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Gerhard Beckmann und Peter S. Fritz über Remissionen und Autorenvorschüsse

Peter S. Fritz

Peter S. Fritz ist Literaturagent und Mitinhaber der Fritz Agentur in Zürich und vertritt seit über 30 Jahren insbesondere auch angelsächsische Verlage, Agenturen und Autoren für den deutschen Sprachraum.

Welche Chancen hat ein Verlag, der Autoren statt Vorschüssen und den üblichen Honorarsätzen eine hohe Gewinnbeteiligung einräumt, und mit dem Buchhandel ohne Remissionsrecht arbeiten will? [mehr…]

BECKMANN: In den USA sorgt ein neuer Imprint für Diskussionen. Robert S. Miller, Gründer und Leiter des zur Walt Disney Company zählenden Verlages Hyperion wechselt zu HarperCollins. Dort will er versuchen, zwei traditionelle Praktiken auszuräumen, die von vielen als Hauptübel des heutigen Verlagswesens betrachtet werden. Die HarperCollins-Chefin Jane Friedman spricht von einem Experiment. Erstens geht es darum, Vorschüsse abzuschaffen und die Autoren statt der bisherigen Honorare am Gewinn zu beteiligen, die der Verlag mit ihren Büchern macht. Also: Statt einem Vorschuss auf ein Honorar, das bis zu etwa 15 Prozent vom Ladenpreis gezahlt wird, sollen die Autoren hier einen höheren Anteil von den effektiven Netto-Erlösen des Verlages. erhalten…
FRITZ: Diese Idee ist nicht neu und geistert immer wieder mal herum. Sie wird auch dann und wann praktiziert, doch meines Wissens sind die Verlage mit den Autoren, von welchen mir solche Verträge bekannt sind, schnell wieder zu herkömmlichen Vertragsbedingungen zurückgekehrt.

In Deutschland ist jüngst der Vorstoß eines Publikumsverlegers gescheitert, Autorenhonorare nach Verlagserlösen zu berechnen. Das geschieht zwar bei Wissenschafts- und Schulbuchverlagen. Aber die Abrechnungen werden intransparent. Wie will ein Verlag z.B. seine gängigen, gegen das Preisbindungsgesetz verstoßenden Rabatte über 50% auf einer Honorarabrechnung dokumentieren? Wie soll er Zahlungen für den Display in Ketten auf einzelne Titel umlegen? Endlose Fragen und potentielle Konflikte.

Ein solches Experiment kann ja eigentlich nur gelingen, wenn Autoren sich durch die Änderung etwas versprechen. Wenn sie davon überzeugt werden können, dass sie ihnen finanziell etwas bringt, dass sie dadurch zumindest nicht benachteiligt werden. .
Die Vorauszahlungen führen in bestimmten Fällen tatsächlich zu erheblichen Abschreibungen. Ein Autor hat so jedoch manchmal eine Wahl, wem er sein Buch anvertraut. In einem solchen Fall kann auch die vom Verlag gebotene Einkommensgarantie ausschlaggebend sein. Das garantierte Einkommen sollte ausdrücken, was der Verlag mit dem Titel zu erwirtschaften gedenkt.

Zahlt der Verlag keine Vorauszahlung, hat der Autor keine Gewähr, dass sich der Verlag für die Verbreitung des Buches überhaupt einsetzen wird, was ja bereits heute bei der Masse von Titeln, welche nicht Schwerpunkttitel eines Verlagprogramms sind, der Fall ist.

Es ist verständlich, dass Verlage ein Element des Risikos vermeiden möchten, doch auch für den Autor ist eine Verlagswahl Chance wie Risiko für seine Arbeit.

Noch sind keine Einzelheiten des neuen Angebots bekannt. Paul Aiken, der geschäftsführende Direktor der Authors Guild – sie vertritt mehr als achttausend publizierte amerikanische Schriftsteller – hat aber bereits darauf hingewiesen, dass der Teufel auch hier im Detail steckt und auf ein besonders Problem hingewiesen: „Wie wird HarperCollins bei der Entscheidung über die Höhe des jeweiligen Gewinns die eigenen Kosten berechnen“?
Indiskutabel sind prozentuale Beteiligungen an den Nettoerlösen des Verlags. Das kennen wir aus der Filmbranche – Nettoerlöse gibt es einfach keine. Mario Puzo hat sein Leben lang auf seine Prozente aus den Nettoerlösen aus dem GODFATHER-Film gewartet. Einer der erfolgreichsten Kinofilme der Geschichte hat nie Gewinne erwirtschaftet! Dafür sorgen Heere von Buchhaltern, Controllern und Anwälten. Diese Leute stehen sehr zu unrecht im Verdacht, nicht kreativ zu sein.

Wenn schon, müsste es eine Beteiligung am Brutto abzüglich der Mehrwertsteuern des Verlagsumsatzes mit dem Buch sein.

