Zum täglichen Brot des Kolumenschreibers gehört der Blick in die Weltpresse, die harte Fakten und zuweilen Zeug bietet, das in besonders weichen Birnen entstanden zu sein scheint. Grade, wenn es um Kunst und Kultur geht.
An keinem Ort im Universum ist der Mensch Gott so nah wie in der Rubrik „Aus aller Welt“, die deshalb in keiner Zeitung fehlt. Denn um zu sehen, was dort vermeldet steht – vom brasilianischen Kind, das unversehrt aus dem Bauch einer Riesenpython stieg bis zum Bankräuber in Oslo, der im Weglaufen seinen Personalausweis verlor – muß der Mensch gewissermaßen zur Rechten Gottes sitzen, dem es als einzigen gegeben ist, ALLES zu sehen, und zwar in Zukunft und Vergangenheit. Dorthin richtete jüngst eine Meldung den Blick, laut der dem französische Malerei-Experten Jacques Franck Sensationelles gelungen sei. Mithilfe des „staatlichen französischen Labors“ mit dem herrlich laborhaften Namen C2RMF hat Franck – so die Überschrift der Meldung-: das „Geheimnis der Mona Lisa gelüftet“. Weiter stand geschrieben, daß Franck „nach Studien alter Schriften Leonardos, eingehender Analysen seiner Werke und durch das Nachmalen der Bilder herausgefunden habe“, daß Leonardo beim Malen „mit Sicherheit eine Lupe verwendet und mit Farbtupfern von nicht mehr als einem Dreißigstel- oder sogar einem Vierzigstel-Millimeter gearbeitet hat.“ Und laut C2RMF ist sicher, „daß die Arbeit langwierig und mühselig war“. Hätte ich im größeren Maßstab Einfluß auf die Weltläufe, stünde nach solchen Meldungen am nächsten Tag an gleicher Stelle: „Geheimnis des Journalismus gelüftet“. Und dann würde ich sechs Zeilen schaffen, in denen von Journalisten die Rede wäre, die sich ein Leben wie Gott in Frankreich machen, indem sie auf jede Mühe verzichten, sogenannte Meldung unter die Lupe zu nehmen und zu fragen, ob das wirklich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit verdient. Bevor die Kunstanstrengung als solche wirklich als global bemerkenswert eingestuft wird, rate ich zur Vorsicht. Schon Horaz diktierte vor 2.000 Jahren in die Mikrophone der Weltliteratur, daß das nächtelange Feilen am Text die Grundvoraussetzung für dessen Gelingen sei. Und William Faulkner notierte, er habe einen ganzen Tag damit verbracht, ein einziges Komma zu streichen. Ich befürchte, daß nicht einmal Gott mehr weiß, welches das war.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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