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Weniger Show, mehr Inhalt: Gestern wurde zum siebten Mal die „Corine“ verliehen

Schon vor der großen Corine-Gala gestern Abend im ehrwürdigen Münchner Prinzregententheater präsentierte der Corine-Jugendbuchpreisträger Sergej Lukianenko sein “Schlangenschwert” (Beltz & Gelberg) in ganz anderem Ambiente: Das Münchner Szene-Loft “Neuland” befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum legendären “Backstage”.

Viele auch Russisch sprechende Fans des „Wächter“-Zyklus (Heyne) lauschten im kühlen Raum gebannt dem ersten ins Deutsche übersetzten SF-Roman Lukianenkos für

Sergej Lukianenko (l.)

Jugendliche, ein visionärer All-Age-Titel. Zur anschließenden Russki-Beat-Party kamen dann auch Neugierige vom Backstage herüber. Barbara Ziegler, Highlight PR, verantwortlich für die Corine-Öffentlichkeitsarbeit, könnte sich vorstellen, dass künftig noch mehr Preisträger an den Tagen vor oder auch nach der Gala-Veranstaltung in München auftreten werden.

Mit war für 2007 ein Corine-Hauptsponsor ersatzlos abgesprungen. Das schmalere Budget führte zu einer stärker textorientierten Präsentation. Die Bücher und ihre Autoren spielten die Hauptrolle, weshalb die Corine in ihrem siebten Jahr die beste war: 3sat gelingt es inzwischen mit spielerischer Leichtigkeit, Bücher auf Bühne und Bildschirm zu bringen.

Auf Shows wurde verzichtet. Nur zu Peter Härtling und Érik Orsenna wurden vorproduzierte Filme eingespielt. Beide Autoren improvisierten bei den Danksagungen. Härtling scherzte mit Noch-Ministerpräsident Edmund Stoiber, der seinen Kindern vor Jahren offenbar wirklich Härtlings Bücher vorlas, und verriet nach der Veranstaltung im Foyer, dass sein nächstes Jugendbuch vielleicht schon 2008 erscheine.

Orsenna (“Weiße Plantagen”, C.H. Beck) fand dank Wilhelm Genazinos Buch “Mittelmäßiges Heimweh” (Hanser) Mentalitätsverwandtschaften zwischen Deutschen und Franzosen in Wirtschaftsfragen und trug die von Valentino dekorierte Corine schelmisch in einer Baumwolltasche im Garten des Prinzen spazieren, wo sich an dem lauen Spätsommerabend nach der Gala Tout-München zum letzten großen Treffen vor der Buchmesse begegnete und sich auch dank Genazino ein wenig an den Ernst der Lage erinnerte.

Man diskutierte über Gewagtes oder freute sich über die TV-Höhepunkte: Die Ehrerbietung des “Situationensammlers” Genazinos für die Schauspielerin Margit Carstensen, die Umsetzung Joachim Króls von Genazinos Prosa fürs Theater, die Auswahl der Textpassagen aus Harald Martensteins “Heimweg” (C. Bertelsmann) und Ilja Richters “Erinnerungen”, Monica Bleibtreus akustisches Mordsmosaik zu Andrea Maria Schenkels Mord ohne Komissar in “Tannöd” (Edition Nautilus, Hörbuch Hamburg), die Aufmerksamkeit für RAF-Opfer in Helmut Markworts Laudatio für Anne Siemens “Für die RAF war er das System, für mich der Vater” (Piper) oder die lockere Moderation von Désirée Nosbusch schon im Auftakt-Dialog mit Hape Kerkelings nur als Hörbuch existierenden Mann-Fjord-Geschichten (tacheles!/ROOF Music). Übrigens war Kerkeling nach der Gala noch lange nicht weg, sondern feierte bis zur Geisterstunde.

Ein Bücher-TV-Event wird aus Nichtlesern nicht Leser zaubern. Aber die Corine 2007 hat das Potential aus Gelegenheitslesern Vielleser zu machen. So viel Inhalt war hier noch nie: Genazinos “schweißfreie Reden”, Lukianenkos Sterberecht und wundersam dehnbare menschliche Moral, Schenkels “Schreibschwäche” und Erzählstärke, Richters und Martensteins nicht erwachsen werdende Kinder (“Wenn dich jemand fragt, ‘kannst du Seiltanzen?’, sag ja. Es wird schon nicht dazu kommen.” – “Das Leben wird immer langweiliger, damit der Abschied von ihm nicht so schwer fällt.”), Härtlings Glücksdefinition (“nichts mehr, das dich treibt, nichts mehr, das dich hält”), Tucholskys Gedankenklavier …

nb

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