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Protest gegen Kahlschlag bei den Politikwissenschaften in Göttingen / Resolution von KiWi

Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch hat heute in Solidarität mit seinem Autor Franz Walter (dessen Titel „Die ziellose Republik“ erscheint im Februar 2006 bei KiWi) eine Protestresolution in Umlauf gebracht. Der Hintergund: An der Uni Göttingen soll im Rahmen der Hochschulreform die Politologie weitgehend abgeschafft werden. Namentlich die Professoren Franz Walter, Bassam Tibi und Peter Lösche, die drei bedeutendsten Köpfe des Faches, sollen gehen. Uni-Präsident Kurt von Figura sprach in diesem Zusammenhang von „Schwachstellen“, die „auszumerzen“ seien.

Kolleginnen und Kollegen aus der Branche, Autoren, Journalisten und Hochschulangehörige signalisieren KiWi derzeit ihre Zustimmung. Wer sich anschließen möchte, kann sich per Mail an Lutz Dursthoff wenden: ldursthoff@kiwi-koeln.de.

Die Göttinger Drei
oder Wie im Zuge der Hochschulreform „Schwachstellen ausgemerzt“ werden

Autoren, Mitarbeiter aus Verlagen und Buchhandel, Journalisten und Hochschulangehörige fordern Erhalt der Politologie an der Universität Göttingen

Im Jahre 1837 hat König Ernst August von Hannover sieben Göttinger Professoren, unter ihnen Jakob und Wilhelm Grimm und Friederich Dahlmann, abgesetzt. Von diesem absolutistischen Aderlass hat sich die Göttinger Universität, die damit ihre bedeutendsten Lehrer verlor, lange Zeit nicht erholt.

Am „Platz der Göttinger Sieben“ residiert heute das Seminar für Politikwissenschaft der Universität Göttingen. Nun werden die drei bedeutendsten Köpfe des Faches, Franz Walter, Peter Lösche und Bassam Tibi, diskreditiert. Uni-Präsident Kurt von Figura bezeichnete die Göttinger Politikforschung vor rund 1.000 Studenten und Hochschulangehörigen kürzlich als „Schwachstelle“, die „auszumerzen“ sei.

Bassam Tibi, einer der wichtigsten Vertreter des arabisch-jüdischen Dialogs, üußerte sein Befremden: „Ich hatte gedacht, das mit dem Ausmerzen sei endgültig vorbei in Deutschland.“ Auch Franz Walter verwahrte sich gegen die „Beleidigung“ und „Kränkung“ durch den Biochemiker von Figura. Für die taz ist Walter der „publizistische Star seiner Zunft“, und das Feuilleton der ZEIT attestierte ihm, dass seine Prognose des Ausgangs der Bundestagswahl 2005 „präziser war als jede Demoskopie“.

Doch gerade hier liegt der Hase im Pfeffer. Walter und seine Kollegen gelten von Figura als „Feuilletonpolitologen“. Angeblich ist die Politologie in Göttingen zu sehr durch „Individualforschung“ geprägt. Die Politikwissenschaftler müssten sich so ausrichten, dass sie „anschlussfähig“ seien an die Forschungsfelder, die von der Soziologie definiert würden. „Medienpräsenz kann das Feld der wissenschaftlichen Exzellenz nicht ersetzen.“

Nun muss die „narrative und essayistische Potenz eines brillanten Autors wie Franz Walter“, wie Christian Füller von der taz es formuliert hat, einem Naturwissenschaftler nicht unmittelbar einleuchten. Kurt von Figura bekennt sogar, dass ihn Bücher nicht interessieren. Aber wie will er erklären, dass in dem Gutachten der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen, auf das er sich bei seiner Mission beruft, ausdrücklich festgehalten wird, gerade die Göttinger Parteienforschung habe die „besten Aussichten, in Zukunft mehr internationale Sichtbarkeit zu gewinnen“?

Wie ist der Amoklauf des Göttinger Uni-Präsidenten also zu erklären? Die Hochschulpolitik nicht nur in Niedersachsen steht unter den Zeichen von Sparzwang und „Exzellenzförderung“. Im Zuge des „Hochschuloptimierungskonzeptes“ war von Figura zu so genannten „Clustergesprächen“ ins Hannoveraner Wissenschaftsministerium geladen. Dort wurde verabredet, in Hannover die Politikwissenschaft unter der Maßgabe der „Kompetenzbündelung“ zu clustern, also anzuhäufen, und in Göttingen die Soziologie. Heißt: In Göttingen muss die Politologie „ausgemerzt“ werden.

Doch trotz allen Sparzwangs: „Der Osnabrücker Professor Jörn Ipsen, der häufig als Gutachter für die Landesregierung tätig ist“, soll von Ministerpräsident Christian Wulff „als Gegenentwurf zu den Wahlanalysten (…) wie den Göttinger Professoren Peter Lösche und Franz Walter oder dem Mainzer Jürgen Falter aufgebaut werden. Wulff möchte deshalb Ipsens Institut … mit mehr Finanzmitteln ausstatten“. Das las man kürzlich im Rundblick, einem Zirkular zur niedersächsischen Landespolitik. Ipsens Fachgebiet ist insbesondere die Parteienfinanzierung. Doch die ist in Niedersachsen kein Defizit, sondern etwa in Oldenburg gut vertreten – und auch in Göttingen, denn gerade Professor Lösche gilt als Experte auf diesem Feld.

Es hat also den Anschein, dass unter dem Vorwand der Hochschulreform politisch missliebige Professoren aus Göttingen vertrieben werden sollen.

Wir Autoren, Verlagsmitarbeiter und Journalisten wenden uns entschieden gegen eine geistlose Hochschulpolitik und fordern den Göttinger Uni-Präsidenten und den Ministerpräsidenten Wulff auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen.

Die so genannte „Schwerpunktbildung“ zu Lasten der Geistes- und Sozialwissenschaften – Göttingen ist hier kein Einzelfall – bedroht die Volluniversität klassischen Zuschnitts und widerspricht, wie der AStA der Uni Göttingen festhält, dem Humboldtschen Ideal vom vielseitig ausgebildeten Spezialisten. Das war einmal ein deutscher Exportschlager und darauf ist auch die moderne Wissensgesellschaft mehr denn je angewiesen. Hochschulen sind nicht nur Vermittler von Wissen und wirtschaftstauglichen Kernkompetenzen. Ohne eine lebendige, pluralistische Universität ist auch die Demokratie gefährdet. Denn wo sonst soll die Gesellschaft über sich selbst nachdenken, ohne dass die dabei gewonnenen Erkenntnisse unmittelbar in ökonomischen Gewinn umzusetzen sind?

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