In der letzten Woche ließ Thomas Böhm in seiner Kolumne das Geräusch des Papiers erklingen. In dieser Woche wendet er sich einer Geste zu, die genauso unbedingt zum Lesen gehört wie das Umblättern.
„Nimm die Hand vom Kopp. Oder hasse Wasser drin?“ fragte mich mein Opa immer, wenn ich ihm bei Tisch gegenübersaß und, den Kopf in die Hand gelegt, las. Ich nahm die Hand also herunter, nur um bald darauf wieder kopfgestützt weiterzulesen. Bis heute.
Wahrscheinlich kommen die leichten Schmerzen, die ich seit kurzem im rechten Handgelenk fühle, daher: Ich habe das Kopfstützen übertrieben. Schon als Kind. Meine Mutter sagte, man hätte immer den Abdruck der Hand auf meiner Wange gesehen. Und der würde ein Leben lang da bleiben, wenn ich nicht langsam mit dem Kopfstützen aufhörte. Warum aber haben weder ich noch Tausende anderer bis heute damit aufgehört, wenn es so schädlich ist? Warum stützt man den Kopf beim Lesen auf? Zunächst ist es eine Geste der Konzentration, die der Welt zeigt, dass man sich von ihr abgewandt hat und bitte nicht zu stören sei. Diese Geste ist hundertfach kulturgeschichtlich und bildsprachlich verbürgt: von Walther von der Vogelweide auf seinem Stein bis und zu Rodins Denker.
In China hatte der Kaiser einen eigenen Kopfhalter, einen Mann höchster Abkunft, der hinter ihm stand und den Kopf hielt und sogar massierte, während der Kaiser las, oder wenn ihm vorgelesen wurde. Dadurch wurde Symbolisches wie Praktisches bewirkt: Durch die Massage wurde der Kopf aufnahmebereiter, die Gedanken wurden klarer, geordneter, gleichzeitig war sichergestellt, dass das kaiserliche Haupt, ermüdet von zuviel Staatslektüre nicht kopfüber auf die damals noch verwendete Schriftrolle fiel, die einen solchen Sturz noch weniger abgefedert hätte als heutige Bücher.
Die europäischen Humanisten, denen solche fernöstlichen royalen Rituale doppelt fremd waren, die aber auch das Lesen zum Tag- und Nachtgeschäft machten, entwickelten ihre eigenen Lesestühle mit Nacken- und Kopfstützen, Stühle, die außerdem mit einem sogenannten Leserad verbunden waren, einer Art rundem Bücherregal, mit dem der Humanist bis zu 25 Bücher rotieren lassen konnte, ohne aufzustehen. Die heutigen CD-Wechsler funktionieren nach dem selben Prinzip; Es wäre interessant herauszufinden, ob die japanischen Entwickler dafür Copyright an die Erben eines europäischen Humanisten gezahlt haben, oder ob auch in Japan vor Jahrhunderten ein Leserad entwickelt wurde, um den chinesischen Nachbarn, bei denen Kopfstützen im wahrsten Sinne des Wortes noch manuell funktionierten, eins einzuwischen.
Aber all das wusste ich als Kind ja nicht, etwas anderes muss mir meine Hand an den Kopf geführt haben. Vielleicht war mein Opa mit seiner Idee vom „Wasser im Kopp“ auf der richtigen Spur. Das Aufstützen geschieht nicht aus Bequemlichkeit, es ist vielmehr eine List des Kopfes, gerade bei Kindern. Indem die Hand das Kopfgewicht zu tragen hat, wird sie fixiert und davon abgehalten, andere Dinge zu tun.
Liebe Eltern, ermahnen Sie Ihr Kind also nicht, selbst wenn durch das Abstützen die Gesichtzüge etwas schief werden. Ein durch das Wirken der Hand leicht verschobenes Gesicht ist sowieso das wichtigste Erkennungsmerkmal von Lesern und mag zudem anspornen, etwas Großes zu werden wie Kaiser oder Gelehrter, um sich dann andere Kopfstützen leisten zu können.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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