Tobias Gohlis, Sprecher KrimiWelt-Bestenliste, über die Platzierungen:
Im Vereinigten Königreich wird Tom Rob Smith bereits als Nachfolger von Martin Cruz Smith gehandelt. Aus meiner Sicht spielt da eine Menge kommerzieller Hype eine Rolle. Denn mir scheint neben der zufälligen Namensgleichheit und dem gleichen Schauplatz Russland/Sojentunion so viel Gemeinsames zwischen den beiden nicht zu bestehen. Hier, zum zweiten Mal auf Platz 1 der Altmeister, der mit „Stalins Geist“ beinahe Bulgakowsches Format erreicht, dort der belesene Youngster, der sich in die Materie des Stalinismus erst einarbeitet („Kind 44“ auf Platz 4). Doch lesen Sie selbst.
Auf Platz 6 finden Sie neu – und selten – einen echten japanischen Autor: Arimasa Osawa, dessen ethnologisch präzise Kenntnis japanischer Verbrechergepflogenheiten und polizeilicher Hierarchie-Empfindlichkeiten die Lektüre pfeffern.
Ian McDowall (Platz 8) ist eine der neuen schottisch-irischen Stimmen, die den britischen Stammplatz solider, sozial hochkompetenter Kriminalerzählung so erfolgreich und gekonnt verteidigen. Erinnert sei hier nur Kate Atkinson, Stuart McBride, Brian McGilloway und Declan Hughes.
Mit Peter Temple („Vergessene Schuld“ Platz 9) empfehlen wir erneut einen Autor, der zu den großen entdeckunge des letzten Jahres gehörte, und von dem wir in diesem noch mehr lesen werden.
Die komplette Liste für Februar:
1. (1) Martin Cruz Smith: Stalins Geist. C. Bertelsmann
Moskau/Twer: Wahlkampf. In der Metro ward er gesichtet, in Twer soll er gar auf dem Felde erscheinen: Stalin. Unter Väterchen Putin sammeln sich derweil die nationalen Kräfte: Kriegsverbrecher, amerikanische Wahlkampfberater, Auftragskiller. Nur Arkadi Renko hält stand. Ein (Alb-)Traum von Politthriller.
2. (7) Gianrico Carofiglio: Das Gesetz der Ehre. Goldmann
Bari: Avvocato Guido Guerrieri im Zwiespalt zwischen Lust und Pflicht. Endlich kann er, darf er Rache nehmen: Hilflos liegt ein Jugendfeind in seinen Verteidigerhänden – und die eurasische Gattin noch dazu! Der selbsternannte „Perry Mason Apuliens“ windet sich delikat.
3. (2) Jean-Patrick Manchette/Jean-Pierre Bastid: Lasst die Kadaver bräunen! Distel
1971, ein Kaff im Departement Gard: Sommerfrische bei Malerin Luce. Unter den Gästen drei Gangster, 250 kg Gold im Kofferraum. Zwei Gendarmen lösen ein Massaker aus. Luce frohlockt: „Da war etwas ästhetisch Erregendes im Gange!“ Kadaver bräunen in der Sonne. Lange erwartet. Spitze. Manchettes Roman Nr. 2. Der Urknall des Neo-Polar in Frankreich.
4. (-) Tom Rob Smith: Kind 44. DuMont
Moskau/Wualsk/Rostow: 1953, vor und nach dem Tode Stalins. Was im Sozialismus nicht sein darf, ist Staatsgeheimnis. Als Leo Demidow, MGB-Offizier, die Spur eines Kinder ausweidenden Serienmörders verfolgt, wird er degradiert, in Stalins Alltagshölle verstoßen: Bespitzelung, Angst, Mord. Faszinierend.
5. (6) Charles Todd: Zeit der Raben. Heyne
Dudlington, England, 1920: Constable Hensley hat einen Pfeil im Rücken. Wer legt Inspector Ian Rutledge MG-Patronen auf den Weg? Drohungen aus dem Schützengraben? Nachkriegsengland zwischen Auflösung und Wiederherstellung. Todd besser denn je. Séancen, Stuck und kirrer Adel.
6. (-) Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku – Rache auf Chinesisch. Cass
Tokyo, Shinjuku: Oberkommissar Samejima, der „Hai“ des Banken- und Vergnügungsviertels Shinjuku, im Wettlauf mit einem Berufskiller aus Taiwan. Der will sich an seinem in die Arme der Yakuza geflüchteten Auftraggeber rächen. Fesselnder Polizeiroman mit präzisen Einblicken in die japanische Verbrecherwelt.
7. (5) Arne Dahl: Ungeschoren. Piper
Stockholm: Mitsommer 2002. Die A-Gruppe ist verwirrt von vier Morden, die keiner der Erst-Verdächtigten begangen hat. Tätowierungen an den Leichen deuten auf Shakespeares Mittsommernachtstraum, der Täter auf den Missstand der Welt. Der Kriminalroman im Elchtest: schwedischer Edelstahl.
8. (-) Iain McDowall: Zwei Tote im Fluss. dtv]
Crowby, Mittelengland: Ein Schwarzer springt von der Brücke. Das geht als Selbstmord durch, bis ein renommierter schwarzer Journalist auftaucht, der wegen Rassismus und Mord recherchiert. Und selber springt. Solide britische Polizeiermittlung setzt ein. Rassismus ist nicht immer das Mordmotiv. Neuer Autor.
9. (-) Peter Temple: Vergessene Schuld. Goldmann
Melbourne: Jack Irish war ein lausiger Verteidiger. Im Trauer-Suff hat er Danny verladen. Nach seiner Haftentlassung kontaktiert Danny den Anwalt, wird erschossen und weckt Irishs Schuldbewusstsein. Irish stochert im Rattennest. Nummer eins aus Peter Temples Privatdetektivserie. Bös, cool, Temple.
9. (8) Oliver Bottini: Im Auftrag der Väter. Scherz
Freiburg/Kroatien: Im Garten der Niemans steht ein Fremder und sagt: „Das ist mein Haus. Verschwindet.“ Louise Bonì und Kollegen ermitteln hektisch, ohne etwas auszurichten. Als der Fremde zuschlägt, macht Louise sich auf, zurück in die Geschichte, weg ins Heimatlose, auf den Balkan.
Die Februar-Ausgabe der KrimiWelt-Bestenliste wird auch im NordwestRadio (heute live mit Jurysprecher Tobias Gohlis zwischen 8:05 und 9:00 Uhr und am Sonntag in der „Literaturzeit“ zwischen 15:00-16:00 Uhr), unter www.arte.tv/krimiwelt mit Kommentaren des Jurysprechers, Kurzrezensionen der Juroren und weiteren Infos zu Büchern und Autoren („Krimiautoren A-Z“) sowie in der Literarischen Welt vorgestellt.
Buchhändler können einen dreifarbigen Flyer mit der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste bestellen. Kontakt: KrimiWelt, c/o asv vertriebs GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg, E-Mail: krimiwelt@axelspringer.de, Fax: 040/34 72 76 68.