
Laurence Sternes „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ ist nicht nur das Urbuch des komischen Romans und die Begründung der Moderne in der Prosa, sein Buch ist zu weiten Teilen auch ein Meisterstück der Satzkunst und eine gewaltige Aufgabe für Hersteller und Verleger – vorausgesetzt, man will tatsächlich eine den Ansichten und Meinungen Sternes gemäße Ausgabe herstellen.
Zwei Verlage haben sich jetzt aufgemacht, das Jahrtausendbuch neu vorzulegen: Das Buch, (das zudem erstmals in Deutschland die vier farbigen Stiche William Bunburys enthält), wird am 1. September bei Eichborn Berlin erscheinen.

Copyright: M. Kunze
Im Verlag Kein & Aber wird ab Ende Oktober Michael Walters Übersetzung des „Tristram Shandy“ vollständig als Hörbuch vorliegen. Harry Rowohlt hat 21 CDs mit dem Text eingelesen.
Die Herstellung des Buches ist – man ahnt es – eine reichlich diffizile Angelegenheit. Denn Sternes von Setzern und Korrekturlesern gefürchteter, von echten Lesern aber geliebter Text, wimmelt nur so vor typographischen Eigenheiten: da ist der differenzierte und ausgeklügelte Gebrauch von Punkten, Doppelpunkten, langen, sehr langen und kurzen Gedankenstrichen, Asterisken, bildlichen Symbolen, krakeligen Zeichnungen und Leerstellen für nicht geschriebene, aber durch den Kontext angedeutete Wörter. Sternes gestalterische Eigenheiten gehen so weit, dass z.B.
a) er beim Tod der Figur Yorick die Vorder- und Rückseite einer Seite in tiefem Schwarz trauern lässt (Band 1, Kap. XII; ein nicht unbeträchtliches drucktechnisches Problem, da eine gut geschwärzte Seite leicht durchschlägt); dass
b) eine Seite, auf der der Leser aufgefordert wird, sich die Schönheit einer anderen Figur, der Witwe Wadman, selbst auszumalen, ganz leer bleibt (Band 6, Kap. XXXVIII); und dass vor allem
c) jeder der 4000 Leser der Erstausgabe von 1763 ein Unikat in den Händen hielt: denn die geheimnisumwobene farbig marmorierte Seite, die ‚marbled page’ in Band 3, Kap. XXVI wurde mit höchstem Aufwand individuell gefertigt.
Nach der Horazschen Vorgabe, dass die Dichtung wie ein Bild sei, nennt der Autor jene berühmte, in den Erstausgaben ein wenig organischem Gewebe unterm Mikroskop gleichende Seite „buntscheckiges Sinnbild meines Werkes“ – ut pictura poesis.

des Werkes
Um dieses Unikum herzustellen, muss eine leere Seite gefaltet werden, in ein nach „türkischer“ Art angerichtetes Farbbad getaucht, getrocknet, dann nochmals auf der anderen Seite marmoriert, dann wieder getrocknet, mit einem Stempel mit Seitenzahl versehen und auf den Rand einer aus dem Buchblock herausgeschnittenen Seite von Hand eingenäht oder geklebt werden.
Ein erhebliches Problem für Drucker und knauserige Verleger, das dazu führte, dass diese Seite in vielen Ausgaben einfach weggelassen wurde (und manchmal deshalb dann verlegenheitshalber auch der Text Sternes eigenmächtig umgeschrieben und geändert); oft wurde sie auch durch ein leeres Rähmchen ersetzt, durch seltsame Ornamente, den hilflosen Hinweis „in früheren Editionen befand sich hier eine marmorierte Seite“ oder durch aufgeklebte Marmorpapiere. In Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit wurde – wenn überhaupt – eine schwarzweiße Reproduktion einer Marmorseite eingefügt.
In Deutschland hat einzig die Erstauflage der Bodeschen Übersetzung von 1774 das Problem geschickt gelöst, indem auf eine nur mit Pagina bedruckte, ansonsten leere Seite mithilfe eines dreifarbigen Holzdruckverfahrens etwas hergestellt wurde, das wie ein Kartoffeldruck aussieht. Bei der zweiten Auflage der Bode-Übersetzung (und später auch bei der dritten Dubliner Ausgabe des „Tristram“ und auch bei der beim Wiener Drucker R. Sammer veröffentlichten Ausgabe des englischen Texts von 1798) wurde auf eine leere, paginierte Seite mit dem Pinsel Farbe aufgetragen.
Zum erstenmal in Deutschland wird in der nun bei Eichborn Berlin erscheinenden Ausgabe der Übersetzung von Michael Walter eine echte ‚marbled page’ hergestellt, eine eigens für diese Ausgabe gefertigte marmorierte Seite nach Art der Sterneschen Erstausgabe. In der normalen Buchhandelsausgabe findet sich eine doppelseitige farbige Abbildung davon, jeder Käufer der auf 400 Exemplare limitierten, nummerierten Vorzugsausgaben erhält aber – wie weiland 1760 – ein Unikat. Gangolf Ulbricht von den Berliner Werkstätten für Papier fertigte ein Papier nach der Erstausgabe an, das die Leipziger Restauratorin Ilona Hesse im selben Verfahren wie einst 1760 die für Dodsley tätigen Londoner Werkstätten marmorierte – jedes Buch der Vorzugsausgabe hat also eine individuelle Marmorseite, die sich hinsichtlich Farbigkeit und Muster an den Erstausgaben (denn jede sieht ja etwas verschieden aus) orientiert.

Gangolf Ulbricht mischt in Berlin die Papiermasse (l.) an und schöpft dann mit einem Rahmen einen Bogen ab (2. v.l.), den er anschließend trockenpresst (3.v.l., 3. v.r.). Als Vorlage für Stärke und Beschaffenheit des Papiers diente ihm ein Exemplar der raren Erstausgabe des Buches. Anschließend werden die Bögen gepresst (2.v.r., r.) und gestapelt.

Ilona Hesse schneidet in Leipzig die Papierbögen auf die Größe der Buchseiten zu und ordnet sie (l., 2.v.l.). Dann rührt sie – wie dereinst Sternes Hersteller – die vier Farben an (die sich ebenfalls an der Erstausgabe des Tristram Shandy orientieren) und rührt ein Marmorbad im „türkischen“ Stil an (3.v.l., Mitte). Da die Marmorierung nicht das ganze Blatt sondern nur den Satzspiegel ausfüllt, müssen die einzelnen Blätter dementsprechend einzeln gefaltet werden (3.v.r.). Dann wird die eine Seite des Blattes auf das Marmorbad gelegt und anschließend abgezogen (2.v.r.).
Die Seite muss dann getrocknet und anschließend dieselbe Prozedur auf der anderen Seite wiederholt werden. Ein langsamer Prozess – aber nach einiger Zeit ist schon ein ganzer Stapel der Blätter fertig (r.). Sie muss dann noch mit der Pagina gestempelt werden.
Anschließend gehen die Blätter in die Druckerei und werden den 400 Vorzugsausgaben beigebunden.






