Das Thema Einkauf beschäftigt uns weiter, diesmal im „Sonntagsgespräch“ mit eBuch „Erfinder“ Lorenz Borsche und Fragen von Christian von Zittwitz:

„Aber wir können bei der
Standortsicherung helfen“
Im letzten Sonntagsgespräch mit Jochen Wörner zum Thema Bezugsmodelle war der Eindruck entstanden, dass Sie und die LG Buch näher zusammenrücken?
Lorenz Borsche: Ja, das hat Rolf Sudendorf und mich mächtig amüsiert. Richtig ist aber: Rolf Sudendorf und ich reden bei jeder sich bietenden Gelegenheit miteinander. Schon seit vielen Jahren, auch öffentlich sichtbar auf Messen. Über alles mögliche, den Markt, die Konkurrenz, den Börsenverein, die großen Ketten, das Wetter etc.pp. Wir mögen uns und tauschen uns aus. Und wie schön, dass Rolf Sudendorf für weitere drei Jahre im Amt bestätigt ist, wie ich hier vor ein paar Tagen gelesen habe – wir reden also weiter.
Aber kontrovers?
Natürlich, wir wissen beide, dass unsere hauptsächlichen Geschäftsmodelle, hier Partnerverlage mit Rabattverbesserung im Einzelfall, dort rationeller Warenbezug zu günstigen Einheitskonditionen, leider völlig inkompatibel sind. Genauso uneins sind wir in der Frage, ob sich eine gemeinsame Marke mit allem was dazu gehört, also Qualitätskriterien für den Service, einheitlicher Auftritt, gemeinsames Marketing etc.pp durchsetzen lässt.
Das wäre ein Ziel…
Niemand bestreitet, dass das wünschenswert sein könnte, denn als erfolgreichstes Beispiel haben wir alle immer EDEKA vor Augen, der – wiewohl aus lauter Einzelhändlern entstanden – heute ALDI und LIDL erfolgreich die Stirn bietet.
Aber wo gibt´s denn Berührungspunkte?
Ganz einfach: in unserer fast identischen Wahrnehmung, dass die kleineren, unabhängigen Sortimente ganz erheblich unter dem Druck der großen Ketten leiden und – wenn man den Auftrag des BuchPRG zur flächendeckenden kulturellen Versorgung ernst nimmt – unbedingt gestützt werden müssen. Und wenn wir können, wollen wir auch voneinander lernen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.
Aktuellstes Thema außer der BAG ist ja wohl nach wie vor die Einkaufslogistik…. bei der Sie mit ANABEL Vorreiter waren..
Ja richtig, da tut sich ja nun einiges. Herr Wörner scheint das ANABEL-Modell praktisch als Blaupause für das Modell der AGM zu sehen – und Blaupausen werden ja nur genutzt, wenn sie erfolgreich waren. Das AGM-Modell hat tatsächlich Ähnlichkeiten, aber auch deutliche Unterschiede zu Anabel. Zum einen legen unsere Buchhändler höchsten Wert auf Unabhängigkeit in der Sortimentsauswahl. Ein allgemein verbindlicher Novitäten-Push, so wie er bei der AGM zum Modell gehört, genau wie bei z.B. der BuchMedia in Österreich, von den großen Ketten mal ganz abgesehen, die das alle machen, das ist im Kreis der eBuch völlig undenkbar. Für das ca. 1/2 Prozent Marge, die das bei kleinen Sortimentern übers Jahr insgesamt mehr bringen würde, verkauft der
Buchhändler nicht seine Bestell-Unabhängigkeit.
Und dasselbe gilt für das eBuch-eigene Zentrallager. Wir könnten erheblich Kosten sparen, wenn wir unser ZL nicht selbst bewirtschaften, sondern uns an ein bestehendes, z.B. das von Hugendubel, anhängen würden, so wie die AGM das tut. Die Unabhängigkeit, die wir dabei aufgeben müssten, würde dem einzelnen – auch ohne Novi-Push – übers Jahr vielleicht 0,3% mehr Rohertrag bringen – aber gleichzeitig alle Verlage verprellen: Mit Vertreterbesuch, Deko und Freiexemplaren wäre es dann wohl vorbei. Und genau deshalb führen wir eine solche Diskussion noch nicht mal ansatzweise, sondern bewirtschaften unser ZL selbst und brauchen deshalb auch Menschen, die das tun. Und das geht leider nicht ehrenamtlich. Aber die Kosten sind bei uns schon vorab ‚eingespeist‘ – der Sortimenter sieht nur seine Konditionen, da gibt es keine Aufschläge, Mitgliedsbeiträge oder andere Extras. Und wenn das Modell insgesamt überzeugt, dann kann’s losgehen.
Jochen Wörner rät, sich alle Modelle genau anzugucken. Und Sie?
Da kann man ihm nur zustimmen, jede Buchhändlerin muss mit dem Bezugsmodell vorab einverstanden sein, sonst wird sie es nicht optimal umsetzen und dann kann auch der Nutzen geringer werden. Hilfreich kann natürlich auch sein sich umzuschauen, was andere Buchhändler tun. Die eBuch verzeichnet seit Anbeginn einen Zuwachs von über 40 Buchhandlungen pro Jahr auf inzwischen weit über 300 Mitglieder – und in den letzten Jahren waren das vor allem Anabelisten. Das könnte schon ein deutlicher
Hinweis sein, denn so falsch kann das ja nicht sein, was so viele Kollegen tun.
Dazu kommt – im Gegensatz zu z.B. reinen Barsortimentsmodellen noch, dass hier eine Community entstanden ist, die sich tagtäglich gegenseitig Hilfestellung gibt, ob es um den Bezug von günstigen Klappstühlen geht oder um ein vergriffenes Buch, um seltsame Kundenwünsche, das richtige Azubi-Zeugnis oder das beste Thermopapier für den Kassendrucker – und kaum eine Frage bleibt in diesem Forum unbeantwortet.
Und natürlich ein Leistungskatalog, wie in andere Verbundgruppen, z.B. die LG, auch aufweisen, günstigere Rabatte hier, bessere Bedingungen dort. Auch diese Angebote sollte die Buchhändlerin genau prüfen, da stecken mehrere hundert Euro Sparpotential drin. Die Botschaft muss also sein: Lieber Sortimenter, such‘ Dir die passenden Verbundgruppe aus und organisiere Dich, aber tu’s auch. Jetzt! Denn die reinen Zahlen zeigen doch noch eine große Lücke: von ca. 3.500- 4000 unabhängigen Sortimentsbuchhandlungen ist noch nicht mal ein Viertel Mitglied in einer Verbundgruppe.
Reicht das um auf lange Sicht den großen Ketten zu widerstehen?
Die Verbundgruppen werden den Expansionsdruck der großen Ketten nicht neutralisieren können, das wäre vermessen zu glauben. Aber wir können bei der Standortsicherung helfen – und je mehr wir sind, desto besser. Und das scheint mir, ist auch die versteckte Botschaft des letzten Sonntagsgesprächs mit Jochen Wörner, der Appell, jetzt wirklich tätig zu werden, sich anzuschließen, damit die vielen Kleinen zusammen stark werden. Dieser Gedanke treibt ja auch größere Unabhängige, wie z.B. die Mitglieder der AGM. Nach bestem Wissen: dieser Gedanke kann nicht falsch sein.
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