Home > News > Zwei Briefe und ein Lesetipp: Ist ein führungsloser Verband wirklich die bessere Option?

Zwei Briefe und ein Lesetipp: Ist ein führungsloser Verband wirklich die bessere Option?

Heute beschäftigt sich auch Hannes Hintermeier in der FAZ mit der Frage: „Soll Dieter Schormann zurücktreten?“ – eine Frage, an der der Verband am Scheideweg steht, an der er zerbrechen kann.

Hintermeier greift dabei die Stimmen auf, die in diesen Tagen hier an dieser Stelle zu lesen waren [mehr…], da der Börsenverein selbst dazu keine Position beziehen mochte oder konnte, zitiert aber einen Brief von Georg Siebeck (Mohr Siebeck), der hier noch nicht zu lesen war.

Der fordert Dieter Schormann auf, „schnellstens“ von seinem Amt zurückzutreten, „bevor das Amt des Vorstehers, der Börsenverein und der ganze Berufsstand beschädigt werden“.

Ein Antwortbrief von Mathias Ulmer, der genau das verhindern möchte, wird dort allerdings noch nicht nicht zitiert. Er liegt uns inzwischen vor – und ist sicher wichtig zur weiteren Klärung. Wir veröffentlichen deswegen hier die beiden Briefe, damit die Diskussion in möglichst sachliche Bahnen gelenkt wird.

Unsere Meinung jetzt: Die Diskussion um Pro und Contra sollte ohne Zeitdruck nach der Messe geführt werden. Denn: Die einzige Möglichkeit einer Er-Klärung von ihm oder seiner Kollegen im Vorstand gäbe es bestenfalls nur noch am kommenden Montag, wenn der Vorstand tagt. Kein guter Termin, das weiß auch Hintermeier:

Die FAZ: „Das ist auch der Tag, an dem der Deutsche Buchpreis zum ersten Mal vergeben wird; und es ist der Tag, bevor die Buchmesse und damit die wichtigste Arbeitswoche für den Vorsteher beginnt. “

Hier die beiden Briefe

Sehr geehrter Herr Schormann!

Wenn es denn stimmt, daß Sie noch vor der Eröffnung einer Thalia-Filiale in Gießen das Handtuch werfen und Ihre Buchhandlung schließen, und wenn es denn stimmt, daß Sie nun selbst bei eben dieser Thalia-Filiale als Marketing-Mann Anstellung gefunden haben, dann mag das für Sie und einen großen Teil Ihrer Angestellten eine schwere, mutige, und letztlich auch die beste Entscheidung gewesen sein.

Aber was ist das für ein Signal, wenn Sie sich da noch hinstellen und für den ganzen Buchhandel sprechen, so als sei nichts geschehen?

Die Buchhändler, die Sie als einen der ihren gewählt haben, können doch in Ihnen nicht mehr den sehen, der ihnen bei ihrem täglichen Überlebenskampf Mut macht. Die Verleger, die Sie zu großen Teilen schon garnicht gewählt haben, fühlen sich von Ihnen als dem Angestellten einer bedrohlich wachsenden Handelsmacht nun erst recht nicht angemessen repräsentiert.

Daraus, daß der Börsenverein über all das schweigt, entnehme ich eine große Ratlosigkeit. So, wie ich die dortigen Entscheidungsstrukturen einschätze, wartet wohl alles darauf, daß Sie die entstandene Peinlichkeit überwinden. Ich lege ihnen daher nahe (und damit bin sicher nicht der einzige), vom Amt des Börsenvereins-Vorstehers zurückzutreten, und zwar schnellstens, bevor das Amt des Vorstehers, der Börsenverein und der ganze Berufsstand beschädigt wird.

Sie (und vielleicht nur Sie) können darauf dringen, daß der Verein in den nächsten Tagen einen unbeschädigten und sei es nur kommissarischen Vorsteher bekommt, der auf der Messe unsere Gäste aus aller Welt empfängt. Bitte tun Sie dem Deutschen Buchhandel diesen Gefallen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. h.c. Georg Siebeck, Verleger

Lieber Herr Siebeck,
ich zittere bei dem Gedanken, dass Herr Schormann tun könnte, was Sie von ihm fordern.

