O-Ton aus dem Publikum des prächtig gefüllten Haus der Berliner Festspiele beim „internationalen literaturfestival berlin“: „Ich möchte so gerne den Klaus Wagenbach nochmal glucksen hören“, so die vergnügte Zuhörerin aus der fünften Reihe in der „Halbzeit“ des Blauen Sofas. Wagenbach, wie immer rot-besockt, tat ihr den Gefallen und gluckste weiter, was Repertoire und Rotwein-Glas hergaben – mitunter wie im Selbstgespräch: Guerrilla-Verlegerei und Konzern-bashing „Bertelsmann!“; Kafka und Marcel Reich-Ranicki „Hätte der den entdeckt?“; gute Buchhandlungen, wo Literatur noch „gefunden“ wird und schlechte Buchhandlungen im Internet „Amazon!“, wo Literatur „gesucht“ werden muss; Schweden ohne Preisbindung „Geistige Ödnis!“ und Deutschland mit Preisbindung „Kultur!“ „Das muss so bleiben! Unter jeder Regierung“.
Dr. Ewald Walgenbach, Direct Group-Chef und Mitglied im Vorstand der Bertelsmann AG, hatte den Abend überzeugend eröffnet: Clubs fördern Lesekultur weltweit (!), 35 Millionen Mitglieder (!!), enormes Wachstum bei jungen Lesern in China (!!!), Ferdinand Lassalle (!!!!), Dank an die Partner und insbesondere an die „Berliner Festspiele“(!!!!!).
Es folgten zwei Talkrunden, wobei Runde zwei erst gegen 23 Uhr zu Ende war. Thema beider Runden: „Neues Deutschland? Steht die Kultur zur Wahl?“. Moderatoren? Wolfgang Herles von ZDF Aspekte für Runde 1 (Peter Schneider, Susan Neiman, Rüdiger Safranski, Christoph Stölzl) und Jörg Lau von der Zeit für Runde 2 (Paul Nolte, Michael Kumpfmüller, Tilman Spengler, Klaus Wagenbach).
Eine Anmerkung zu Herles vorweg, dessen beharrliche Aufbauarbeit beim Blauen Sofa (zu erwähnen unbedingt aber auch Christiane Munsberg von der Direct Group und Gerald Gieseke vom ZDF), mit dem jetzt erfolgten ersten Auftritt des Blauen Sofas („das ist doch eine Marke!“) in Berlin eine weitere Aufwertung erfuhr: Der Aspekte-Macher und Buchautor hat sich in Deutschland, gleichsam als klassischer multilateral broker, auch in Sachen Literaturförderung und Leseförderung längst endgültig etabliert.
Die Gesprächsrunden nun selbst? In Runde 1: Neiman (will, dass Rotgrün weiter macht) gegen Safranski (klang wie Di Fabio, aber noch philosophischer) und Stölzl (hat keine Angst vorm Wechsel); Peter Schneider in eigener Liga.
In Runde 2: Nolte (sieht als Historiker Immigrantenkinder durch fehlende Integration in unsere Gesellschaft „aufs falsche Gleis gestellt“!) gegen Spengler (tja… sehr eloquent, der Mann, nicht unübel) und Wagenbach (siehe oben), Kumpfmüller (verrechnete sich bei der Kirchhof-Abrechnung, empörte Korrekturen aus dem Publikum) in der Quali. – Zum Schluss gab’s Wein und Leckereien für alle, gesponsert von …. wir wissen es nicht. Gegessen und getrunken haben jedenfalls alle. Da capo, Club, ZDF und Zeit!
K. B