
Ein ganz normales Büro im Erdgeschoss. Und doch ist es an diesem Tag der Augapfel des Unternehmens, genauer gesagt: der Verlagsgruppe Hüthig Jehle Rehm.
Mitarbeiter kommen und gehen im Minutentakt. Bemerkenswert: Denn wer lässt sich schon gerne von einem Fremden tief in die Augen schauen? Auch wenn er einen so schönen Namen hat wie Luigi Toscano. Der gelernte Mediengestalter, in Mainz geborener Sohn italienischer Gastarbeiter, heißt wirklich so. Mit sanfter Ruhe nimmt der 33jährige Fotograf seinen Besuchern jede Kamerascheu. Und so blicken die Amateur-Models aus kürzester Distanz mehr oder weniger entschlossen in das auf Augenhöhe justierte Objektiv des „Eyecatchers“ aus Mannheim.
Über 100 Angestellte, mehr als die Hälfte der Heidelberger Belegschaft, haben sich an dieser ungewöhnlichen Fotosession beteiligt. Die Ergebnisse sind neuerdings auf drei Stockwerken in den Fluren des Verlagsgebäudes zu begutachten. Bei der Eröffnung der Fotoausstellung bilden sich neugierige Grüppchen vor den Augenbildern.
Es begann im Frühsommer 2001. Kunstfan Clemens Köhler, heutiger Geschäftsführer der Verlagsgruppe Hüthig Jehle Rehm, hatte eine zündende Idee. Was haben die Kunst und das Verlagswesen miteinander gemeinsam? Beide leben von der Kommunikation, vom medialen Ausdruck. Warum also nicht Kunst und Verlag unter einen Hut bzw. unter ein Dach bringen? Und kein Geringerer als Pablo Picasso hat schließlich gesagt: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Warum nicht auch den Staub des stressigen Büroalltags? Die Intention: Ambitionierten Künstlern aus der Region ein Forum jenseits von Galerien, inmitten des Arbeitsalltags zu bieten.
Die Reihe „Kunst im Verlag“ präsentierte zum Beispiel Zeichnungen des Karlsruher Künstlers Helmut Stowasser. Sie wurde fortgesetzt mit Stahlskulpturen und provokativen Collagen wie „Original und Fälschung “ des in Heidelberg geborenen Künstlers Andreas Helmling. Seit Februar 2005 waren Werke der Gruppe „achroma“ mit dem Künstler-Trio Uwe Jonas (Objekte), Helmut Kirchlechner (Zeichnungen) und Leena van der Maade (Malerei) zu sehen. Zu dieser Ausstellung, die auch beim Süddeutschen Verlag in München gastierte, ist ein beachtlicher Katalog erschienen.
Nun also die erste von der Mitarbeiter-Gruppe „Kunstanstifter“ veranstaltete Vernissage: Die Fotoausstellung „72 Stunden Trilogie“ mit ungewöhnlichen Städteporträts des Autodidakten Luigi Toscano. Im gut gefüllten großen Konferenzraum des Verlages begrüßt Kunstanstifter und Lektor Joachim Kraft die Vernissage-Gäste, stellt den Künstler und die Initiatoren vor. Mit ihrer Eigen-Iniitiative wollen er und seine Mit-Anstifter Susanne Culjak, Niklas Thierfelder und Dariush Aalam im Kollegenkreis „die Lust auf Kunst und Kreativität wecken“. Die Einladung und das Ausstellungsplakat hat Marketingmitarbeiter Martin Heike ebenso professionell wie originell gestaltet. Für die Information der Presse hat Annette Schönfeldt gesorgt.
Mit einer unter die Haut gehenden Performance stimmt Luigi Toscano auf die Augenbilder und seine Ausstellung „72 Stunden“ ein. In raffiniertem Wechsel, mit mal schnellen, mal langsamen Schnitten zieht zunächst die Augenbilder-, dann die Fotoschau im suggestiven Gleichtakt mit der von Tobias Pender aufgelegten Musik (u. a. von Tom Keller) das Verlagspublikum in ihren Bann. Drei Tage und vor allem Nächte streifte Luigi Toscano wie ein Jäger der vergessenen Winkel mit der Kamera durch den Ort seiner Jugendliebe Prag (2003), New York (2004) und seine Wahlheimat Mannheim (2004) Sein Ziel: innerhalb von 72 Stunden die unbekannten, geheimnisvollen, auch dunklen Seiten dieser Städte einzufangen.
In der Tat haben selbst Kenner „ihr“ Mannheim so noch nicht gesehen. Zum Beispiel der Fahrlachtunnel, aufgenommen mitten auf der Fahrbahn aus der Asphaltperspektive. Um Punkt 00.17 Uhr. Die eingeblendeten Uhrzeiten geben den Bildern den Titel. Eine Rolltreppe im Bahnhof. Drei Hells Angels, mit ihren Lederrücken zur Kamera, am Eingang des Rotlichtbezirks Lupinenstraße. Menschenleere Plätze, Brücken, Gebäude, Kneipen, Furchen im Gesicht einer der Stadt. Im Herbst reist Toscano für „72 Stunden Peking“ nach China: Aus den Fotos dieser vier Städteporträts möchte der vielseitige Autodidakt einen Bildband gestalten.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ließen sich jedenfalls von dieser interaktiven Vernissage „anstiften“. Und da die Kunst – so Jean Paul – nicht das Brot, wohl aber der Wein des Lebens ist, gab es ganz im Geiste dieser Definition einen von HJR-Geschäftsführer Clemens Köhler ausgewählten feinen französische Tropfen und frische Brezeln. Noch etwa zwei Monate sind bei der Verlagsgruppe in Heidelberg-Handschuhsheim die Städte Prag, New York und Mannheim zu Gast: in überraschenden, ausdrucksstarken Fotoporträts. Kontakt: kunstanstifter@hjr-verlag.de.
JW