Ca. 20 US-Dollar kostet es Google ein Buch zu digitalisieren, ca. 5000 Bücher pro Tag soll die eigens dafür gebaute Buch-Scan-Strasse von Google wegarbeiten. Was bedeutet, dass täglich 100 000 US-Dollar für Google Print ausgegeben werden und, bei gut 1,1 Millionen digitalisierten Büchern, die ersten 22 Millionen US-Dollar bereits verscant sind. Bei 300 amerikanischen Arbeitstagen im Jahr fliessen demnach 300 Millionen US-Dollar über die Uhr und 1,5 Millionen digitalisierte Bücher in Google Print ein. Ob hier die Kosten für die Umsetzung der Inhalte bzw. Stichwörter in den speziellen Google Suchalogrithmus bereits enthalten sind, weiss niemand so genau. Zu glauben, Google schrecke diese Investionen ist weit gefehlt. Das erste Quartal 2005 schloss der Börsenneuling, dessen Aktie gerade sich gerade auf einem Jahreshoch bewegt, mit einem Umsatz von 1,256 Milliarden US-Dollar ab. Der Gewinn betrug 369 Millionen US-Dollar und die liquiden Mittel beliefen sich auf sage und schreibe 2,5 Milliarden US-Dollar http://www.heise.de/newsticker/meldung/58854.
Anbetrachts dieser Zahlen, mutet die gutmeinte Ankündigung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels http://www.boersenverein.de eine unabhängige Plattform für die Volltextsuche in Büchern im Web zu installieren, recht abwegig an. Davon abgesehen, und das ist der springende Punkt, es fehlt zuerst einmal genau an den Dingen, die Matthias Ulmer, Mitglied im Vorstand des Verlegerausschusses des Börsenvereins für die Branche reklamiert: „Wir haben das Potenzial, die Erfahrungen und das technische Know-how für eine solche Lösung…“. Das Potenzial, die Bücher, die Autoren, sehr wohl. Doch das technische Know-how und besonders die Erfahrungen haben bis heute nicht ausgereicht, eine einfache, neutrale Plattform für Bücher, Verlage, Autoren und Buchbegeisterte im Web zu etablieren, die an das Quasi-Monopol des Quasi-Barsortiments Amazon heranreichen würde.
Tatsache ist: Bisher ist es nicht gelungen, und hier geht es nicht darum, Amazon Konkurrenz zu machen, eine neutrale Plattform im Web zu schaffen, die die Inhalte der Bücher vernüftig präsentiert und die Autoren – was für ein verschenktes Potenzial angesichts der vielen Autoren und ihrer Weblogs – sinnvoll mit einwebt und ihnen ein angemessenes Forum bietet. Nur so wird es aber gelingen, der gesamten publizierenden Branche (vom Urheber bis zum Antiquariat) innerhalb des Webs eine Stimme und damit Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wieso sollte es also plötzlich möglich sein, eine Buch-Volltext-Suchmaschine im Web zu installieren, die nicht nur technologisch komplexer, organisatorisch komplizierter und von den Investionen her weit aufwändiger ist, als eine Plattform für Bücher?
„Weil wir uns nur um die sinnvolle Vernetzung dessen kümmern werden, was bei den Verlagen bereits vorhanden ist“, argumentiert Matthias Ulmer. „Wir werden die Datenformate zusammen festlegen und dann die Infrastruktur bauen, die nötig ist, für eine gemeinsame Volltext-Suchmaschine.“ Das klingt einfach und machbar und ist doch für jeden, der ein klein wenig im Internet unterwegs ist, um es vorsichtig zu sagen, bar jeder Realität. Was uns wirklich jeden Tag im Internet blüht, wenn man eine einigermaßen frequentierte Website betreibt, hat John Walker, der Gründer von Autodesk und ein Urgesteine des Internet in seiner Geschichte Der Internetslum http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19708/1.html genau beschrieben und wird von jedem Systemadministrator oder Webmaster bestätigt. Und seien Sie versichert: Der Mann kennt sich nicht nur aus, er übertreibt noch nicht mal.