Ein Motiv für das HarperCollins-Experiment scheint mit der zunehmenden Abhängigkeit der Verlagsbilanzen von großen ‚blockbuster’-Erfolgen zusammenzuhängen. Die ‚blockbuster’-Strategie ist aber – auch wegen der hohen Autorenvorschüsse – extrem risikoreich. Anders gesagt: Weil sehr viele Bestseller-Planungen daneben gehen, ist die Programm- und Vertriebsarbeit ineffizient. So werden große finanzielle Verlagsressourcen verschleudert Sind die Abschreibungen von Autorenvorschüssen in letzter Zeit signifikant gestiegen?
Ob die Blockbusterstrategie ein Resultat der Autorenvorschüsse ist möchte ich bezweifeln – bestenfalls ist das eine Huhn- oder Ei- Frage. Blockbuster sind meines Erachtens eher der ungesunde Auswuchs der allzu starken Großbuchhändler, welche natürlicherweise lieber auf wenige, sichere und berechenbare Umsatzbringer setzen möchten.

Des gibt wohl kein ökonomisches Unternehmensargument, das nicht auch mit ideellen Vorgaben begründet wird. Dementsprechend hat Robert S. Miller gegenüber dem International Herald Tribune erklärt: „Unser Bestreben geht dahin, Titel effektiv zu verlegen, die in einem zunehmend auf Bestseller ausgerichteten Umfeld sonst nicht mehr herauskommen würden – in einem Umfeld, in dem etablierte Schriftsteller einem enormen Druck ausgesetzt werden, ihre früheren Erfolge zu toppen, während es für neue Autoren schwieriger und schwieriger wird, überhaupt verlegt zu werden.“ Das ist eine Situation,. die häufig beklagt wird. Aber sehen Sie mit Millers neuem Ansatz eine Möglichkeit gegeben, ihr abzuhelfen – die Chance, dass es wieder zu einer größeren verlegerischen Vielfalt kommt?
Klingt einfach zu schön, um wahr zu sein.

Ich hatte meine Frage noch mit Blick auf eine zweite prinzipielle Re-Orientierung von HarperCollins gestellt, zunächst einmal für den neuen Imprint Robert S. Millers. Ohne Zweifel: Ein eher noch größeres Problem ist die Höhe der Remissionsquoten – in den USA beträgt sie gegenwärtig im Schnitt angeblich 40 Prozent: eine enorme, eine äußerst kostspielige Sache. Auch hier sind keinerlei Details darüber bekannt, wie Miller seinen Plan zu verwirklichen gedenkt: Aber er will eine vertriebliche Kooperation und Bedingungen mit dem Buchhandel aushandeln, bei denen das Remissionsrecht gekappt wird.
Ist es vorstellbar, dass Miller da mit seinen Titeln überhaupt höhere Verkaufsauflagen erzielt? Davon hinge ja wohl auch ab, ob das angekündigte Gewinnbeteiligungsmodell für Autoren von Interesse wäre?

Das klingt alles sehr schön, aber letzten Endes sehe ich HarperCollins nicht mehr für die kleineren und mittleren Autoren investieren und auf sie setzen. Das wollen deren Abnehmer, die Großbuchändler doch gar nicht. Also legt man sich mit den zahlreichen, ‚austauschbaren’ Autoren an, weil man mit den wenigen mächtigen Kunden nicht mehr klarkommt. Es ist verständlich und legitim, dass der Verlag Abschreibungen minimieren will. Aber der Ausgang ist klar. Der Handel wird, wenn er da überhaupt mitmacht, für die Festabnahme der Bücher Konditionen fordern, welche dem Verlag und Autor noch weniger lassen.

In anderen Industrien kann der Produzent Händler mit der Verknappung eines begehrten Produktes abstrafen, indem die Zuteilung eines solchen Produktes absichtlich klein gehalten wird. Erst wenn der Händler auch en Rest des Sortimentes erfolgreich anbietet, steigt für ihn die Zuteilung. Es sollte eigentlich nachdenklich stimmen, dass uns solche Bücher fehlen….

Laut einer Presse-Erklärung von HarperCollins sollen die Titel des neuen Imprints gleichzeitig als Printwerke und in Digitalformaten auf den Markt gebracht werden, für die einerseits der klassische Buchhandel genutzt wird, andererseits alle Vorteile zum Verkauf, Marketing und zur Werbung des Internet eingesetzt werden sollen. Der Online-Dienst mediabistro.com hat die Meldung so kommentiert: Bei der Printform wird es sich wohl um Publishing-on-Demand, ansonsten um E-Books wie für den Amazon-Kindle handeln. Würden Sie das Millersche Autoren- und Vertriebsmodell letzten Endes auch in Verbindung mit dem Versuch eines Verlags sehen, sich von der Bindung an den traditionellen Buchhandel zu lösen?
Das ist gut möglich, und es wird längerfristig auch so kommen, da eben doch eine Vielfalt von Büchern auf den Markt drängt und vom Handel kaum beachtet wird. Aber das wird nicht mit einer Revolution à la HarperCollins geschehen, sondern evolutionär, den technischen Entwicklungen etwas nachhinkend.

Wir wollen Verlage unterstützen und ermutigen, sich den Veränderungen zu stellen. Unsere primäre Aufgabe ist es aber zu sehen, dass die Autoren fair behandelt und nicht für unternehmerische Entwicklungskosten zu Kasse gebeten werden. Autoren erhalten von Verlagen Honorare, nicht Dividenden.

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