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Thomas Böhm: Über Lesesekundenschlaf

Die „stille Zeit“ zwischen den Jahren ist Lesezeit. Da der zeitgemäß volle Bauch aber nicht gern studiert; kommt es immer wieder zu einem bemerkenswerten Phänomen, dem unser Kolumnist nachgeht und gleich ein neues Non-Book-Produkt entwickelt.

Neulich las ich das lyrisch-assoziationsreiche Buch „Elsterneinmaleins“ der Berliner Autorin Kristin Schulz. Kurz darauf traf ich eine Bekannte, die es auch gelesen hatte. Wir lobten einig, so daß ich den Mut faßte zu gestehen, daß mir der Titel „Elsterneinmaleins“ unerklärlich geblieben war. Ihr auch. Wir fragten uns, ob wir ihn nicht verstanden hatten oder ob uns in entscheidenden Passagen der Lesesekundenschlaf überkommen hatte. Dieses wenig analysierte Phänomen der Literatur ist nicht zu verwechseln mit dem an dieser Stelle schon erforschten „Lesungsschlaf“, [mehr…] bei dem man mit steifen Nacken, kribbelnden Beinen und Speichel im Mundwinkel inmitten einer Autorenlesung aufwacht. Der Lesesekundenschlaf dagegen ist an keinen spezifischen Ort gebunden, er überkommt Leser überall und ist am ehesten daran zu erkennen, daß man sich am Ende einer Seite dabei erwischt, daß man nicht weiß, was man grade gelesen hat. Harry Rowohlt hat einmal erklärt, daß gute Schriftsteller deshalb in jede dritten Zeile eine Pointe einbauen, um den Leser aufzuwecken und so vor dem Bruch der Nasenbeins beim Vornüberfallen zu bewahren.

Da ich als berufsmäßiger Leser oft mit weniger fürsorglichen Büchern konfrontiert bin, ist der Lesesekundenschlaf ein ernstes Problem, das ich jedoch gelöst habe; durch Konsultation der neusten Forschungsliteratur in Form des Mitgliedermagazins des ADAC. Dort fand ich eine Anzeige für WAKE ME UP. Weil Anzeigentexter berufsmäßig zu der von Harry Rowohlt charakterisierten Autorengruppe gehören, möchte ich ihnen den Anzeigentext nicht vorenthalten:

„Das Gerät wie ein älteres Hörgerät einfach hinter das rechte Ohr hängen und einschalten. WAKE ME UP wacht nun über Sie. Die hinter das Ohr geklemmte ‚Alarmsirene’ funktioniert nach dem Wasserwaagen-Prinzip. Sinkt der Kopf nach vorne, schlägt der Alarm 100%ig an. So grell und schrill, daß man schon nicht mehr am Leben sein müsste, um nicht unverzüglich wieder wach zu werden.“

Das ist natürlich zu brachial für unsere kultivierten Leserohren, aber wenn sich Wake me Up durchsetzt, kann man bald literarische Wecktöne im MP3-Format aus dem Internet herunterladen und die Stimmen von Thomas Mann, Gottfried Benn oder Elfriede Jelinek werden uns vor dem Einschlafen warnen. Und schon bald sind wir dann nur noch von aufgeweckten Zeitgenossen umgeben.

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Letzte Gelegenheit: Zu Weihnachten möchte Thomas Böhm seinen Lesern eine Kolumne schenken. Wünschen Sie sich ein Thema, das wir dann am 22. Dezember online stellen.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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