gegründet. Wir haben den Nachlass in unserer Familie fast 100 Jahre gepflegt und über zwei Weltkriege gerettet. Ich habe die Anteile meiner Brüder unter dem Einsatz meines ganzen Vermögens vor vielen Jahren erworben und die Ausgaben getätigt, ihn zu erhalten. Allein die wissenschaftliche Erfassung der Manuskripte und Dokumente dauerte über 10 Jahre und war entsprechend kostspielig. Das Archiv enthält zahlreiche Manuskripte von Romanen, Briefe von und an Karl May, Noten, Gedichte, Reisedokumente und viele andere Unterlagen. Karl May ist der meistgelesene deutsche Schriftsteller aller Zeiten.

Was werden Sie tun? Werden Sie an die Auktionshäuser herantreten?
Die Landesregierung wollte sich diese Woche noch einmal melden, und dann werden wir überlegen, was zu tun ist. Einzelne Papiere zu versteigern, hatte uns sogar der Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung geraten.

Gab es auch seitens des Bundes kein Interesse, den Nachlass zusammenzuhalten?
Weniger. Es ist traurig. Deutschland war immer eine Kulturnation. Davon scheint leider nicht viel geblieben zu sein.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

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