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Gleich fünf neue Bilderbücher handeln von dem, was auch der König mal muss. Treten Kacke, Pupse und Pipi gegen die Flut von Benimmbüchern an?

Ein Tabu im Bilderbuch zu brechen, ist schwer, denn es gibt kaum noch eins. Und natürlich gibt es auch schon zahlreiche Fäkalien- und Klo-Bücher in allen Variationen. Eines ist zum modernen Klassiker geworden und verbindet wie wenige den Spaß an der Sache mit dem Lehrreichen: „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch (Peter Hammer 1989).

Es geht um die verschiedenen Formen der Fäkalien von Haustieren, der Spaß entsteht aus der Mischung von Schadenfreude, Ekel vor und Faszination an der Kacke sowie dem deutlichen Unbehagen der Erwachsenen.

Auch zum Pinkeln Gehen-Müssen an sich wurden schon viele Aspekte erfolgreich aufgegriffen: „Kleiner Zizi“ von Thierry Lenain und Stéphane Poulin (Altberliner 1999) erzählt vom existenziellen Wettpinkeln, „Die Geschichte von Elsie“ von Margret Rettich und Evelyn Daviddi (Annette Betz 2003, original 1981), wie Elsie beim Versuch, im Stehen zu pinkeln, im Klo stecken bleibt, „Kein Tag für Juli“ von Kirsten Boie und Jutta Bauer (Beltz & Gelberg 1991) von der Angst vorm alleine Müssen.

Das Kichern der Erzähler und Illustratoren steckt spürbar in diesen Bilderbüchern und erschließt sich den Kindern als anarchische Lust. Doch solches Kichern und solche Lust wird zur Zeit von der Flut der Benimmbücher erstickt. Da liegt es nahe, die gehäuften Klo-Neuheiten als Gegentrend zu lokalisieren. Dazu müssen aber die Bücher genauer betrachtet werden.

Michael Schulden und Christine Brand erzählen in „Pups“ (Lappan) von Heiko, der im Kaufhaus einen fahren lässt, einen richtigen Knatterer. „Heiko traut sich nach dem Beben / kaum auch nur den Kopf zu heben. / Er kommt hoch und hält sich krumm, / sieht sich dann mit Sorge um, / wer ihn wohl bestrafen wird, / ach, wie sehr er sich geniert!“

Aber niemand hat ihn bemerkt, alles eilt weiter, der Furz bleibt ungesühnt und Heiko kann in Ruhe seinen Comic kaufen. Er ist, auch im Bild, älter als das Bilderbuch-Zielpublikum, und nur so macht die Geschichte Sinn, denn kleinere Kinder genieren sich nicht, wenn sie pupsen, die lachen darüber.

Wird ihnen aber diese Geschichte vorgelesen, spüren sie die für sie verwirrende Botschaft sehr genau: Das Pupsen ist, wo andere Menschen dabei sind, zu unterlassen. Und in der Tat heißt der Untertitel des Buches: „Eine Benimmgeschichte“.

Diese Intention wird noch deutlicher, wenn das Buch mit dem letztjährigen „,Puuuh! Warst du das, Berti?’“ von David Roberts (Baumhaus) verglichen wird. Roberts greift auch das Pupsen als Tabu auf, lässt aber den Jungen aufdecken, dass alle pupsen, heimlich, leise oder laut.

Ein solch frecher Inhalt wäre auch „Pups“ zu wünschen, denn der Text ist flott gereimt und die Illustrationen bieten Mehrwert: Da tummelt sich allerhand Getier in Menschenmanier und es gilt den Zauberer Rudi sowie den zwergenkleinen Ladendetektiv auf allen Seiten zu entdecken.

Muss mal Pipi (Carlsen)

Von Manuela Olten, Bilderbuch-Shootingstar und Oldenburg-Preisträgerin, liegt neu „Muss mal Pipi“ (Carlsen) vor. Gewohnt malerisch und mit großzügiger Raumgestaltung bringt sie die widersprüchlichen Anweisungen zu Papier, die der kleine Ich-Erzähler bezüglich seines Pipi-Verhaltens bekommt:

Zu Hause darf er nicht im Stehen pinkeln, im Restaurant soll er nur so, beim Essen darf er gar nicht, sondern müsste vorher gegangen sein. Im Finale geht er zum ersten Mal allein auf ein Männerklo und versucht, alles richtig zu machen – was angesichts seines ersten Kontakts mit einem Pissoir nicht ganz klappt.

Den stärksten Moment entwickelt das Buch dort, wo der Junge sich den Vorschriften entzieht und das ärztliche Selbstreinigungsklo erobert. Die Komik bezieht Olten aus dem unterschiedlichen Verständnis von Kindern und Erwachsenen, was den Verkaufserfolg befördern dürfte, während sich solcher Humor Kindern weniger erschließt.Für sie ist es mehr die Schadenfreude, etwa wenn der Junge ins Schwimmbad pullert und der auch im Bild unverklemmte Umgang mit dem Thema.

