Home > News > Gerhard Beckmanns Meinung – Der Börsenverein hat’s wieder mal geschafft: Die Buchmesse endet mit einem Kommunikations-Supergau

Gerhard Beckmanns Meinung – Der Börsenverein hat’s wieder mal geschafft: Die Buchmesse endet mit einem Kommunikations-Supergau

Es war schön diesmal in Frankfurt. Eigentlich wollte ich hier darum heute in die allgemeine Euphorie einstimmen über die beste, die konstruktivste Frankfurter Buchmesse seit langem, mit den meisten Ausstellern und den meisten Besuchern (trotz kürzerer Einlass-Zeiten fürs Publikum) – ein Triumph für Volker Neumann, für die Buchwelt, für unser Land, für die Kultur. Ja, sogar für den Börsenverein könnte es ein wegweisender, zukunftsträchtiger Erfolg werden – so er denn in sich ginge (wofür es erste Anzeichen geben soll) und Volker Neumann als Messedirektor zurückholt, auch (so ein prominentes Verbandsmitglied) um den Preis, dass Neumanns Erzkontrahent, Harald Heker, im Amt des Hauptgeschäftsführers dort nicht zu halten wäre.

Heker und sein Team scheinen vergessen zu haben, dass die Frankfurter Buchmesse nicht nur ein wichtiger Wirtschaftstermin ist, der aus womöglich lokalpolitischen Standortinteressen im Sinne reiner moderner Managementeffizienz gedeichselt werden könnte – deshalb war es ein Kardinalfehler, einem wie immer unbequemen aber genialisch dynamischen Volker Neumann die Verlängerung seines Vertrages als Messedirektor zu verweigern [mehr…] Die Buchmesse ist nämlich primär der global wichtigste Branchenkommunikationstreff, und als solcher nur mit Kenntnis der Branche sowie in engster Tuchfühlung mit ihren internationalen Mitgliedern zu bewerkstelligen. Von daher ist sie – auf Grund der Eigenart des Buches – auch, erstens, das größte jährliche deutsche Kulturereignis sowie, zweitens, neben den Goethe-Instituten der bedeutendste Faktor internationaler deutscher Kulturpolitik – nicht zuletzt dank der unabhängig funktionierenden AuM und ihrer weltweiten Berater- und Mittlertätigkeit (die einer ausführlichen öffentlichen Darstellung würdig wäre).

Zu ihrer immens kulturpolitischen Dimension gehört der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der als Höhepunkt der Messe verliehen wird: der einzige deutsche Buchpreis von innerdeutsch öffentlicher politischer Bedeutung und von wirklich internationaler Ausstrahlung und Wirkung. Damit er das bleiben kann, muss er aber auch weiterhin „ausgestrahlt“ werden. Und damit sind mir beim Kern meines heutigen Themas.

Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche ist bis zum letzten Jahr von der ARD stets deutschlandweit live übertragen worden (und in Ausschnitten oft von ausländischen Sendern übernommen worden). Diesmal, für 2004, fand solch eine Übertragung nicht statt. Diese Entscheidung ist zunächst einmal den Intendanten der ARD anzulasten, die – so darf wohl mit Fug und Recht behauptet werden – ihren Kulturauftrag als öffentlich-rechtliche Anstalt in eklatanter Weise verletzt hat. Das ist ein Thema für die Feuilletons und Medienseiten unser großen Zeitungen.

Nun weiss man allerdings, dass die ARD schon in der Vergangenheit immer wieder starke Neigungen zeigte, diese Sendung abzusetzen. In der Vergangenheit ist es dem Börsenverein jedoch immer wieder gelungen, die ARD-Intendanten zu überzeugen, dass die Übertragung so wichtig ist, dass sie ausgestrahlt werden muss. In diesem Punkt hat der Börsenverein heuer versagt. Der Börsenverein? Nein, keineswegs der Vorstand, keineswegs Dieter Schormann – sondern der Apparat am Frankfurter Hirschgraben, das Hauptamt unter Harald Heker. Es hat sich entweder nicht der Mühe unterzogen, die notwendigen Gespräche zu führen, die sich einst manchmal monatelang hinzogen, oder war unfähig, die Bedeutung des Friedenspreises und seiner Übertragung zu kommunizieren.

Sollte es diesmal wirklich so schwer gewesen sein? Wir haben soeben die Erweiterung der EU vor allem um vordem kommunistische Länder in Mittel- und Osteuropa erlebt. Und ein international hochangesehener Schriftsteller aus einem dieser Länder hat in diesem Jahr den Friedenspreis erhalten. Im übrigen hat er – für Deutschland wie für die europäische Verständigung – eine der politisch bedeutsamsten Friedenspreis-Reden gehalten (was zu erwarten war).

Dies der ARD nicht vermittelt haben zu können, ist für die Branche, für die Buchmesse und ihren Rang ein Kommunikations-Supergau. Er wird – wie die unverständliche Entscheidung betreffend Volker Neumann – die Buchmesse, ihre öffentliche und internationale Bedeutung empfindlich beschädigen.

Es gibt wiederum Anlass zu der bangen Frage: Ist das Hauptamt des Börsenvereins noch in der Lage, die Interessen der Branche und ihrer Mitglieder zu vertreten, seinen Aufgaben im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse zu erfüllen? Anders gefragt: Sind die Prioritäten, welche sich der beamtete Börsenverein setzt, überhaupt noch im Einklang mit den objektiven Prioritäten der Autoren, der Buchhändler und Verleger, die dem Börsenverein als Mitglieder angehören, und der kulturpolitischen Bedeutung, welche die Branche für unser Land und weit darüber hinaus hat?

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert