„Als im Sommer 2003 Harry Potter and the Order of the Phoenix erschien, der fünfte Band der Serie um den weltberühmten Zauberlehrling aus Hogwarts, da schaffte er es als erstes englischsprachiges Buch überhaupt aus dem Stand an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten. Allein der Buch-Importeur Libri verkaufte in den ersten vierzehn Tagen sage und schreibe 250 000 Exemplare des Titels. Was man beim britischen Potter-Verlag Bloomsbury zur Kenntnis genommen hat. Denn wenn am 16. Juli 2005 „Harry Potter and the Half-Blood Prince“ erscheint, macht Bloomsbury das Geschäft in Deutschland ganz allein. Die Buch-Importeure bleiben diesmal außen vor. Harry Potter, Pionier“ kommentiert heute Wieland Freund in der WELT.
Pünktlich zum neuen Jahr hat der Berlin Verlag, mittlerweile eine hundertprozentige Bloomsbury-Tochter, den Direktvertrieb der Titel von Bloomsbury Publishing in Deutschland übernommen ( wie wir am 6.10.04 schon gemeldet hatten [mehr…]), und kann die Originalausgabe von „Harry Potter“ VI damit exklusiv in Deutschland vertreiben. Anders als im Fall des wenige Tage zuvor erscheinenden neuen Romans von John Irving, „Until I Find You“, nämlich, sind günstige Importe aus den USA für „Harry Potter“ vertraglich ausgeschlossen. Die Importeure knirschen freundlich mit den Zähnen. „Das läuft unter Wettbewerb“, erklärte Marga Winkler, bei Libri Geschäftsführerin im Bereich Einkauf, der WELT.
„Bloomsbury Publishing ist damit der erste Publikumsverlag, dessen englischsprachiges Programm hierzulande lieferbar ist wie jedes deutsche Buch. ‚Wir wollen‘, erklärt Berlin-Vertriebschef Uli Hörnemann, ‚bis Mitte des Jahres unser ehrgeiziges Ziel erreicht haben, etwa 1000 Bücher bereitzuhalten. Darunter alle lieferbaren Titel von T.C. Boyle und Margaret Atwood oder bekannte Kinderbücher von Celi Rees oder Louis Sachar.‘ Ziel sei es, ‚die Aufmerksamkeit für das gesamte Programm von Bloomsbury Publishing zu erhöhen. Allein für Harry Potter wäre der logistische Aufwand zu hoch.‘ Das wird in der Branche da und dort bezweifelt, aber doch ebenso als womöglich aufschlußreiches Experiment betrachtet. Schließlich steigen die Absatzzahlen original englischsprachiger Bücher kontinuierlich. So hat der Großfilialist Hugendubel [mehr…] vor einem Vierteljahr am Münchner Salvatorplatz einen English Bookstore eröffnet.“
„Insbesondere die beiden deutschen Verlagsriesen, die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe und das zu Bertelsmann gehörige Verlagsimperium Random House, dürften das Bloomsbury-Experiment also mit Interesse beobachten. Schließlich gehören zu Holtzbrinck neben dem Rowohlt oder dem S. Fischer Verlag auch die amerikanischen Verlage Farrar, Straus, Giroux oder Henry Holt, sind unter dem Dach von Random House Goldmann oder Heyne und Doubleday oder Alfred A. Knopf vereint. Mithin hätte Holtzbrinck das Geschäft mit 25 000 verkauften Exemplaren der Originalausgabe von Jonathan Franzens ‚Korrekturen‘ durchaus allein machen können. Und auch bei Random House hat es, nach Auskunft von Vertriebsleiterin Barbara Janßen, ‚immer wieder einmal‘ entsprechende Überlegungen gegeben. Aktuell jedoch, so Janßen, sei der Direktvertrieb ‚kein Thema‘. Ganz ähnlich äußert man sich bei Holtzbrinck.“
Die Gründe für diese Zurückhaltung – spekuliert die WELT – könnten in der Größe des Unterfangens liegen. „Schon für den verhältnismäßig kleinen und deshalb beweglichen Bloomsbury Verlag ist der Aufwand beträchtlich und würde ohne die Aussicht auf den nächsten ‚Harry Potter‘ wohl kaum lohnen. Zudem arbeitet ein Importeur wie Libri mit seinem ‚Just-the-best-Prinzip‘ hochgradig effektiv. Lagerhaltung, -kontrolle und der Informationsaufwand kämen die Verlagriesen insgesamt noch teurer als Teile des Gewinns an die Buch-Importeure abzutreten. Das allerdings könnte sich ändern, wenn der Trend zum globalen Bestseller anhält.“