Dass er zurück tritt und dass sein Stellvertreter, Herr Honnefelder, das gleich mit tun muss, da er unter den gleichen Druck kommen wird, wie er jetzt auf Herrn Schormann lastet.

Und dass Herr Conrad in dieser Situation taktvoller Weise auch nicht mehr bis zum Ende der Amtszeit zur Verfügung stehen wird. Und dann haben wir keine Nachrücker und Herrn Michaletz als Vorsteher, der mit den Herren Ludwig, Bach und Braun-Elwert die Geschicke der Branche, den Friedenspreis, die Eröffnung usw. so auf die Schnelle innerhalb etwa fünf Tagen in Angriff nehmen soll.

Nein, ich bin absolut gegenteiliger Meinung als Sie: beschädigt wird Vorsteher, Amt und Verein im Moment von den Mitgliedern, die Herrn Schormann aus zwei Gründen demontieren: Weil er ein Angestellter sein wird und kein Eigentümer. Und weil er bei Thalia arbeitet und nicht in einer kleineren Buchhandlung. Beide Argumentationen finde ich im Hinblick auf die Zukunft des Verbandes sehr problematisch.

Der Eigentümer als Verleger oder Sortimenter wird in Zukunft immer seltener sein. Bei der Arbeitergruppe Verbandsreform war es ein wichtiges Thema, das Amt für die Zukunft so zu definieren, dass Angestellte es ausfüllen können. Um die besten Leute der Branche einbinden zu können, müssen wir die wichtigsten Ämter im Verband so auslegen, dass sie das mit ihrem Status als Angestellte vereinbaren können. Die Diskussion jetzt fällt weit hinter diese Forderungen zurück.

Um eine Einbindung der wichtigsten Akteure der Branche zu gewährleisten bemüht man sich schon immer, die großen Häuser wie Bertelsmann, Holtzbrinck, Hugendubel, Weltbild usw. in den Gremien präsent zu halten. Dabei ist Thalia selbstverständlich eine der wichtigsten Adressen. Was geben wir an diese Häuser für ein Signal, wenn ein Vorsteher sein Amt aufgeben soll, bloß weil er Teil dieser Gruppe wird?

Die Sensibilität der kleineren Sortimente kann ich nachvollziehen, die Herrn Schormann als Ihren Vertreter gewählt haben und jetzt enttäuscht sind. Ich finde das verständlich, auch wenn ich es nicht vernünftig finde. Schließlich kann man in der bisherigen Amtszeit wohl kaum nachweisen, dass Herr Schormann sich ausdrücklich für oder gegen kleine oder große Buchhandlungen eingesetzt hat. Ich kann entsprechend überhaupt nicht nachvollziehen, warum er sich plötzlich nur für die Gruppe Thalia einsetzen sollte. Für eine solche Annahme hat er persönlich nie Anlass gegeben und ich fände es dann fair, dass man ihm in diesem Punkt auch weiterhin vertraut.

Neben den genannten Gründen sollten wir auch einen ganz trockenen Punkt nicht vergessen:

wenn wir Herrn Schormann zum Rücktritt treiben, wer springt für ihn ein? Wer von uns meldet sich freiwillig, um das Amt zu übernehmen? Wer stellt sich im Frühjahr zur Wahl? Ist ein führungsloser Verband wirklich die bessere Option?

Ich bin der Meinung, dass wir dem Verband und dem Vorstand jetzt den Rücken stärken müssen. So können wir Schaden von der Branche abwenden.

Herzlichst
Ihr Matthias Ulmer (es gibt auf diesen Brief eine Antwort v. 11.10.05: [mehr…] )

Red. Anmerkung zum Verständnis: Dr. Markus Conrad wechselt im kommenden Jahr von Libri zu Tchibo [mehr…]; Dr. Gottfried Honnefelder wird im nächsten Jahr als geschäftsführender Gesellschafter beim DuMont Buchverlag ausscheiden [mehr…]

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige