Nachdem Thomas Böhm sich letzte Woche an dieser Stelle Gedanken über das Erschlagen von Insekten vermittels Bücher gemacht hat, möchte er dieses Mal zeigen, dass Bücher in besonderem Maße geeignet sind, privates Eigentum zu schützen.
Lassen Sie mich einmal raten, wo Sie als Leser Ihre kleine Bargeldreserve verstecken. In einem Buch natürlich – wie ich übrigens auch. Wir setzen also gemeinsam darauf, dass Einbrecher zu viel zu tun hätten, jedes Buch einzeln auf seinen Inhalt zu überprüfen.
Haben Sie, als Sie das Versteckbuch aussuchten, auch so lange darüber nachgedacht, welches es sein könne? Es muss ja im Gedächtnis bleiben, damit nicht in ein paar Jahrzehnten ein Student beim Stöbern im Antiquariat ein Buch findet, in dem ein paar Scheine liegen, deren Wert dann nur noch darin besteht, ein buntes Lesezeichen abzugeben.
Welches Buch wählt man also? Selbstverständlich keine Prachtbände. Selbstverständlich kein Sachbuch wie „Nieten in Nadelstreifen“ oder etwa einen Krimi. Dafür könnten die Diebe einen Instinkt besitzen. Und nicht auf die Unbelesenheit vertrauen und dicke Wälzer von der Habenseite der Weltliteratur wählen: die „Buddenbrocks“ oder Charles Dickens „Bleak House“. Selbst der Ironie, das Geld zwischen den über 1000 Seiten von William Gaddis’ „J.R.“ zu verstecken, sollte man sich enthalten. Auch wenn es eine herrlich bittere Ironie ist, handelt der Roman doch davon, wie ein 13-Jähriger ein Wirtschaftsimperium auf Spekulation und Aktiengeschäften aufbaut, sich also zunutze macht, dass Geld nicht nur einen Tauschwert, sondern auch einen Täuschungswert hat.
Womit wir bei der Verwandtschaft zwischen Valuta und Versen wären: Die beiden sind als Zwillinge in die antike Welt gekommen; Münzgeld und Schrift sind zwei Seiten derselben Hochkulturmedaille. Später dann, als das Papiergeld eingeführt wurde, entstand eine andere Art von Geschwisterlichkeit zwischen Dichtung und Barheit – beide sind ihrem Wesen nach fiktiv, d.h. beide sind wertlos, wenn sie sich nicht auf eine Realität beziehen lassen, wenn man sich für sie – wie man so schön sagt: – „nichts kaufen kann“.
Dementsprechend könnte man sagen: Jeder gute Roman ist ein Sparbuch für menschliche Erfahrung, jeder Lyrikband eine Spekulation mit variablem Zinsfuß. Und allen Stadtkämmerern sei es gesagt: Jedes Theaterstück ist eine Kommunalobligation.
Genug davon. Setzen wir doch unsere durch jahrelange Lektüre akkumulierte Phantasie zur Abwehr der Einbrecher ein, die vielleicht gerade in diesem Moment die Nachbarschaft ausspionieren. Zum Beispiel könnten wir mit dem Fotokopierer Falschgeld herstellen, sagen wir 250.000 €, und sie in fünf Bänden Harry Potter oder der Herr der Ringe-Trillogie deponieren; Titel, die die schweren Jungs aus dem Kino kennen. Sie finden die märchenhafte Summe, glauben an ein gutes Ende und gehen nach Hause.
Wer sein echtes Geld nicht mit falschem schützen möchte, der kann einfach einen großen Zettel mit folgender Aufschrift ans Bücherregal anbringen: „Sehr geehrte Einbrecher, da Sie das Sicherheitssystem übersehen haben, lade ich Sie ein, sich bis zum Eintreffen der Polizei ein Buch auszusuchen. Sie werden demnächst sicher viel Zeit zum Lesen haben.“ Das ist doch ein Umgangston, wie man ihn unter Menschen pflegen sollte, die auf wahre Werte vertrauen.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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