Als erster deutscher Bildungsverlag, der dem Verband VdS Bildungsmedien e.V angehört (ehemals Verband der Schulbuchverlage), kehrt der Dürener Stolz Verlag zur alten Rechtschreibung zurück. Die Verlegerin Karin Pfeiffer-Stolz hat an ihre
Branchenvertretung einen entsprechenden Offenen Brief gerichtet: »Es muß jetzt endlich einmal ein Ende sein mit dem Wahnsinn der Sprachzerstörung! Wenn selbst die
Kultusminister kein Verantwortungsgefühl für das zeigen, was sie eigentlich zu schützen und zu fördern vorgeben, dann müssen wir, das Volk, uns wehren!«
Ein mutiger Schritt: Gefährdet das nicht ihr Schulbuchgeschäft?
Hier ihr offener Brief an VdS Bildungsmedien e.V.
Bezug: Pressemitteilung Nr. 9/2004 Titel „Bildungsverlage zur Rechtschreibreform: Mehr Sachlichkeit, mehr Sicherheit“
Sehr geehrter Herr Baer, sehr geehrter Herr Mikulic,
hiermit möchten wir anzeigen, daß wir uns von dem Inhalt der oben zitierten Pressemitteilung distanzieren. Wir halten die Kritik an der sogenannten Rechtschreibreform weder für überzogen, noch für unsachlich oder polemisch.
Wir distanzieren uns außerdem ausdrücklich von der Art und Weise, wie der VdS mit den Kritikern der Rechtschreibreform umgeht. Die angeblich von jenen angezettelten „Grabenkämpfe“ können wir nicht ausmachen. Allerdings registrieren wir inhaltlich aufschlußreiche Untersuchungen seitens anerkannter Sprachwissenschaftler sowie schwerwiegende, (also ernste, und keinesfalls schwer wiegende!) Bedenken, geäußert durch namhafte Schriftsteller. Die F.A.Z., die „Schweizer Monatshefte“ u.a. sind nach einer Erprobungszeit zum gleichen Ergebnis gelangt wie die rund 600 Sprachwissenschaftler und sind zur bewährten herkömmlichen Orthographie zurückgekehrt. An einer sachlichen und konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Problem scheint dem VdS nicht gelegen zu sein, sonst würde man nicht den Kritikern von vornherein Sachkenntnis und Redlichkeit absprechen. Wer feindlich auf sachbezogene Kritik reagiert und dem Gegenüber „Grabenkämpfe“ unterstellt, ist bereits selbst in den Graben gestiegen. Der seit 1996 zunehmend beklagenswerte Zustand unserer Sprache und ihrer Rechtschreibung – und nur darum muß es doch gehen – macht dem Verband offensichtlich keine Sorgen.
Sprache gehört uns allen. Daher geht sie uns alle an. Unsere Sprache hinter verschlossenen Türen zu reformieren, zu verändern, ja zu verstümmeln, ist ein Akt gemeinschaftsverachtender Willkür. Persönlicher Ehrgeiz, gepaart mit ideologisch motiviertem Sendungsbewußtsein, ist anscheinend die Hauptmotivation der selbsternannten Reformer für den Eingriff in unsere Sprache gewesen. Die „Reform“ – die diesen Namen nicht verdient, weil sie nicht etwas Schlechtes durch Besseres ersetzt hat, sondern umgekehrt – ist nicht für, sondern gegen das Volk durchgesetzt worden. Wer sich mit den Hintergründen beschäftigt, dem verschlägt es buchstäblich den Atem.
