Letzte Woche gings ums literarische Wetter, diese Woche kamen Eis und Schnee. Unser Kolumnist fragt: Wie kamen sie in die Literatur?
Eines der suggestivsten Bilder in „Der fliegende Berg“, dem neuen Roman von Christoph Ransmayr, ist das eines Regens aus gefrorenen Schmetterlingen im Himalaja. Der Schmetterlingsschwarm, der bis eben noch als „Hunderte Meter langes, buntes Band über höchste schneeverwehte Pässe in unbewohnte von Schmelzwasser durchzogenen Täler zog“, wird jäh von einem Luftwirbel in die Höhe gerissen, gefriert in den kalten Luftschichten und regnet dann als schwarzer Schnee auf die Berge… eine Verbindung von Schönheit und Kälte, Tod und Poesie.
Eine Verbindung, die in der europäischen Literaturgeschichte noch nicht lange stabil ist. Die antike Literatur war im Eis noch nicht in ihrem Element, so gibt es zum Beispiel keinen Mythos, in dem Eis eine besondere Rolle spielt; es war eben eine seltene und vergängliche Erscheinung in der mediterranen Lebenswelt.
Ins Mittelalter kriecht die Kälte durch einen Gedankenspalt: wenn die Hölle heiß ist, müßte der Himmel eigentlich das Gegenteil sein. Ist er ja tatsächlich, nur paßt das nicht das christliche Weltbild, denn die Nähe Gottes darf keine Kälteschauer einjagen. Also ist der Himmel ätherisch – weit.
Als im Zuge der großen Entdeckungsfahrten Ende des 16. Jahrhunderts die vereisten Kontinente entdeckt werden, kommt die Vorstellung des „Ewigen Eises“ auf, und die ist für die Literatur höchst ergiebig, denn Ewigkeit will sie auch und anders als die feurige, sich selbst verzehrende Leidenschaft, ist Kunst kühl und kalkuliert; um es mit Gottfried Benn zu sagen: „der Geist muß kalt sein, sonst wird er familiär“. Der kalte Künstlergeist hat eine Unzahl von Eismetaphern und -geschichten hervorgebracht, die jede systematische Untersuchung des Motivs zu Herumirren im Schneetreiben machen: von der Schneekönigin zur Supermans Festung der Einsamkeit in der Arktis, von Edgar Allan Poes Arthur Gordon Pym, dessen Erzähler am Rande der Welt auf schneeweiße Riesen trifft um dann umzukommen, zu Jules Vernes’ Roman „Die Eissphinx“, der aus Begeisterung für die Rätsel von Poes Roman diesen weitererzählt – hin zu Beispielen aus neuster Zeit wie Vladimir Sorokins Roman „Das Eis“, in dem ein mit einem Hammer aus kosmischen Eis geführter Schlag die Auserwählten einer neuen Herrenrasse bestimmt bis hin zu Orhan Pamuks Roman „Schnee“, in dem ein Lyriker 19 Gedichte auf einem Schneekristall anordnet – Eis bietet der Literatur die Möglichkeit Grenzen zu thematisieren: geographische, gesellschaftliche, individuelle, existentielle.
Andererseits erscheint es so, als wenn das Eis aus Schreibenden Künstler macht; so sind die Tagebücher von Scott letzter Südpolexpedition, auf der er und seine Männern erfroren, ein Stück Weltliteratur.
Apropos Tod – das derzeit gängigste Weltuntergangsszenario hat mit dem ewigen Eis zu tun, das sich als nicht ewig herausgestellt hat. Die Polkappen schmelzen, Eisberge nehmen Kurs auf uns, Hysterie macht sich breit. Bleiben wir cool und tun etwas, was immer schon Ergebnis einer besonderen Kulturleistung war: essen wir ein Eis. Der indische Kaiser bezog die Grundlage seines Speiseeises, das aus Früchten, Honig und Rosenwasser hergestellt wurde, aus dem Himalaja. Und darauf lag manchmal wahrscheinlich – als kunstvolle Dekoration – ein gefrorener Schmetterling.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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