So ist „Muss mal Pipi“ ein lustiges Buch, darüber hinaus aber ziemlich flüchtig. Denn erklärt werden die chaotisch erscheinenden Regeln nicht, es werden auch nicht weniger.

Cleo in der Klemme (NordSüd)

Ebenfalls nur einen flüchtigen, aber poetischen Blick auf das Thema werfen Heinz Janisch und Philippe Goossens mit „Cleo in der Klemme“ (NordSüd). Das Mädchen sitzt ohne Klopapier da und überlegt in der Wartezeit, wie das denn eigentlich die Tiere machen.

Auf den folgenden Seiten sind einige lustige Vorstellungen festgehalten, bis am Schluss eine Hand das Klopapier hereinreicht – die des Monsters, das Cleo sich ganz am Anfang vorgestellt hatte.

Ganz anders gehen die beiden Kacke-Bücher an die Sache heran. Sie verstehen sich als Sachbücher, ohne dass sie es so tierisch ernst nehmen. „Zicke, zacke Hühnerkacke. Das Buch vom Müssen und Machen“ von Nicola Davies und Neal Layton (Sauerländer) konzentriert sich auf die freie Natur.

Auf dem Streifzug durch die Fauna, vor allem der Säugetiere, geht es um Form und Festigkeit, Funktion und Verwertung von Fäkalien sowie die Forschung darüber. Wie Nilpferde sich damit in der Nacht orientieren, Faultiere durch ihre Haufen kommunizieren, Riesenotter mit ihren Latrinen ihre Familiengröße demonstrieren, Kaninchen den eigenen Kot fressen, Termiten ihn kultivieren, Vögel und Fledermäuse mit ihm Pflanzensamen verteilen.

Das ist alles spannend, teils unglaublich. Allerdings ist der Humor von Text und vor allem Bild sehr eigen. Laytons computergestützte Illustrationen sind extra schnodderig, die eingefügten Bildlegenden krakelig und mit Durchstreichungen absichtlicher Fehler durchsetzt.

Die Sprache ist bewusst derb, gemischt mit wissenschaftlichen Versatzstücken: „Wir Menschen mögen das Thema eklig und peinlich finden, aber es ist nun mal so, dass fast alle Tiere scheißen. Oder, wie die Wissenschaftler sagen: Alle Tiere defäkieren, das heißt, sie leeren ihren Darm.“ So rückt das Ganze, obwohl inhaltlich gut gemacht, leicht in die Stammtisch-Ecke.

Pernilla Stalfelt führt das weiter, was sie mit „Wenn Herzen Klopfen. Das Kinderbuch von der Liebe“ und „Und was kommt dann? Das Kinderbuch vom Tod“ begonnen hat. Sie erzählt und erklärt in „So ein Kack! Das Kinderbuch von eben dem“ (Moritz) unverblümt die physischen und sozialen Bedingungen der Verdauungsendprodukte, hauptsächlich menschlicher, mit einigen Abstechern zu ausgesuchten Tieren.

Stalfelts Erfahrung als Museumspädagogin wird im ganzen Buch deutlich, vor allem aber in ihrem Humor, der immer auch der von Kindern ist. Schon auf der ersten Seite gewinnt sie die Kinder mit den säuerlichen und entsetzten Gesichtern zum Satz: „Viele finden Kacke eklig.“ Und kann dann mit lachenden, kichernden und grölenden Kindergesichtern fortfahren: „Es gibt aber auch welche, die finden Kacke sehr lustig.“

Ihre Erklärungen – wer wo wie kackt und pupst, wie ein WC funktioniert und was mit der Kacke dann geschieht, z.B. Pflanzendüngung – sind grundlegend einfach und helfen Kindern, ihre Umwelt ein Stück besser zu verstehen. Die erzählten Möglichkeiten, wie es auch sein könnte, sorgen für den Spaß beim Lesen und Anschauen und gipfeln im Vorschlag, eine Vorstellung zu geben: Nackt auf dem Bett hüpfend mit dem Mund zu pupsen und zum Schluss ein Lied zu singen, ein selbst gedichtetes, da es ja so wenig Lieder gibt, die von Kacke handeln.

Die fünf Neuheiten wollen alle zum Lachen bringen. Nun ist Humor zwar Geschmacksache, dennoch lassen sich die fünf Neuheiten in ihren Intentionen unterscheiden. „Pups“ gibt sich liberal, ist aber ein normatives Benimmbuch, „So ein Kack!“ das fröhlich ungehemmte Gegenteil.

Auch „Muss mal Pipi“ orientiert sich an den Vorschriften, während „Cleo in der Klemme“ Kinder kraft Fantasie zum Lachen bringt. Und „Zicke, zacke Hühnerkacke“ ist, trotz der unsachlichen Illustrationen, ein Sachbuch, das Benimmregeln als menschliche Allüren ausklammert.

Was aber in all den Büchern fehlt, ist die Verdauung. Die erklärt Babette Cole mit Schau- und Schauerbild im „Handbuch für Görenbesitzer oder Wie Kinder funktionieren“ (Gerstenberg 2004).

Bruno Blume

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