Home > ARCHIV > „Die Koreaner kaufen alles“ – zumindest sind sie eine verlässliche Größe im Lizenzgeschäft des deutschsprachigen Bilderbuchmarkts. Einige Verlage setzen inzwischen aber auch auf Eigenproduktionen mit Illustratorinnen aus Deutschland

„Die Koreaner kaufen alles“ – zumindest sind sie eine verlässliche Größe im Lizenzgeschäft des deutschsprachigen Bilderbuchmarkts. Einige Verlage setzen inzwischen aber auch auf Eigenproduktionen mit Illustratorinnen aus Deutschland

Hasen, die sich umbringen wollen, Reinhold Messner auf dem Weg zum Mount Everest, ein Kaiser, der nicht mehr traurig sein möchte, die Entdeckungen des Insektenforschers Jean Henri Fabre, Damokles und sein Schwert. Das sind einige der Szenarien, die koreanische Verlagslektoren in den vergangenen zwei Jahren von deutschen Illustratorinnen gestaltet sehen wollten.

Dafür suchten sie u.a. aus: Katharina Bußhoff, Miriam Elze, Anne Möller, Constanze Spengler und Iris Wolfermann. Bei der Mehrheit führte die Arbeit von FILU (s. unten) zur ersten Kontaktaufnahme.

Illustration: Miriam Elze

„Eines Tages erhielt ich eine E-Mail von Baramedia, ob ich Lust hätte, mit ihnen zu arbeiten“, erzählt Miriam Elze, Illustratorin in der Hamburger Ateliergemeinschaft Amaldi. „Der erste Kontakt, aber auch die gesamte Kommunikation lief auf Englisch und über E-Mail. Es war sehr ungewöhnlich, alles schriftlich festzuhalten, aber auch äußerst praktisch. Über Nacht kam immer direkt die Antwort.“

Baramedia plante eine Reihe mit Fabeln und Legenden – und schlug Miriam Elze mehrere Geschichten vor, aus denen sie sich eine aussuchte: „Hares in Despair“ („Verzweifelte Hasen“). Die Story: Eine Gruppe von Hasen wird sich immer mehr der Gefahren bewusst, von denen sie umgeben sind. Bei jedem Verlust werden sie ängstlicher und depressiver, bis sie schließlich beschließen, ihrem Leben gemeinsam ein Ende zu machen.

Doch bevor sie den Entschluss verwirklichen, springt entsetzt eine Schar von ängstlichen Fröschen auf. Die Hasen begreifen, dass es Tiere gibt, die noch ängstlicher sind als sie und leben mit diesem Wissen glücklich weiter.

Das Thema Selbstmord im Bilderbuch – schwer vorstellbar für den europäischen Bilderbuchmarkt. „Zunächst wusste ich auch gar nicht, ob ich die ganze Geschichte parodieren sollte“, erzählt Miriam Elze, „die Hasen in menschliche Kleidung stecken sollte, oder, oder, oder…“ Der Verlag jedoch ließ der Illustratorin, mit der er nie zuvor zusammengearbeitet hatte, alle erdenklichen Freiheiten bei der Gestaltung und der Wahl der Technik. Miriam Elze entschied sich für Malerei statt Collage, „nicht zuletzt, weil ich es wichtig fand, den verschiedenen Stimmungen durch malerische Bilder Ausdruck zu verleihen“.

Ihr erstes Storyboard wurde bis auf wenige Änderungen sofort akzeptiert, sie arbeitete die Bilder aus und schickte sie als jpgs an den Verlag. „Und als das ok kam, gingen die Bilder auf die Reise nach Korea.“ Zwei Tage später waren sie per Kurier angekommen.

Illustration: Constanze Spengler

Ein interessanter Zufall: Auch Constanze Spengler, die wie Miriam Elze im Atelier Amaldi arbeitet, erhielt eine E-Mail von Baramedia. Diesmal hatte der koreanischeVerlag allerdings schon eine Geschichte ausgesucht. Constanze Spengler sollte „Damokles und das Schwert“ illustrieren – „ein Text, den ich für mich selbst sicher nicht ausgesucht hätte!“ Denn mit der Antike hatte sich Constanze Spengler nie zuvor beschäftigt. „Und außerdem war ich neugierig auf die Zusammenarbeit mit einem Verlag auf der anderen Seite der Erde.“

Auch Constanze Spengler wurde viel Freiheit bei der Umsetzung zugestanden. „Der Verlag
hat mich ermuntert, für das Storyboard auch Texte umzustellen oder zu kürzen, wenn ich fände, etwas ließe sich besser nur mit Bildern erzählen“, berichtet sie. „Ich habe dazu Vorschläge gemacht und auch von Seiten des Verlags kamen noch Ideen und Änderungswünsche zu einzelnen Bildern“, berichtet Constanze Spengler.

Die Zusammenarbeit mit der Lektorin sei sehr angenehm und produktiv gewesen, und nachdem die Storyboard-Phase abgeschlossen gewesen sei, habe es auch keine Änderungen mehr an den Reinzeichnungen gegeben.

Eine dritte Illustratorin aus Hamburg wurde von Baramedia angefragt: Katharina Bußhoff vermutet, dass der Verlag durch ihre Bilder in der Illustratorenschau auf der Kinderbuchmesse in Bologna aufmerksam geworden war. Die Bilder sind in diesem Herbst bei Sauerländer zum Bilderbuch „Josette und ihr Papa“ geworden.

Katharina Bußhoff und ihre Bilder für Baramedia

Katharina Bußhoff arbeitet zwar nicht im Atelier Amaldi, hat aber wie Miriam Elze und Constanze Spengler in Hamburg Illustration studiert. Und glaubt, auch wenn der Stil der Kolleginnen sehr unterschiedlich sei, dass sich doch eine Gemeinsamkeit in den Grundlagen erkennen lasse. Ihr wurde die Geschichte „The Emperor and the Shirt“ („Der Kaiser und das Hemd“) angeboten.

Die Story: Der Kaiser ist traurig, und niemand vermag ihn davon zu heilen. Ein weiser Mann rät: Der Kaiser müsse das Hemd eines glücklichen Mannes tragen. Agenten schwärmen aus und belauschen eines Abends einen Mann, der sagt: „Ich habe schwer gearbeitet, ein gutes Abendessen gegessen und nun bin ich müde. Ich bin der glücklichste Mann der Welt.“

Die Agenten wollen dem Glücklichen sein Hemd abkaufen. Doch als dieser am nächsten Morgen vor die Hütte tritt, stellt sich heraus, dass er gar kein Hemd besitzt. Katharina Bußhoff schickte nach ersten Absprachen Skizzen per E-Mail an den Verlag – „die Reaktionen kamen immer prompt, waren höflich und motivierend“. Manchmal habe sie sich sogar mehr Kritik gewünscht.

Wie ihre Kolleginnen betont sie, dass die Abwicklung des Projekts – inklusive der Finanzen – sehr professionell und fair gelaufen sei. Die Buchreihe mit insgesamt rund 60 Titeln, illustriert von unterschiedlichsten Künstlern weltweit, soll zur Buchmesse erscheinen.

Anne Möllers Fabre-Buch bei Hansol

Bereits im Frühjahr letzten Jahres hat der koreanische Verlag Hansol eine Reihe mit Büchern zu Helden aus aller Welt publiziert. Anne Möller, in diesem Jahr mit dem Atlantis-Titel „Nester bauen, Höhlen knabbern“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, fand eines Tages eine E-Mail in ihrem Postfach, in der sie für das Projekt angefragt wurde. Alle wesentlichen Informationen – eine Beschreibung der Arbeit, der Umfang der gewünschten Illustrationen, Abgabetermin und Honorierung – waren bereits enthalten.

Eine ähnliche E-Mail erhielt auch Iris Wolfermann, die im Atelier petit4 in Berlin arbeitet. Anne Möller illustrierte das Leben des Jean Henri Fabre, Iris Wolfermanns Held wurde Reinhold Messner.

