
Wer Samstag seine Schäfchen noch nicht im Trockenen hatte, war selber Schuld. Am Wochenende darf nämlich die ganze Nichtbuchhandelsmischpoke rein. Ab Samstag sind die Gänge verstopft mit lauter Leuten, die keine Fachbesucher sind:
Schulklassen, Leseratten, Rentner. Erwerbstätige, Touristen, Studenten, Schönheitspfleger, Schnäppchenjäger. Gestalten in skurrilen Kostümen, über die ich morgen berichten werde.
Man kann Nichtfachbesucher am leichtesten daran erkennen, dass sie sich gleich zwei ZVAB-Tüten umhängen.
Und hier nur eines, liebe Fachnichtbesucher:
In den Gängen wird gelaufen, und zwar zügig.
Trödeln, staunen, orientieren, auf Mitlaufende warten, stehenbleiben, altern oder gar lesen BITTE NUR AM RAND!
Nur ein bisserl zur Seite, Danke.
Nur wegen der Wochenendbesucher trage ich extra einen leeren Samsonitekoffer mit mir herum, und der ist sehr hilfreich beim Menschentraubenteilen. Wahrscheinlich hatte Moses auch so einen, als er mit dem roten Meer zu tun hatte.
Zum Thema Bücherverkauf am Wochenende hat Rainer Just, Verlagsleitung Klett-Cotta, eine dezidierte Meinung: Kollegenrabatte und Preisnachlässe auf der Messe vermitteln den Unfachgästen ein falsches Bild von der Preisbindung.
Wer Bücher kaufen will, soll in die Buchhandlung gehen, und da muss ich als Sortimenter zugegebenermaßen sofort „Jawohl“ schreien, Recht hat der Mann.
Dass er mir diese ganze Predigt hielt, weil ich eigentlich ein gestempeltes Leseexemplar erschnorren wollte, verschweige ich Ihnen lieber.
Nicht verschweigen hingegen werde ich, dass ZDF-Moderator und Redaktionsleiter Dr. Wolfgang Herles eine ganz schlechte Haltung hat. Im Gespräch mit Peter Sloterdijk saß er da wie Erich Böhme, und sie wissen ja, wie der immer dasitzt.
Ich habe versucht, das zu fotografieren, aber die beschriebene Haltung war nicht linsenträchtig und wird von der Sessellehne gut verschluckt.

Wollte frische Luft schnappen. Sah das Signierzelt. Ging hinein. Drinnen saß: Werner Tiki Küstenmacher und signierte Simplify your life. Ich finde angemessen, einen Autoren dieses Mottos auf Plastikklappstühlen unterzubringen in einem Zelt, das nach Zelt riecht.

Apropos Leben erleichtern – wussten Sie, dass es im Foyer von Halle 4.1 einen Messeshop (und einen Geldautomaten) gibt? Ich hätte ja gerne früher darauf hingewiesen, aber Sie haben ja mitbekommen, was so die Tage los war.
Der Messeshop prahlt damit, dass er alles anbieten könne, was man auf der Messe braucht. Ich betrat ihn mit dem festen Vorsatz, etwas zu finden, das man auf der Messe NICHT braucht. Bei Wäscheleine und Blumenpotpourris musste ich lange nachdenken, aber das kann man sich ja im Dekobereich leicht vorstellen.
Nein – der messeunnötigste Artikel im Messeshop war meiner Meinung nach eine Dose Cockpitpflegespray. (Bis ich über eine der schwarzen Messelimousinen gestolpert bin, in denen sich die Chauffeure zusammenrollten und Schlaf suchten.)
Ach, wäre doch immer Messe. Jetzt, wo sie fast vorbei ist, habe ich mich fast an sie gewöhnt. Kenne meine Wege, Ziele und Shuttlefahrer. Wohne beinahe schon auf dem Gelände. Da könnte Spielberg doch einen Film draus machen!
Günther Grass sieht das sicher genauso. Ich habe ihn heute bei Steidl fotografiert, wo er sein eigenes Plakat verdeckte. Seltsamerweise traf ich ihn nur eine Minute später bei arte, wo er gleichzeitig Gedichte vortrug, Bücher signierte, Pfeife trank und Wein rauchte.
Sagenhaft. Die Gabe der Bilokation hatte ich bisher nur beim heiligen Joseph und bei Karasek vermutet.


Kommen wir zum Showbusiness: Kabarettist und Multitalent Michael Quast war beim Frankfurter Stroemfeld / Roter Stern-Verlag anzutreffen, aber ich leider nicht. Ich habe es mir nur erzählen lassen.
Auch Christian Brückner, den Schauspieler, Synchronsprecher und Verleger (parlando) haben wir angeblich gesichtet, können es aber nur mit einem undeutlichen Foto belegen. Also so ähnlich wie beim Yeti, den er auch schon synchronisiert hat.

Die markante Stimme spricht alles, was nicht niet- und nagelfest ist, aber als Bobby DeNiro haben wir ihn am ehesten im Ohr.

Wussten Sie im übrigen, dass Jack Nicholson, Jean Reno, Robert Wagner und Dustin Hoffman sich eine Synchronstimme teilen?
Oder Terence Hill, Stallone, Schwarzenegger und John Cleese?
Belmondo und Tony Curtis?
Eastwood und Pacino?
Redford und Captain Picard?
So, nun eine Frage an Herrn Dr. Hans Dieter Beck vom Beck-Verlag: Was bitteschön ist denn die „Obergruppenleitung“, welcher Sie in Ihrer AWS-Rede Dank für die straffe Organisation ausgesprochen haben? Hmmm.
Irgendwie klingt Obergruppenleitung gar nicht nach Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Sortiments- und Fachbuchhandlungen.
Eine andere Frage an die Verlage Tropen, Liebeskind und andere von mir eigentlich geschätzte, die großherzig zur Messefeier im Frankfurter „Morgen“ einluden:
Einladen heißt doch, dass ich umsonst kommen darf und dann was zu trinken angeboten bekomme?
Oder heißt einladen eher, dass ich Eintritt bezahlen muss und Getränke bestellen darf? Ob mir die dunkle, laute Muffbude gefallen hat, steht ja gar nicht zur Debatte, aber das nächste mal bitte deutlicher sein.
So. Der vorletzte Messetag neigt sich seinem Ende zu. Verlage, die sich tagsüber seriös geben, stellen ab Dämmerung laute Populärmusik an.
Das Bibliographische Institut und Hoffmann & Campe hotten also ab, nachdem die Sonne untergeht. Interessant. Vielleicht solltet Ihr das lieber auf der voran erwähnten Bezahlfeier machen.
Auf den letzten Drücker versucht ein Verlagsmann bei Fouqué Hänsel-Hohenhausen, noch die letzten Bonbons unter die Gäste zu bringen. Ich nehme lieber keines, vielleicht hat er ja mein BuchMarkt-Namensschild gesehen. Oder ist das Bonbon eine Metapher für ein Friedensangebot?
Nein, ein Bonbon ist jetzt nicht das richtige. Wenn ich mich jetzt zwischen einem Bonbon, einem Hölderlin-Faksimile und einer Pizza entscheiden müsste, dann würde ich die Pizza nehmen.
(Denn das Bonbon kommt von Fouqué, und das Hölderlin-Faksimile habe ich ja schon. Danke, Stroemfeld-Verlag!)
Endlich Wochenende. Huchnein (huchdoch!), Sonntag müssen wir ja alle noch mal raus.
Sie und auch
Ihr
Messemayer