Im Namen aller Mitglieder des VdS verbreiten Sie wider besseres Wissen die Beschwichtigung, von einem „Schreibchaos“ könne keine Rede sein. Fühlen Sie sich bei solchen Äußerungen nicht unwohl, sehr geehrter Herr Mikulic, sehr geehrter Herr Baer? Wir gehen davon aus, daß Sie beide täglich Zeitung und andere Printmedien lesen. Wir können weiters davon ausgehen, daß Sie auch Kinder- und Schulbücher zur Hand nehmen. Wir dürfen daher voraussetzen, daß auch Ihnen aufgefallen sein muß, wie fehlerhaft und widersprüchlich die Rechtschreibregeln selbst in Druckwerken renommierter Verlage umgesetzt werden, weil niemand die unlogischen Paragraphen auch nur halbwegs richtig anzuwenden vermag! Und trotzdem behauptet der VdS unbeeindruckt, die Rechtschreibung sei zur allgemeinen Zufriedenheit verbessert und erleichtert worden! Dies entspricht nicht den Tatsachen. Vielmehr ist folgendes auf bedrückende Weise Wirklichkeit geworden: Die Orthographie im deutschen Sprachraum ist heute annähernd so uneinheitlich und fehlerhaft – ja geradezu anarchisch – wie im 18./19. Jahrhundert. Die kuriosesten wie peinlichsten Fehler vermehren sich ungehemmt und schießen ins Kraut, so daß darüber selbst das Druckpapier erröten müßte.
Die meisten Lehrer, welche die Reform anfangs begrüßt haben, stellen nunmehr ernüchtert fest, daß Schülern, vor allem und gerade auch in der s-Schreibung – dem „Herzstück der Reform“ – vermehrt Fehler unterlaufen. Nicht wenige Erwachsene, darunter auch professionelle Schreiber und Pädagogen, wissen selbst nicht mehr, wie man richtig schreibt. Aus verschiedenen „Strassen“ in Deutschlands Orten erreichen uns Briefe, deren Schreiber sich höflich und mit „freundlichen Grüssen“ verabschieden.
Daß das Reformwerk auf tönernen Füßen steht, wissen Sie beide persönlich ebensogut wie wir, auch wenn Sie aus politischen Gründen gebetsmühlenartig das Gegenteil behaupten.
Das wahre Ausmaß der Sprachzerstörung offenbart sich leider erst, wenn man gezwungen ist, selber nach den neuen Regeln zu schreiben und/oder zu korrigieren. Man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß der größte Teil der Reform stückweise zurückgenommen werden wird. Die reformbedingten Änderungen lassen sich nur mit Mühe oder gar nicht in das gewachsene Sprachgefüge einpassen, selbst die Grammatik ist von Änderungen betroffen, wie inzwischen allgemein bekannt sein dürfte. Beabsichtigt war jedoch ausschließlich eine „behutsame“ Reform der Orthographie.
Dies alles ist Ihnen bekannt. So wie auch die Tatsache, daß hinter verschlossenen Türen erneut an den Regeln herumgebastelt wird mit dem Ergebnis, daß in absehbarer Zeit sämtliche Druckwerke zum wiederholten, aber nicht zum letzten Mal, umgearbeitet werden müssen. Die Mitgliedsverlage des VdS werden bewußt darüber im unklaren gelassen, daß spätestens im nächsten Jahr ein Großteil der jetzt aufgelegten Druckwerke wieder „veraltet“ sein wird. Wer kommt für die Kosten der erzwungenen Nachbesserungen auf?
Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, sind bereits mannigfach Korrekturen und Veränderungen der Rechtschreibung vorgenommen worden. Wer den reformierten Rechtschreibduden aus dem Jahr 1996 besitzt, darf diesen getrost zum Altpapier legen. Die darin angegebenen Schreibweisen sind überholt. Und auch der 22. Auflage aus dem Jahr 2000 droht dasselbe Schicksal – spätestens im nächsten Jahr. Eine Vielzahl von Begriffen war durch die Neuregelung der Zusammen- und Getrenntschreibung ganz aus den Wörterbüchern verschwunden. Mittlerweile sind diese, noch vor kurzem als „veraltet“ geächteten Begriffe, wieder in die Wörterbücher zurückgekehrt, so als sei nie etwas geschehen.
Weitere Rückbaumaßnahmen werden stattfinden müssen, wenn wir wieder eine funktionierende Sprache haben wollen. Ein auf brüchigem Fundament errichtetes Gebäude läßt sich eben nicht durch Einbau neuer Fensterrahmen und Austausch von Dachziegeln stabilisieren.
Mit Pressemitteilungen wie der eingangs zitierten ignoriert der VdS die gravierenden Probleme und setzt stattdessen auf die Taktik des Schönredens und der Beschwichtigung. Um eines kurzfristigen Vorteils willen schadet der Verein auf lange Sicht nicht nur der Sprachkultur, sondern auch der Pädagogik. Die unvorhergesehenen schulischen und kulturellen Folgen der „Reformschreibung“ werden in Zukunft kaum zu Freude Anlaß geben.
Wider besseres Wissen betreibt der VdS, sowohl Mitgliedsverlagen wie auch der Öffentlichkeit gegenüber, eine gezielte Desinformationspolitik, die verschweigt, daß uns allen durch das ständig notwendige Nachbessern vermeidbare Kosten aufgebürdet werden – und das auf unabsehbare Zeit.
In Schulen räumt man derweil Schülerbibliotheken leer und wirft tadellose Bücher auf den Müll, weil deren vermeintlich „veraltete“ Rechtschreibung den Schülern nicht mehr zugemutet werden könne. Ein Akt unsinniger, in seiner Art einmaliger Barbarei! Sollen Schulen in Zukunft ihren Bibliotheksbestand jährlich, jeweils parallel zu den anfallenden Änderungen der „Reform“, erneuern müssen? Wer bezahlt das? Die Schulen könnten bald bedauern, ihren noch brauchbaren Bibliotheksbestand vorzeitig „ausgemistet“ bzw. entsorgt zu haben!
Angesichts der gravierenden Fehler des Reformwerks und der zunehmenden Verwirrung in der Bevölkerung wäre es an der Zeit, sich zu dem Irrtum zu bekennen und sich für eine Aufhebung des mißglückten Experiments einzusetzen! Man fühlt sich erinnert an das tragische Geschehen auf der sinkenden Titanic: Das Orchester spielte trotz nahender Katastrophe Tanzmusik, um von der Ernsthaftigkeit der Lage abzulenken. So verbreitet der Verband ungeachtet der sattsam bekannten Probleme das Märchen, an den Schulen werde erfolgreich mit der „neuen“ Rechtschreibung gearbeitet, die Reformschreibung habe sich bewährt, Lehrer und Schüler seien zufrieden. Woher beziehen Sie diese Informationen? Wir bitten um genaue Quellenangaben, um uns selbst von der Zufriedenheit der „Rechtschreibbenutzer“ überzeugen zu können. Die Erfahrungen, die wir selbst in zahlreichen Gesprächen mit Lehrern sammeln konnten, weisen in eine andere Richtung. Vor allem entstehen nun infolge der Reform nicht weniger, sondern mehr Rechtschreibfehler. Grundschullehrer haben mit der eigentlichen Problematik der sogenannten Rechtschreibreform im Unterricht kaum zu tun. Deren diesbezügliches Urteil ist deshalb nicht repräsentativ. Die Lehrer weiterführender (nicht: weiter führender) Schulen jedoch drücken in privaten Gesprächen, sofern sie sich nicht aus ideologischen Gründen auf die Seite der Reformer geschlagen haben, Unzufriedenheit und Irritation aus. Daß wenige es wagen, öffentlich ihren wachsenden Unmut gegen die Zumutungen der „Rechtschreibreform“ und deren Folgen auszudrücken, war nicht anders zu erwarten, traurig ist es trotzdem. Möglich, daß die meisten unter dem Eindruck der einseitigen Informationspolitik glauben, die „neue Rechtschreibung“ sei Gesetz, und man könne nichts mehr dagegen tun. Das aber ist nicht der Fall! Dennoch gibt es neben den protestierenden Sprachwissenschaftlern auch genügend Lehrer, die kein Blatt vor den Mund nehmen, wie z.B. der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, OStD Josef Kraus.
Die wiederholten Verlautbarungen des Verbands, das Rechtschreibexperiment habe sich bewährt, ist nichts anderes als Stimmungsmache. Wir verwahren uns dagegen, im Kielwasser des Verbandes ein gescheitertes Reformwerk gesundbeten und hochjubeln zu müssen – aus kurzsichtigen wirtschaftlichen Erwägungen. Die „Reformrechtschreibung“ wurde unter Mißachtung demokratischer Regeln von einer Minderheit diktiert und wird bis heute von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt, wie nicht nur der Volksentscheid in Schleswig-Holstein, sondern auch repräsentative Umfragen ergeben haben.
