Lassen Sie sich die Lust auf das Verschenken von Kochbüchern zu Weihnachten nicht von unserem Kolumnisten verderben. Er mag es von Berufs wegen eben ein wenig schärfer, lässt sich aber gern zum Essen einladen und bringt dann „Fernet Branca“ aus Papier mit.
Was lesen eigentlich Tim Mehlig, Alfred Biolek, Johannes B. Lafer, Sarah Wiener und all die anderen wie bekokst grinsenden und labernden sogenannten „Fernsehköche“, die jedes Jahr zum Weihnachtsgeschäft einen neuen Schinken mit Hochglanzgemüsefotographien herausbringen? Da die in der Regel 200 bis 300 Rezepte enthalten, die doch hoffentlich mehrfach ausprobiert und verfeinert wurden, und im Fernsehen obendrein für Nachmittagssuppe und Mitternachtsbraten gesorgt werden muss, bleibt den Breitmaulköchen doch keine Zeit zum Lesen; außer vielleicht zum Lesen alter Kochbücher. Anders ist das geistlose Gesülze zwischen den Brat- und Backanleitungen nicht zu erklären.
Die nackte Chefwahrheit enthüllt in dieser Hinsicht Jamie Oliver. Er empört sich in einem seiner zahllosen, für mich nicht mehr auseinanderzuhaltenden Bruzzelbücher über Menschen, die arbeitslos sind, laut Jamie somit viel Zeit haben, aber ihr bisschen Geld für teure Fastfood auszugeben, statt oliverlich zu kochen. Was das heißt, sieht man 20 Seiten weiter, wenn Jamie vor einem Stand mit Pilzen zu 22 britischen Pfund pro Pfund posiert.
Er meint es sicherlich nur gut, das Milchbrötchengesicht, und sollte sich deshalb mal an den Ausgang eines Arbeitsamtes stellen, um seine Kochbücher samt Ratschlägen zu verteilen. Dann erfährt er bald, was hartes Brot ist.
Sie haben längst bemerkt: Ich bin Nichtkoch. Aus Prinzip. Sich selbst zu bekochen gehört – wie selbst mit dem Auto zu fahren – zu den großen Menschheitserniedrigungen. Man macht sich zum eigenen Personal und verschwendet seine Lebenszeit. Und findet das so gut, dass man pausenlos für Autos, teure Töpfe und zynische Kochbücher Geld ausgibt.
Aber bitte – jeder nach seinem Gusto. Erlauben Sie mit nur eine letzte Prise Zweifel: In James Hamilton-Patersons köstlichem, im Herbst 2005 erschienenen und im Frühjahr 2007 in Fortsetzung gehenden Gesellschaftsroman „Kochen mit Fernet Branca“ findet sich ein Rezept für Eisvogeleier. Als der Erzähler dieses Rezept preisgibt, dankt er den Freunden von der „Umweltschutzbehörde Untere Themse“ für die Hilfe bei der Beschaffung der unter Naturschutz stehenden Hauptzutat: den Eisvogeleiern. Der Leser lacht – und verschluckt sich an der Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der immer kaputteren Erde und den sich unaufhörlich vermehrenden Kochbüchern.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Und denken Sie daran: Zu Weihnachten möchte Thomas Böhm seinen Lesern eine Kolumne schenken. Wünschen Sie sich ein Thema, das wir dann am 22. Dezember online stellen.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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