Grobe Schätzungen für eine solche erste Web-Buch-Plattform, wie sie letztes Jahr bei einem Treffen verschiedener Verlage in der Schweiz und in Deutschland diskutiert wurde, gehen von ca. 1,2 – 1,8 Millionen Euro für die ersten beide Jahre aus. Damit wäre ein erster, wichtiger Schritt getan, der genug Spielraum für Erfahrungen zuließ, die vielleicht irgendwann einmal auch in eine Volltext-Buch-Suchmaschine münden könnten. Die eierlegende Wollmilchsau, die sich darauf beschränkt, infrastrukturelle Massnahmen durchzuführen, gibt es, das dürften inzwischen alle mitbekommen haben, gerade im Internet nicht. Was zählt ist kontinuierliche, beharrliche Arbeit, abseits des Hypes, die Identität und damit Aufmerksamkeit und Mehrwert schafft. Siehe Amazon, E-Bay, Firefox, Google, MNS, Spiegel Online, Wikipedia, Yahoo….
Auch in der Buchbranche ist schon einiges an wichtiger Web-Arbeit geleistet worden. Das bereits genannte Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher – ZVAB gehört ebenso dazu, wie die Website der Frankfurter Buchmesse http://www.buchmesse.de. Seit Jahren wird hier, in teilweise mühseliger Kleinstarbeit, das Verlags- und Übersetzerverzeichnis sowie das Who’s Who der Branche gepflegt. Oft genug ist die Buchmessen-Website nicht nur die einzige Quelle, die überhaupt Daten und Infos liefern kann, sondern auch noch aktuelle und verlässliche. Auch diese Entwicklung hat Jahre gedauert und war, wie die Leiterin des eServices-Bereiches der Buchmesse, Marife
Boix-Garcia bestätigt „knochenharte Arbeit“.
Wenn es, wie Matthias Ulmer sagt, um die Zukunft des (digitalen) Publizierens geht, dann sollten wir uns erst mal an die letzten 10 Web-Jahre erinnern. Hier gab es Top’s und Flop’s: Stephen King scheiterte mit seinem Versuch Käufer für einen Fortsetzungsroman im Web zu gewinnen; der Weblogger und E-Textliebhaber Cory Doctorow http://www.craphound.com stellte sein Buch Down and Out in the Magic Kingdom in 22 unterschiedlichen Textdateiformaten zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung, bekam über 150 000 Downloads und verkaufte sein physikalisches Buch prächtig; das vollmundig eingeführte BOL http://www.bol.de scheiterte ebenso wie die dicke Mucki-Strategie von Barnes & Nobles http://www.barnesandnoble.com; den Bücher-Pot gewann Amazon und mutierte zum Web-Warenhaus mit Gebraucht-Abteilung; Wikipedia http://wikipedia.org läuft Brockhaus http://www.brockaus.de, trotz vorliegender Strategieansätzen, den
Rang ab und Direct Media http://www.digitale-bibliothek.de weiß Wikipedias Erfolg in verkaufbare Produkte umzumünzen; der Versender Zweitausendeins http://www.zweitausendeins.de etabliert sich nicht nur vor sondern auch besser als Weltbild http://www.weltbild.de im Web usw. usf.
Der Beispiele wären da noch viele. Gemein haben sie alles eines: Alle erfolgreichen Web-Angebote oder -Umsetzungen begannen sehr einfach, wurden nach und nach komplexer oder vielfältiger, um sich dann zu verfächern bzw. aufzuteilen. Alle hatten Entwicklungs- und Lernzeiten von mehreren Jahren. Google, als einfach Suchmaschine gestartet, inzwischen mit zig Services versehen, von den Google-Blogs über die Community-Plattform Orkut http://www.orkut.com bis zu den Google-Maps, ist, genau wie Amazon USA http://www.amazon.com, mit inzwischen 31 Rubrik-Shops, Club-Mitgliedschaft und der eigenen Suchmaschine A9.com http://a9.com, in der sich auch speziell nach Büchern suchen lässt, das beste Beispiel dafür.
Also machen wir uns nichts vor: Ohne Google gäbe es doch heute kein Google Print. Die Google Jahre (gegründet 1998) haben wir allerdings, wenn wir mir dem naheliegenden und einfachen beginnen wollen, noch vor uns. Und wir sollten uns damit beeilen, sie endlich abzuarbeiten.
STEFAN BECHT stefan@stefanbecht.de
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Am Montag: Alle 3 Teile zusammengenommen.