Im Gegensatz zu ihren Hamburger Kolleginnen hatten Anne Möller und Iris Wolfermann eine Ansprechpartnerin in Deutschland: Hansol hatte eine Koreanerin, die in Bochum studierte, als Vermittlerin beauftragt. Sie besuchte die Illustratorinnen, besprach mit ihnen offene Fragen zum Vertrag und hatte beim ersten Gespräch auch schon ein Storyboard für die 30 Seiten im A4-Format dabei. Es zeigte das Text-Bild-Verhältnis und gab auch einen ersten Eindruck, wie groß die Figuren sein sollten.

Iris Wolfermanns Messner-Buch bei Hansol

„Mit dem Bergsteigen hatte ich vorher nichts zu tun“, erzählt Iris Wolfermann, „aber mich interessieren Biographien“. Sie sah sich Filme im Fernsehen an – damals lief gerade viel zum 50. Jubiläum der Mount Everest-Erstbesteigung – und besorgte sich Bücher von Bergsteigern. Erste Bleistiftskizzen schickte sie per Mail an den Verlag, dann kam eine Liste mit Änderungswünschen, die sie umsetzte. Davon waren bald darauf schon einige Bilder freigegeben, so dass sie diese bereits in Farbe umsetzen konnte.

Anne Möller hat inzwischen für einen weiteren Verlag in Korea gearbeitet – bei Kyowon erscheint im Herbst das von ihr illustrierte Buch über Roald Amundsen in einer Reihe über bedeutende historische Persönlichkeiten und Entdecker. Mit der Qualität der bisher von ihr in Korea erschienenen Titel – darunter auch zwei Lizenzausgaben ihrer in der Schweiz publizierten Bücher – ist sie sehr zufrieden.

„Faszinierend finde ich, in welch anderen Dimensionen die Koreaner denken“, so Anne Möller. „Da werden gleich ganze Buchreihen im Paket auf den Markt gebracht.“ Und spannend sei außerdem, dass die Koreaner innerhalb dieser Reihen so unterschiedliche und teilweise ziemlich ungewöhnliche Illustrationsstile kombinierten.

Wer also in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse beim Gastland Korea auf Entdeckungsreise geht, wird auch einige vertraute Striche wieder entdecken. Was das Ganze umso spannender macht.

Susanna Wengeler

Enter Korea

Korea ist in diesem Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Der erste Teil einer Ausstellung im Forum Ebene 1 widmet
sich der Vergangenheit der koreanischen Schriftkultur und zeichnet die Buchkultur des Landes nach. Der zweite Teil präsentiert die Gegenwart der literarischen Kultur. Hier können Besucher den wichtigsten koreanischen Autoren und Büchern, die im In- und Ausland verlegt wurden, begegnen.

Eine Agora soll zur Begegnungsstätte werden, eine Schnitzeljagd am Messesamstag auf dem Frankfurter Messegelände bildet den Höhepunkt des Kinder- und Jugendprogramms der Gastlandpräsentation.

Informationen auch unter: www.buchmesse.de

FILU

Das Archiv für Zeichner und Fotografen in Berlin präsentiert die Arbeiten von über 500 Künstlern u.a. auf den Buchmessen in Frankfurt, Leipzig, Bologna und Paris, auf Wanderausstellungen in Hamburg und München sowie digital auf CD-Rom und im Internet.

Die Präsentation von sechs Arbeitsproben im FILU-Archiv in Berlin und auf den Messen kostet 115 Euro, ermäßigt 57,50 Euro. Wer im FILU-Digital-Paket mit 18 Arbeitsproben mit dabei sein möchte, zahlt zusätzlich 61 Euro pro Jahr.

Und wer bei FILU nach Illustratoren suchen möchte, der kann neben den Messen auch das Digital-Paket nutzen: Es enthält das Archiv auf CD-Rom und ermöglicht gleichzeitig den uneingeschränkten Internetzugang – zum Preis von 20 Euro.

Kontakt: www.filu-archiv.de

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