Das Argument, man könne den Schülern nicht erneut zumuten, sich einer geänderten Orthographie zu stellen, ist unredlich. Argumente dieser Art konstruieren immer dann klientenfreundliche, kinder- oder schülerbezogene Interessen, wenn damit eigene, alles andere als altruistische Ziele durchgesetzt werden sollen – und diese sind wirtschaftlicher und machtpolitischer Art. Fragte im Jahr 1996 jemand danach, ob Schüler (und Lehrer) nicht angesichts der vorschnell eingeführten und völlig unausgegorenen Regeln überfordert und verunsichert hätten sein können? Tatsächlich waren die Betroffenen alles andere als begeistert, und das nicht nur deswegen, weil mit einem Schlag private und schulische Druckwerke entwertet worden waren. Sinn und Tragweite dieser „Reform“ hat auch kaum jemand begriffen, dies ist unsere Erinnerung an die Vorgänge in den Monaten nach dem staatlich verordneten Eingriff in den schulischen Rechtschreibunterricht.
Welche Situation haben wir heute? Die Schüler bewegen sich seit der vorschnellen Einführung der „Reform“ in einer zunehmend uneinheitlich werdenden Schriftkultur. Sie spüren die Unsicherheit der Erwachsenen, bekommen täglich die Beliebigkeiten der Orthographie vor Augen geführt und fragen sich, weshalb sie überhaupt noch richtig schreiben lernen beziehungsweise Sorgfalt auf das Geschriebene anwenden sollen. Dies, und allein dies ist die eigentliche Zumutung. Aus lernpsychologischer und pädagogischer Sicht eine Bankrotterklärung! Das aber kümmert weder die Reformer selbst, noch die Kultusminister, und schon gar nicht den VdS. Glauben sie alle wirklich, daß wir mit der Fortsetzung des traurigen Experiments unseren Schülern keinen Schaden zufügen? Der Streit um die Orthographie ist willkürlich vom Zaun gebrochen worden, niemand wollte sie, niemand brauchte sie, und jetzt leiden darunter vor allem Schüler, Lehrer und Schulbuchverlage.
Wir wünschen nicht, daß der Verband Druck auf die KMK ausübt, man möge „deutlich vor dem 1. August“ zu einer Entscheidung kommen. Die „Reformrechtschreibung“ darf nicht erneut überhastet und an der Öffentlichkeit vorbei den Schulen und Behörden mit bloßen Erlassen aufgezwungen werden. Es ist genug Schaden entstanden! Als Verleger von Schulbüchern und Lernhilfen haben wir eine Verantwortung gegenüber den nachwachsenden Generationen und sind nicht bereit, uns dieser wider besseres Wissen zu entziehen. Pressenotizen, deren Inhalt dazu geeignet ist, der Sprachgemeinschaft Schaden zuzufügen, möchten wir weder unterzeichnen noch als Mitglied des Verbandes unterstützen.
Bei unseren Recherchen stießen wir auf folgende Information: Im September 1998 habe der Verband VdS Bildungsmedien e.V. rund 400.000 Mark ausgegeben, um den schleswig-holsteinischen Volksentscheid gegen die Rechtschreibreform zu hintertreiben. Wir bitten Sie um Stellungnahme. Auch wenn wir im Jahr 1998 noch nicht Mitglied waren, erfüllte uns doch ein solches Vorgehen mit großem Unbehagen.
Wie die Akademien der Wissenschaften und die 50 Rechtswissenschaftler, sowie die Mehrheit der Angehörigen der deutschen Sprachgemeinschaft, sind auch wir der Meinung, daß das mißglückte Experiment beendet werden muß – je eher, desto besser!
Peter Stolz, Karin Pfeiffer-Stolz.
Stolz Verlags GmbH Schneidhausener Weg 52 52355 Düren www.stolzverlag.de







