Unter dem Titel Manga, Magier, Avatare – Parallelwelten von Kindern und

Jugendlichen veranstaltete die Akademie des Deutschen Buchhandels] in München gestern ihre siebte Fachtagung. Ulrich Störiko–Blume, Geschäftsführer des Boje Verlags, eröffnete mit seinem Plädoyer, dass gute Fantasyliteratur immer eine Existenzberechtigung habe (s.a. BuchMarkt 11/07), zahlreiche Epigonen aber den Markt unnötig überschwemmten.
Störiko-Blume forderte: Nicht Fantasy produzieren, weil sie gerade angesagt sei, sondern etwas Originäres schaffen, denn: „Erfolgreiche Bücher macht man nicht nach, sondern vor.“ Das Buch ist und bleibe ein Leitmedium, die meisten erfolgreichen Stoffe, ob später fürs Kino verfilmt oder vermerchandist, starteten als Inhalt zwischen zwei Buchdeckeln.
Drei interessante Beispieltypologien heutiger Jugendlicher stellte Jürgen Keil, Projektleiter am Markt- und Medienforschungsinstitut ifm, dar: Vom „Multimedialen Fußballjungen“ übers „Vernetzte Modeprinzesschen“ bis zur „Virtuellen Grenzgängerin“ analysierter er deren Medienverhalten und schlussfolgerte: Bücher und Zeitschriften zu den relevanten Themen zu lesen bleibe weiterhin ein Rückzugsraum jenseits flirrender Bilder.
„Die Zukunft liegt in der Verknüpfung der Medienkanäle Internet, TV, Print und Büchern.“ Keine neue Erkenntnis, aber anhand der Typologien sehr überzeugend belegt. Dabei prognostizierte Keil allerdings das Internet als neues Leitmedium.
Conny Roll-Opitz, Marketingchefin von Jetix Europe, betonte in ihrem Spaziergang durch das “Digitale Kinderzimmer” mit Zahlen aus eigener Marktforschung, dass Kids von heute einen umfangreichen technischen Zugang zu Entertainment-Inhalten haben und daher ein großes Marktpotenzial darstellen: „Kinder sind heute Konsumenten und morgen vollständig konvergente Mediennutzer.“
Professor Stefan Aufenanger (Stiftung Lesen) fragte unter dem Titel „Liest du noch oder spielst du schon?“, ob die wachsende Computernutzung das Lesen von Printmedien verdränge. Sein Resümee: Abgesehen von der Ausnahme der Jungs, die fast nur an der Spielekonsole hängen, erfordern die Neuen Medien ebenso ausgeprägte Lesekompetenz und diejenigen, die viel am PC sitzen, konsumieren oft auch mehr Bücher. Es gehe nicht um Medienkonkurrenz, sondern darum, die kindliche Lesefähigkeit überhaupt zu stärken.

Sollte dies mit Fantasyliteratur geschehen? Nicola Bardola, BuchMarkt-Mitarbeiter, Lektor und Autor, provozierte mit seiner Contra-Rede, der Fantasytrend sei dem Untergang geweiht: Die Sortimenter seien des Genres überdrüssig, die guten Stoffe und Figuren allesamt schon verarbeitet, die Themenkombinationen immer verzweifelter, individuelle und originelle neue Ansätze fehlten …
Dem setzte Volker Busch, Programmleiter des Fantasylabels LYX, entgegen: Fantasy stehe weiterhin für den Reiz des Neuen und Subversiven, sorge unterhaltsam für einen Beitrag zur Verschönerung einer kalten bedrohlichen Welt, bessere Cover und ausgefeilte Verlagsprogramme bedienten die offensichtlich vorhandene Nachfrage, neue Spielarten sowie das Heraustreten aus dem Nischendasein unterstützten den Fantasy-Boom. Busch betonte die Funktion als Brückenliteratur, mehr und mehr erwachsene Leser ziehe es zu magischen Stoffen.
Magische Anziehungskraft auf die junge Zielgruppe haben bekanntlich auch Mangas. Joachim Kaps von Tokyopop erläuterte, dass nach den rasanten letzten Jahren die Verkaufszahlen langsamer wachsen und daher neue Marketingmaßnahmen anstehen: Im Handel Mangas nach Zielgruppenalter und Themen sinnvoller sortiert anbieten, die Entwicklung lokaler Mangas mit deutschen Autoren, neue vielschichtigere Inhalte oder die Lizensierung bekannter Buchcharaktere und Marken (z.B. „Freche Mädchen“-Romane als Manga-Version; Grimms Manga)- beidseitige Grenzüberschreitungen von Buch- und Mangawelt seien erwünscht.
Massive-Multiplay-Online-Game-User Teut Weidemann überraschte sein Publikum mit Einblicken in die Lebenswelten überzeugter 9,3 Millionen World of Warcraft (WOW)-Spieler: eine Leidenschaft, die das reale Leben bestimmt, die den Verlust des Partners, der Arbeit oder der Gesundheit bedeuten, aber auch zu sozialen Kontakten, Jobs, Geld und Hochzeiten führen kann.
Die meisten Spieler bleiben nicht wegen des Spiels, sondern wegen des Gemeinschaftsgefühls über Jahre hinweg dabei. Die Spielezukunft liege in Community-Online-Spielen, da gemeinsam bestandene Kämpfe Menschen Erfolgserlebnisse vermitteln, die sie im realen Leben oft vermissen. 2,8 Millionen innerhalb von 24 Stunden online verkaufter WOW-Erweiterungen Anfang 2007 sprechen für sich.
Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts des Jugend- und Bildungsfernsehens IZI, erfreute mit der Analyse, welche Bedeutung Lieblingshelden aus TV und Büchern für Kinder haben. Ergebnis: Egal ob Dragonheart, Harry Potter, Batman, Spiderman oder Bambi: Kinder wollen beschützt werden und andere beschützen, sie wollen in ihrer Welt selbst bestimmen und etwas bewegen können. Harmonie und Abenteuer, Freundschaft und Unabhängigkeit sollten sich ergänzen.
Baumhaus-Verleger Bodo Horn-Rumold präsentierte mit „Cathy´s Book“ ein einzigartiges multimediales Buchprojekt, dessen Autorenduo aus einem Reality-Games-Entwickler und einem Romanschriftsteller besteht und deren Protagonistin die Grenzen eines Romans überschreitet, indem sie telefonisch per AB erreichbar ist und ihre Spuren im Internet verfolgbar sind. Eine spannende Story, die durch die Vernetzung verschiedener Medien an Authentizität gewinnt – das beste Beispiel dafür, wie jugendliche Parallelwelten einander ergänzen können.
Souverän moderierte Harald Kiesel die gut organisierte Tagung, die zum Netzwerken einlädt.
Gabi Strobel






